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Chronik Österreich
02/21/2021

Die Toten der Pandemie: Das sind die Menschen hinter den Zahlen

Jeden Tag fordert die Pandemie Menschenleben. Hinter jeder Zahl steckt ein Schicksal.

von Valerie Krb, Daniela Davidovits, Barbara Mader, Yvonne Widler

Die täglichen Todesmeldungen sind mittlerweile Alltag geworden. 24 Menschen sterben in Österreich im Schnitt pro Tag an Covid-19. Es sind abstrakte Zahlen, Linien in Diagrammen. Doch für Menschen, die ihre Liebsten verloren haben, ist eine Welt untergegangen.

Oft sind es plötzliche Verluste. Man hatte noch so viel vor. Besonders schwer wiegt, dass ein persönlicher Abschied durch die Umstände der Pandemie oft unmöglich wurde. Wir zeigen zumindest einige Gesichter hinter den Todesmeldungen. Und haben Angehörigen und Wegbegleitern die Möglichkeit gegeben, sich so zu verabschieden.

Sissy Schmatz, 64 Jahre

Sissy war ein glücklicher Mensch. Sie war großzügig, wollte immer helfen und andere beschenken. Sie hatte viele Freunde in der Nachbarschaft und sich oft nach deren Kindern erkundigt. Von jedem der Kinder kannte sie die schulischen und beruflichen Erfolge.  

Sie hat sich um alle gekümmert, nicht nur um mich. Jahrelang hat sie ihre Mutter gepflegt. Sissy war sehr aufopfernd. Jetzt hätte für uns das gute Leben beginnen sollen. Sissy war in Pension, ich hab mich auch ins Privatleben zurückgezogen. Gemeinsam wollten wir den Winter im Süden verbringen. Dann hat uns ihre  Krankheit einen Strich durch die Rechnung gemacht. Sissy hat Leukämie bekommen. Gut behandelbar allerdings.

Vor Kurzem hatte sie ihre letzte Chemotherapie. Sie hat sie gut vertragen. Genau das war wohl ihr Schicksal. Gegen Ende des Jahres empfahlen die Ärzte, die letzte Therapie gleich anzuhängen, gerade weil alles so gut geklappt hat. Anstatt zu Silvester nach Hause zu kommen, ist Sissy im Spital geblieben. Sie wollte alles gleich erledigen und dann im Frühjahr Ruhe haben. Wir haben schon Urlaubspläne geschmiedet, wir wollten nach Verona.   

Am 7. Jänner hat sie sich im Spital mit dem Coronavirus infiziert. Am 6. Februar ist Sissy gestorben. Ich hab sie noch einmal besuchen dürfen, sie war im Tiefschlaf. Wir haben noch so viel vorgehabt. 
Josef Schmatz, Ehemann

Andreas Mattei, 57 Jahre

Andreas war ein sportlicher Mann, den es immer in die Natur hinauszog – egal, ob beim Wandern, Langlaufen oder Schwimmen. Sein E-Bike liebte er besonders.  

Seit er 20 war, arbeitete Andreas in einer Bank, zuletzt sogar als Mitglied der Geschäftsführung. Am wichtigsten aber war ihm seine Familie. Gemeinsam mit unseren  Kindern sind wir viel gereist, das war unser liebstes Hobby. Drei Mal waren wir in den USA und sogar eine Rundreise durch China haben wir gemacht.

Unsere letzte Reise führte uns Ende Oktober 2020 von Vorarlberg nach Wien, wo unsere beiden Kinder studieren. Wir hatten ein paar unbeschwerte Tage. Eine Woche nach unserer Rückkehr erkrankte ich an Covid-19, kurz darauf unsere Tochter, eine Woche später Andreas. Meiner Tochter und mir ging es immer besser, ihm immer schlechter. Er wurde ins Spital gebracht, es folgten Intensivstation und künstlicher Tiefschlaf. Anfang Dezember wurde Andreas ins AKH  verlegt, wo weiter um sein Leben gekämpft wurde. Er verlor diesen Kampf kurz nach Weihnachten, am 27. Dezember 2020. 
Birgit Mattei, Ehefrau

Ursula Altnöder, 75 Jahre

Meine Mama lebte fürs Kochen, Nähen und ihren Hund Bobo. Gemeinsam mit meinem Papa entwickelte sie eine Liebe zu Avocados. Auf ihrer Finca in Malaga, wo sie viele Jahre lebten, haben sie über 1.000 Bäume gepflanzt. Kurz vor meiner Geburt sind sie zurückgekehrt und lebten zwischen Passau und Salzburg.   

