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TV-Tagebuch
02/22/2021

Lockdown-Kritik in ORF-Talk: "Die Leute machen nicht mehr mit"

Die aktuelle "Im Zentrum"-Debatte bildete deutliche Kritik an den Corona-Maßnahmen ab. Aus beiden Richtungen.

von Peter Temel

*Disclaimer: Das TV-Tagebuch ist eine streng subjektive Zusammenfassung des TV-Abends.*

Rund vierzig Ausgaben der Diskussionssendung „Im Zentrum“ gab es seit dem Beginn der Corona-Krise in Österreich- nur rund zehn Mal ging es darin nicht um die Pandemie und ihre Herausforderungen.

Und ähnlich wie der Gesundheitsminister alle zwei Wochen - jetzt aber wirklich - die Entscheidung ankündigt, so gibt es auch bei den Sendungstiteln gewisse Wiederholungen. „Zwischen Virologie und Psychologie – Ist der Lockdown bis Ostern gerechtfertigt?“ lautete er diesen Sonntag. Bereits am 17. Jänner hieß es: „Viruslast und Dauerfrust – Ausnahmezustand bis Ostern?“ Oder: „Existenzkampf und Überlastung – Wie hoch ist der Preis der Krise?“ (24. Jänner) „Geschlossene Gesellschaft – Hilft nur der totale Lockdown?“ (15. November).

Zumeist waren die vom ORF geladenen Experten Lockdown-Befürworter. Auf die Seite der Corona-Skeptiker stellte sich überhaupt nur ein Politiker: FPÖ-Klubchef Herbert Kickl (am 10. Jänner).

Vergangenen Sonntag war wieder eine reine Expertenrunde am Werk. Das Meinungsbild war diesmal aber auffallend kritisch.

Kritik an Angst-Politik

Geladen war etwa der Psychologe und Neurowissenschafter Manuel Schabus, von der Universität Salzburg. Er wurde bekannt, weil er zuletzt in Fernsehsendungen Studienergebnisse verkündete, wonach die Gefahr, bei einer Corona-Infektion auf einer Intensivstation zu landen, um das bis zu 56-fache überschätzt werde. Diese Betrachtung lässt allerdings außer Acht, dass die Überbewertung offenbar auch nicht davor schützt, die Corona-Maßnahmen zu wenig ernst zu nehmen.

Kilian Albrecht wurde als ÖSV-Slalomläufer bekannt, wenngleich nicht berühmt. Derzeit managt er US-Ski-Ass Mikaela Shiffrin und sorgt sich um die Volksgesundheit. Aber nicht so sehr wegen einer möglichen Überlastung des Gesundheitssystems. Den aktuellen Lockdown hält er „absolut nicht mehr für gerechtfertigt“. Er glaube, „dass die Leute einfach nicht mehr mitmachen.“ Weil die Zahlen nicht mehr so hoch seien wie noch im November und weil die 7-Tages-Inzidenz nicht „in Relation gesetzt wird mit der Testerei.“ 

Er versteht nicht, warum man zum Beispiel nicht Tennis spielen darf, kritisiert die Vorbehalte gegen das Skifahren, plädiert für mehr Bewegung.

„Die Leute lechzen danach“, stieß Schabus ins selbe Horn. Er ist über die Schlafforschung zur Coronathematik gekommen. Das Ergebnis seiner Studie: Die Leute schlafen in einem Lockdown zwar länger, aber sie schlafen nicht so gut. Das liege an der Angst. Und es sei „sehr viel Angst gemacht worden“. Eine Angst, die noch viele Menschenleben kosten werde, befürchtet der Forscher, ohne genauer darauf einzugehen.

Alarmglocken

Seine Erhebungen würden auch zeigen, dass die Österreicher eine Normalität erst für 2022 erwarten. "Da müssten alle Alarmglocken schrillen", sagt Schabus. Eine Gesellschaft könne nicht so lange in Angst leben.

In den Umfragen hätten die Menschen bekundet, dass ihnen Treffen mit Verwandten oder Freunden und Sport am meisten helfen würden. Genau das sei aber verboten, kritisiert Schabus.

Es ist eine Kritik, die aber nur eine Seite abbildet und die epidemiologischen Erfordernisse außer Acht lässt. Das ist übrigens auch umgekehrt so. Gefragt ist nach solchen Debatten erst recht wieder die Politik.

Auch Kritik von virologischer Seite

Der Epidemiologe Gerald Gartlehner wurde in der Corona-Pandemie ziemlich bekannt, zuletzt auch als Kritiker der Lockerungen. Spätestens Mitte März sei daher ein weiterer harter Lockdown zu befürchten, sagte er unter anderem. Bei „Im Zentrum“ erneuerte er als Mitglied der Corona-Ampel-Kommission auch seine Kritik, dass die Politik zu wenig evidenzbasiert vorgehe. „Ein großes Versäumnis der Regierung ist, dass die Maßnahmen, die gesetzt wurden, also sowohl die Lockdowns als auch die Öffnungen, nie wirklich evaluiert wurden und keine Daten erhoben wurde.“

Man wisse daher überhaupt nicht, wie das Infektionsrisiko in Museen oder in der Gastronomie sei.  Dadurch entstehe ein Handeln, dass noch immer auf Versuch und Irrtum beruhe. Mit mehr an Wissen könnte man präzisere Entscheidungen treffen, sagt Gartlehner.

