© Kurier/Gerhard Deutsch

Essay
02/20/2021

Ein Jahr Corona: Das mediale Virus

Wie die Pandemie auch das KURIER-Medienhaus umgekrempelt und das Geschäft mit den Nachrichten verändert hat

von Gert Korentschnig

Vieles hat uns Corona genommen, aber zum Glück nicht den Humor.

Zu den lustigsten journalistischen Elementen der vergangenen Wochen zählt ein Twitter-Projekt des nunmehrigen ZDF- und ehemaligen KURIER-Kollegen Christoph Schattleitner, der (tatsächlich erschienene) Schlagzeilen gesammelt hat, die vor Corona viele Fragen aufgeworfen hätten. Zum Beispiel:

„Wie sehr sich die Mutanten in Österreich ausgebreitet haben“

„Machtwort von Söder: Buch auf Parkbank lesen ist erlaubt!“

„Heilige Drei Könige haben unaufschiebbare berufliche Tätigkeit“

„IS warnt Terroristen vor Einreise nach Europa“

Oder: „Kanzler Kurz als einer der Ersten beim Friseur“.

Ja, die Welt hat sich Mutanten- und Frisuren-mäßig verändert. Aber auch viele andere Dinge hätten wir noch vor einem Jahr nicht für möglich gehalten. Gehen wir daher zurück zum Anfang.

Ganz weit weg

Es war im Jänner 2020, als sich über Presseagenturen auch in Europa vermehrt Meldungen über ein neues Virus in China verbreiteten. Weit weg, und vermutlich genauso aufgeblasen wie früher einmal die Schweine- oder die Vogelgrippe, dachten wohl die meisten Journalisten.

Kurz nachdem dann die Regierung in Peking mit der Abriegelung von Wuhan selbst für chinesische Verhältnisse heftig reagiert hatte, entschied sich der KURIER am Sonntag zum ersten Mal, auf Anregung des Kulturchefs und China-Experten Georg Leyrer, für ein Coronacover. „Das politische Virus“, lautete die Schlagzeile, und im Blattinneren stellte Außenpolitik-Chef Andreas Schwarz die Frage, welche Auswirkungen Corona auf die internationale Politik haben könnte. Gesundheitsminister Rudolf Anschober sagte in dieser Ausgabe in einem Interview mit Ida Metzger: „Influenza ist das größere Risiko.“

Dann war gleich wieder Virenpause, am Opernball wurde getanzt, alles gut also. Bis am 20. Februar Mattia Maestri (38) als erster Italiener positiv auf Corona getestet wurde (heute weiß man, dass sich das Virus schon längst in Europa ausgebreitet hatte, auch in bzw. über Ischgl). Codogno, ein Ort südlich von Mailand, wurde gesperrt, und in der KURIER-Redaktion herrschte diesbezüglich erstmals Hektik. Uns wurde klar: Nicht mehr lange, bis das Virus (die meisten verwendeten damals noch den männlichen Artikel) in Österreich aufschlagen würde. Am 25. Februar war es so weit.

Bei zwei Personen in Innsbruck wurde Corona nachgewiesen. Und die „ZiB“ berichtete live vor dem Grand Hotel Europa, dass dieses abgesperrt sei – während man allerdings im Hintergrund Menschen sah, die ein- und ausgingen.

Seither ist das Thema omnipräsent in den Medien, somit auch in der Öffentlichkeit. Und nur was in Medien vorkommt, existiert. Der Rest ist rasch vergessen, wie etwa die Asiatische Grippe (1957/’58, 1–2 Millionen Tote) oder die Hongkong-Grippe (1968–’70, 1 Million Tote; bei Corona wurden bisher etwa 2,5 Millionen Tote bestätigt).

Wie aber verantwortungsvoll umgehen mit einer Pandemie, die in diesem Ausmaß weder die Politiker-, noch die Journalisten-Generation von heute auch nur im Ansatz erlebt hat? Es herrschte Ratlosigkeit. Und nirgendwo eine klare Linie.

In der Anfangsphase versuchten wir es noch mit einer gewissen Leichtigkeit zu nehmen und gestalteten ein Sonntags-Cover, das stilisierte Viren zeigte. Die waren bunt und lieblich. Aber wie sollte man das titeln? Wir wollten es augenzwinkernd „Die Monster AG“ nennen. Richtigerweise gab es Einwände, man würde die Krankheit damit verniedlichen. Schließlich wurden „Kleine Monster“ daraus – und wir von Experten sehr gelobt für die umfassende Aufklärung.