Bei ihr ging alles sehr schnell. Am Freitag war sie noch mit ihrem Hund spazieren, hat mit ihrer Schwester Griesnockerl-Rezepte ausgetauscht. Am Sonntag, den 5. April 2020, ist sie gestorben. Wir haben das nicht verstanden. Ihr Hausarzt meinte, sie sei gesund gewesen. Mir kommen die Tränen, wenn ich das schreibe, weil ich zwar vor Ort war, aber nicht „Tschüss“ sagen konnte.  
Gesine Görlich-Fletzberger, Tochter

Josef Neumayr, 56 Jahre

Mein Vater war ein positiver und lebenslustiger Mensch. Liebe, Genuss und Freundschaft sind bei ihm an erster Stelle gestanden. Egal, welche Steine ihm das Leben in den Weg gelegt hat, er hat immer einen Weg gefunden, weiterzumachen. 

In Salzburg konnte man keine hundert Meter mit ihm gehen, ohne dass er jemanden kannte. Und wenn es einmal nicht so war, hat er dank seiner einnehmenden Art schnell Anschluss gefunden. Zuletzt hat er in der Gastronomie gearbeitet.

Mein Vater ist am 21. Dezember 2020 nach fast neun Wochen auf der Intensivstation im Landeskrankenhaus Salzburg gestorben. Er hinterlässt drei Söhne, seine Eltern und seine langjährige Lebensgefährtin. Sein ansteckendes Lächeln wird uns immer in Erinnerung bleiben. 
Robert Neumayr, Sohn

David Karschigijew, 40 Jahre

Mein David war ein wunderbarer Ehemann und Vater. Wir waren 18 Jahre lang glücklich verheiratet und haben sechs großartige Kinder, fünf Söhne und eine kleine Tochter. Er hat mich immer unterstützt, ist nachts aufgestanden, hat sich um  die Kinder gekümmert. Er war ein Familienmensch – auch für Geschwister und Eltern.

Regelmäßig brachte er Geschenke oder Blumen, auch ohne Anlass. Dafür schätzten ihn auch seine zahlreichen Freunde, denn er war ihnen gegenüber genauso herzlich, wie auch zu seiner Familie.

Er hat eine Gastronomieausbildung gemacht. Wir führten ein Taschengeschäft mit Reparaturservice, aber sein Traum war es, ein Lokal aufzumachen. Vor dem Lockdown hatte er einen Mietvertrag quasi in der Tasche.

Das idyllische Leben fand im Herbst ein jähes Ende: Nachdem er sich mit Corona angesteckt hatte, lag er wochenlang auf der Intensivstation und kämpfte um sein Leben. Alle haben für ihn gebetet, auf der ganzen Welt. Letztendlich verlor er den Kampf. Wir waren erschüttert von seinem Tod. Es ist so unfassbar. Doch die Familie hält, in seinem Andenken, weiterhin zusammen und dafür bin ich dankbar.
Bella Karschigijew, Ehefrau

Franz Müller, 73 Jahre

Papa ist in eher bescheidenen Verhältnissen in Wien aufgewachsen. Mit 21 Jahren hat er meine Mutter geheiratet, mit ihr war er 53 Jahre lang glücklich verheiratet. Meine Schwester und ich sind sehr behütet aufgewachsen. Wir haben ihm vier Enkel geschenkt, die er über alles geliebt und verwöhnt hat. Zuletzt wurde er sogar noch Uropa. 

Seine große Leidenschaft war Fußball. Ich habe mit ihm noch aktiv in einer Mannschaft gespielt und wir haben Bundesligaspiele im Stadion besucht.

Der Schock war groß, als er vor 10 Jahren die Diagnose Leukämie erhielt. Dank der Medikamente konnte er jedoch viele Jahre gut damit leben. Erst in den letzten Jahren ging es ihm schlechter. Im September 2020 kam der erneute Rückschlag und er musste ins Spital. Dort steckte er sich mit dem Coronavirus an. Nach zwei Wochen ging es ihm besser, er konnte die Intensivstation verlassen. Kurz danach, am 13. Dezember, ist er gestorben.   

Dass wir Papa in den letzten vier Wochen seines Lebens nicht  persönlich begleiten konnten, ist für uns unendlich schmerzhaft. Er war ein absoluter Familienmensch und wird mir und der ganzen Familie sehr fehlen. 
Christian Müller, Sohn

Roman Stadelmann, 93 Jahre

Er galt als legendär. Mit 93 Jahren hat Salesianer-Pater Roman Stadelmann noch mit den Ministranten Fußball und Tischtennis gespielt. Und kurz vor seinem Tod hat er sich besonders gefreut, als seine Schützlinge das Fußballturnier gewonnen haben.