Generaldirektorin diesmal zurückhaltend

Katharina Reich, seit Mitte Dezember Generaldirektorin für die Öffentliche Gesundheit, wurde schlagartig bekannt, als sie Anfang Jänner statt dem Gesundheitsminister in die „ZiB 2“ geschickt wurde, um den schleppenden Impfstart zu rechtfertigen. Nicht zuletzt ihre Formulierung „genau im Plan“ sorgte für Kritik.

Reich hat daraus sichtlich gelernt und zeigt sich bei Claudia Reiterer betont einsichtig und konstruktiv. „Ich kann’s nachvollziehen“, sagt sie, angesprochen auf Gartlehners Kritik. „Wir wissen manches noch zu wenig“. Allerdings kann sie nicht wirklich erklären, warum dem noch immer so ist.

Reich sagt, man versuche, zusätzlich zu dem klassischen Contact Tracing auch das „Source Tracing“ zu intensivieren. Aufhorchen lässt Reich mit folgender Anmerkung: „Die Leute geben das nicht mehr so gerne an: Wo waren Sie denn denn? Mit wem waren Sie denn? Diese Instrumente werden dann stumpf. Wir würden gern vieles wissenschaftlich begleiten, aber manches brauchen wir von den Leuten da draußen. Und unsere Pfeile, die wir im Köcher haben, dürfen nicht stumpf werden.“

Albrecht überzeugt das nicht. Man habe „den Leuten, vor allem am Anfang, zu viel Angst gemacht und sie nicht ins Boot geholt.“ Mit Angst gehe aber nichts, das wisse er vom Skifahren. Er appelliert an die Eigenverantwortung.

Das Covid-Zahlenmaterial, mit dem Österreich aus dem Sommer gekommen ist, spricht leider eine andere Sprache. Damals war Eigenverantwortung relativ hoch im Kurs.

Spera: "Wie ein Keulenschlag"

Mit Danielle Spera, die als „ZiB“-Moderatorin unheimlich bekannt geworden ist, saß eine Frau in der Runde, die bereits eine Covid-Erkrankung hinter sich hat Sie erklärte mit Blick zu Schabus und Albrecht, dass die Langzeitwirkungen dieser Krankheit „wirklich nicht zu vernachlässigen“ sind. Sie habe noch immer keinen Geruchssinn, der Geschmackssinn sei weiterhin beeinträchtigt und sie bekomme immer wieder Atemprobleme.

Sie habe sich das nie vorstellen können, weil sie immer gesund gelebt habe. Diese Krankheit treffe einen aber „wie ein Keulenschlag“, sagt Spera. Man müsse die Folgen von „Long-Covid“ bewusst machen, „ohne Angstmache“.

Als Direktorin des Jüdischen Museums Wien freue sie sich natürlich über die Öffnung der Museen. Sie sehe auch andere Kulturinstitutionen wie die Theater gerüstet und mit ausreichenden Hygienekonzepten ausgestattet.

Gegen laschen Lockdown

Gartlehner plädiert weiterhin für Vorsicht und Härte. „Der letzte Lockdown, der Österreich so im Halbschlaf gehalten hat, war der falsche Weg“, sagt der Epidemiologe. „Den hätte man endlos fortschreiben können und die Zahlen wären nicht runtergegangen.“ Die letzten beiden Wochen hätte man härter gestalten sollen, „um die Zahlen wirklich runterzubringen“, meint er. Dass es Realität sei, dass die Menschen nicht mehr mitmachen, müsse man aber berücksichtigen.

„Im November wäre uns die Lage wirklich fast entglitten“, sagt Gartlehner. „Da waren die Spitäler wirklich am Anschlag.“ Was die Lage derzeit gefährlich mache, seien die wesentlich ansteckenderen Virusvariationen. „Wenn uns die Lage jetzt entgleitet, dann wird sie uns wesentlich schneller entgleiten als im November.“

Weg von der Opferrolle

Generaldirektorin Reich hakt da ein. Man dürfe jetzt nicht „überhabs“ und „in Vorfreude“ alles verspielen. Das Rezept: „Schritt für Schritt vorgehen und aus der Opferrolle herauskommen“, das sei auch für die „psychische Gesundheit“ wichtig.

Letzteres ist als Beruhigung für die Kritiker gedacht. Wirklich überzeugen dürfte es sie nicht. Uns stehen Wochen intensiver Diskussionen bevor, nicht nur bei „Im Zentrum“.

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