Die Macht des Wortes

Jedenfalls merkten wir schon damals, dass es in dieser Krise auf jedes Wort ankommt, wahrscheinlich noch mehr als sonst. Jeder Titel ist seither nicht nur Nachricht, sondern auch Message. Zumindest kommt er beim Rezipienten so an, so sehr man sich auch um Sachlichkeit bemüht. Täglich muss man sich fragen: Wie sehr macht man Angst, wenn man über Tote berichtet? Wie sehr sind Nutzerzahlen ein inhaltlicher Gradmesser? Wie sehr wird man zum Sprachrohr der Regierung, wenn man Pressekonferenzen live durchschaltet (eine Frage, die sich vor allem ORF-Seher stellten)? Wie weit sollte man heftigen Gegnern der Maßnahmen eine Plattform geben, auch gegen eigene Überzeugungen?

Letztere Frage beschäftigte uns intensiv, als wir uns entschieden, ein Inserat einer kritischen (und großteils anonymen) Organisation zu bringen, weil wir uns nicht anmaßen wollten, Zensur zu üben. Der Shitstorm war gewaltig, aber es gab auch Zustimmung.

Unvergesslich ist der Abend des 12. März 2020, als klar wurde, dass es in Österreich den ersten Lockdown der Geschichte geben würde. Da diskutierten Kolleginnen und Kollegen im Newsroom, ob es tatsächlich sein könnte, dass man bald Massengräber ausheben müsse. Es wurde über Notbetten im Medienhaus gesprochen. Und darüber, dass man einander vielleicht einige Wochen nicht mehr sehen werde.

An diesem Tag trennten wir die Redaktion in zwei Teams, von denen bis heute alternierend nur eines im Haus sein darf – und auch das reduziert auf einen Vertreter pro Ressort. Chefredakteurin Martina Salomon und ich haben einander seither fast nie persönlich getroffen. Vieles von dem, was Journalismus ausmacht – die Debatten beim Kaffee, die unterschiedlichen Meinungen, konstruktiver Streit – waren in dieser Form nicht mehr möglich. Man sieht die Redakteurinnen und Redakteure mehrmals täglich, aber nur auf dem Schirm.

Der große Graben

Alle Medien verhielten sich unterschiedlich, in ihrer Orientierungslosigkeit aber ähnlich. Sehr viele berichteten 1:1, was Politiker in Pressekonferenzen sagten – man wusste es ja lange Zeit nicht besser, wo waren schon die Experten für ein derartiges Ereignis, wer kannte Infektiologen? Ein Salzburger Fernsehsender versuchte sich früh und lautstark als Megafon der Regierungsgegner zu etablieren, durchaus brachial, sozusagen die Westkurve des pandemischen Duells. Was auch immer medial auftauchte, es stieß bei Andersgläubigen auf Ablehnung. So heftig, so aufgeladen waren Leser- und Seherstimmen zuvor nur selten. Maskenverweigerer gegen -Liebhaber, Skeptiker gegen Paniker, Regierungsstimme gegen Opposition, manchmal in einer Person vereint. Corona ist die Pandemie der Schizophrenie.

Die Politik versuchte zu vereinen und zu vereinnahmen, peilte einen Schulterschluss an und bewies während dieser psychologischen Feldstudie, dass genau das auf Verordnung nicht funktionieren kann. Wahrscheinlich war aber ohnehin mehr ein Abdrehen von Diskussionen intendiert.

Nach einem Jahr des Pendelns im Eiskanal, wo man sich immer wieder an der Bande den Kopf anhaut, nach einem Jahr voller Enttäuschungen und Hoffnungen, voller Bremsmanöver und sozialmedialer Temporäusche, nach Lockdowns im Handel und in der Argumentationsfähigkeit, nach einer Zeit der Nationalismen und der Solidarität, des Abstandes und Anstandes (beides oft zu gering), müssen viele zugeben, dass sie so klug sind als wie zuvor.

Was das Virus mit der einhergehenden Maskenpflicht auf alle Fälle gebracht hat: eine Demaskierung in vielen Bereichen, sehr viele wahre Gesichter kamen zum Vorschein. Und es hat die Kluft vergrößert zwischen Arm und Reich, zwischen Links und Rechts, zwischen Rednern und Zuhörern.

Wie lange die Gesundheitskrise auch noch dauert: Politiker, Journalisten, eigentlich alle, sollten rasch und selbstkritisch damit beginnen, die Scherben wegzuräumen. Ehe uns das Lachen irgendwann doch vergeht. Den zweiten Corona-Jahrestag wollen wir anders begehen.

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