Was allen in Erinnerung bleiben wird: Einmal haben sich während des Kirchenputzes Kinder in der Kirche versteckt. Viele  dachten: Jetzt wird er schimpfen. Aber im Gegenteil – er mochte  es, wenn alle fröhlich waren. Am 11. April ist er gestorben.
Pfarre Herz Jesu, Amstetten

Fritz Weber, 73 Jahre

Mein Mann wurde von so vielen Menschen geschätzt. Auch von seinen Studenten an der WU Wien. Dort hat er am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte gelehrt. Außerdem war er Musikkritiker bei den Salzburger Nachrichten

Privat gehörte seine Liebe unter anderem unserem Kater Felix, der fünf Tage vor ihm gestorben ist. Fritz ist in der Nacht auf den 14. Mai 2020 von uns gegangen. Vielleicht jagen sie nun gemeinsam nach Mäusen.  
Daniele Slapota, Ehefrau

Marianne Ruth Seymann, 78 Jahre

Ruth, geborene Grossmann, kam als Tochter zweier Wiener Juden in der Emigration in England 1942 zur Welt. Ihr Vater war Kommunist und wurde in die Konzentrationslager Dachau und Buchenwald deportiert, aber mit der Verpflichtung, auszuwandern, freigelassen. 1946 kehrte die junge Familie nach Wien zurück und setzte ihr politisches Wirken bei der KPÖ und der Gewerkschaft fort.

Ruth wuchs in Wien auf und studierte nach der Matura zunächst Pharmazie, lernte aber schon früh in der „Freien Österreichischen Jugend“ (FÖJ), der vorwiegend Kommunisten und Sozialisten angehörten, ihren späteren Ehemann Ernst Seymann kennen. Bald kam Tochter Sonja zur Welt, zwei Jahre später Martin. Das Studium schloss sie nicht mehr ab. 

Sie schaute immer über den Tellerrand: 1959 war sie Betreuerin der japanischen Delegation bei einem Welt-Jugend-Festival in Wien, 1962 reiste sie zu einem solchen Festival nach Helsinki.

In den letzten 15 Jahren lebte sie im jüdischen Altersheim. Sie hinterlässt neben ihren Kindern vier Enkeltöchter. Die Jüngste hat sie wegen der Corona-Maßnahmen nur auf Fotos gesehen. 
Sonja Frank und Martin Seymann, Kinder
 

Josef Parteder, 82 Jahre

Josef Parteder war eine Institution. Ob als Religionslehrer, Kaplan oder Betreuer auf Jungscharlagern: Er konnte gleichermaßen begeistern und zum Nachdenken bringen. In der Pfarre Linz-St. Severin half er 39 Jahre lang in der  Pfarrcaritas, die er mitaufgebaut hatte. Er ist am 16. April 2020 von uns gegangen.
Pfarre Herz Jesu, Amstetten

Margarete Burghart, 96 Jahre

Meine Mutter hat immer gesagt, dass sie ein schönes Leben hatte. Und das trotz des schwierigen Starts. Ihr Zwillingsbruder starb als Kleinkind. Meine Großmutter war ledig und musste nach der Geburt arbeiten. Meine Mutter kam zu Pflegefamilien. Erst mit neun durfte sie zu ihrer Mutter zurück. 

Sie heiratete meinen Vater, der deutlich älter war als sie. Er starb, als ich 15 war. Deshalb hatten meine Mutter und ich  eine sehr innige Beziehung. Mit 86 Jahren ist meine Mutter in ein Pensionistenheim in Wien gezogen. Ab Dezember ging es ihr schlechter. Dann brach Covid-19 auf ihrer Station aus.

Am 18. Jänner konnte ich sie das letzte Mal besuchen. Mit Maske und Handschuhen – das hat den Abschied sehr erschwert. Sie war schwerhörig und konnte mich hinter der Maske nicht verstehen. Und die Berührungen sind durch die Handschuhe nicht angekommen. Am 24. Jänner 2021 ist meine Mutter gegangen.
Sylvia Grabner, Tochter

Josef Pucher, 86 Jahre 

Eigentlich gelernter Schneider, erwachte in Josef Pucher früh der Wunsch, Priester zu werden. Er ist immer für alle da gewesen, sein Büro war stets offen. Der gebürtige Schärdinger war unter anderem Jugendseelsorger, zuletzt in Amstetten als Kaplan und Beichtvater tätig. Josef Pucher starb am 19. April 2020.   
Pfarre Herz Jesu, Amstetten

Zümrüt Erciyas, 83 Jahre

Unsere Mutter war eine ausgewanderte Türkin. Als sie nach Österreich kam, verbrachte sie ihr ganzes Leben in Blumau-Neurißhof. Viele erlebten sie als freundliche, aufmerksame und hilfsbereite Person. Gerne traf man sich bei ihr zum Essen. Das äußerte sich auch in ihrer ehrenamtlichen Mitarbeit in Vereinen und Moscheen. Daneben fand sie aber trotzdem immer Zeit, sich um Familie, Nachbarn und Freunde zu kümmern. Sie selbst war genügsam. 

Übersetzt bedeutet ihr Name Smaragd. So schön der Name auch klingt, so musste sie doch viel Leid ertragen. Zuerst starben drei ihrer Kinder armutsbedingt in der Türkei, eine weitere Tochter in Österreich. Umso stolzer war sie auf ihre Kinder, Enkel und deren Partner. 

In den letzten Monaten wurde sie zunehmend gebrechlicher, wollte aber keine Hilfe annehmen – bis sie an Covid-19 erkrankte. Ihre letzten Tage verbrachte sie alleine und fern von uns allen auf der Intensivstation. 

Wir haben mit Zümrüt eine wunderbare, liebevolle Mutter, Schwiegermutter und Oma verloren. Wir sind aus tiefstem Herzen dankbar für die Zeit mit ihr und werden sie niemals vergessen. Auf ein Wiedersehen im Paradies!
Harun Erciyas, Sohn

Hannes Schopf, 72 Jahre

Hannes war ein begeisterter Skifahrer. Und so ist er eingesprungen, als ein Bekannter bei einer Skipartie ausgefallen ist. Am 7. März 2020 reiste er nach Ischgl. Am Karfreitag starb er an Covid-19. Er war keiner, der sich ins Apres Ski stürzte. Also wissen wir nicht, wo er sich infiziert hat.

Mein Mann war in der Medienszene bekannt und früher Chefredakteur der Furche. 
Sieglinde Schopf, Ehefrau

August Pauger, 93 Jahre

Er werkelte gerne im Garten und hatte einen ausgeprägten Humor. Das war es wohl auch, was August Pauger so beliebt machte. Gerade bei den Senioren seiner Pfarre in Wien, wo ein guter Schmäh bekanntlich besonders wichtig ist. Zugleich war Pater Pauger voller Hoffnung. Das hat es ihm auch erleichtert, die Beschwerden des Alters zu erdulden. Er starb am 8. April 2020. Der Schmäh blieb ihm bis zuletzt.  
Pfarre Herz Jesu, Amstetten

Alberto Stefanelli, 68 Jahre

Er war Wiens bester italienischer Wirt. Zuerst stadtauswärts an der rechten Seite der Margaretenstraße, dann an der linken. Und kaum war er ein paar Jahre dort, hatte er neue Ideen, was er mit seinem „Il Bacco“ machen wollte.

Er kam aus der Toskana und brachte diese täglich mit. Weine, Prosciutti, Pasta, Maiale, keine Karte, nur Empfehlungen. Wir feierten bei und mit ihm Familienfeste, Geburts- und Hochzeitstage, und er half auch über Trauer hinweg. Er hatte Vieles überstanden, im Oktober kam Corona. Ciao, grande Alberto!
Gert Korentschnig, Stammgast

Erich Zawinul, 54 Jahre

„Gebt auf einander acht, nicht nur auf euch selbst, und das Leben wird gut und schön!“ postete Erich Zawinul noch am 1. Jänner als Neujahrsgruß. Am 12. Februar 2021 starb der Sohn der Jazz-Legende Joe Zawinul, völlig unerwartet an den Folgen einer Covid-Infektion. Wer Zawinul als Konzertveranstalter und Organisator  –  scheinbar mit Draht zu allen und zu jedem – und auch als aktiven Musiker kannte, konnte sich schwer vorstellen, dass dieses Energiebündel jemals stillstehen würde. Doch es kam so. 
Michael Huber, KURIER-Kulturredakteur

Otto Baric, 87 Jahre

„Schauen Sie...“
...diese von spitz geformten Lippen abgefeuerte Aufforderung zu bedingungsloser Aufmerksamkeit wurde das Markenzeichen des Otto „Maximale“ Baric. Sich einer an Akrobatik grenzenden Grammatik im mit weit aufgerissenen Augen vorgetragenen Redeschwall zu bedienen, konnte sich Österreichs erfolgreichster Fußball-Trainer getrost leisten.     Das viel zu glatt gewordene Geschäft erlaubt solch einen Gratwanderer zwischen Show und Fachkundigkeit nicht mehr. Leider.
Bernhard Hanisch, KURIER-Sportchef

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