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TV-Tagebuch
04/12/2021

Jugend-Debatte zu Corona: "Jedes Biohendl hat mehr Platz als ein Lehrer"

Bei "Im Zentrum" waren diesmal besonders die jungen Menschen im Land am Wort. Dabei hielt man sich aber viel zu lange mit der Problembeschreibung auf.

von Peter Temel

*Disclaimer: Das TV-Tagebuch ist eine streng subjektive Zusammenfassung des TV-Abends.*

Urlaubsbedingt ĂŒbernahm diesen Sonntagabend Tarek Leitner die Rolle seiner Kollegin Claudia Reiterer.

Diskutiert wurde bei "im Zentrum" ĂŒber die Jungen in der Coronakrise, mit folgender Fragestellung: „Vergessen, verloren, verstummt?“

Die erste halbe Stunde war fast ausschließlich einem Problemaufriss gewidmet. Dieser lĂ€sst sich so zusammenfassen: Die Jugendlichen werden nicht gehört, die Politik kĂŒmmert sich in der Krise mehr um die Risikogruppen. Das Risiko Zukunft komme in der Krise zu wenig zur Sprache. Dabei mĂŒsste gerade jetzt, wo ein Ende der Gesundheitskrise absehbar ist, diese Frage zunehmend in den Fokus rĂŒcken.

Die Dramatik lĂ€sst sich gut mit den Briefen darstellen, die der Neos-Abgeordnete Yannick Shetty rezitiert. Emma, 15 Jahre, habe ihm geschrieben: „Wir sitzen so viele Stunden vor einem Bildschirm, unsere Augen brennen und wir sollen noch etwas lernen. Das Handy lenkt einen ab und man bekommt Kopfschmerzen und will nicht mehr.“

Dario, 15, leidet schon seit mehr als einem Jahr an Depressionen, befindet sich in Psychotherapie und nimmt Psychopharmaka: „Ich habe generell aufgrund meiner psychischen Leiden schon wenig Lust rauszugehen und mit Freunden etwas zu unternehmen, doch durch Corona ist es  â€“ wenn ich die Motivation dafĂŒr aufbringen kann – einfach nicht möglich.“

Triage in Jugendpsychiatrie

Das bereitet tatsĂ€chlich ein starkes Unbehagen, das durch den dritten Brief noch verstĂ€rkt wird. Ein anonymer RettungssanitĂ€ter schreibt: â€žIm Bereich der Jugendpsychiatrie laufen seit Wochen Triagen und nichts passiert.“  Das bedeutet, es wĂŒrden teilweise FĂ€lle abgewiesen, die normal aufgenommen werden. Das lasse auch seine erfahrenen Kollegen in der Leitstelle nicht mehr kalt. Bei den psychisch bedingten Einweisungen sehe man, dass bei Suizidversuchen der Anteil der Kinder und Jugendlichen massiv steigt.

Eigentlich hĂ€tten schon diese drei Briefe allein genĂŒgt, um die Problematik ausreichend darzustellen. Aber wie gesagt, es wird sehr lang und breit wiederholt, dass Jugendliche nicht gehört werden.

Auch der angebliche Vorwurf der RĂŒcksichtlosigkeit wird besprochen. Nennen wir es kurz: Das Kanaltreiben in Wien.

Shetty: „Ich lege die Hand ins Feuer: Alle von uns haben schon Coronaregeln gebrochen, weil sie einfach nicht mehr transparent und verstĂ€ndlich sind.“ Er könne diese Regeln zwar im Parlament mitgestalten und habe dadurch einen besseren Überblick, aber selbst er blicke da nicht immer durch.

„Man kann bei jungen Menschen nicht die Erwartungshaltung haben, dass die die ganze Woche da sitzen und sich die Pressekonferenzen von Sebastian Kurz und Rudi Anschober reinziehen“, sagt Shetty.

Dass politische Diskussion auch zwischen zwei Pressekonferenzen stattfindet und anhand von Medienberichten, fÀllt hierbei unter den Studio-Tisch.

„Viele Menschen checken eigentlich nicht mehr, worum es in der Politik geht“, sagt Shetty. „Sie sehen den Bundeskanzler und den Gesundheitsminister reden, aber sie reden nicht zu uns“, meint der 25-JĂ€hrige.

Der Schwarze Peter

Claudia Plakolm (26) sitzt fĂŒr die ÖVP im Nationalrat. Die Jugendsprecherin hĂ€lt es fĂŒr „nicht zielfĂŒhrend, einen Schuldigen zu suchen, dem man den Schwarzen Peter zuschieben kann.“ Das bezieht sich einerseits auf die Jugendlichen, aber offenbar auch auf die Regierungspolitiker. Es mĂŒsste nun alle Energie hineinfließen, um so schnell wie möglich aus der Krise herauszufinden, „dann wĂŒrden sich diese Probleme einfach auch nicht stellen“, meint sie.

Na das wĂ€re schön, nicht fĂŒr die Politik: Ein Leben ohne Pandemieprobleme.

Ebenso schön wÀre, wenn bis zum Sommer auch alle Jugendlichen geimpft sind. Woher Plakolm diesen Optimismus bezieht, wird nicht besprochen.

Mehrmals wird die neue Ö3-Jugendstudie zitiert, auch von Plakolm: Zwei Drittel der Jugendlichen wĂŒrden trotz aller UmstĂ€nde optimistisch in die Zukunft blicken.

„Was lernen wir aus der Krise?“ Das mĂŒsse man sich jetzt fragen, sagt die Jungabgeordnete. Die Antwort mĂŒsse „Digitalisierung an den Schulen“ sein, „denn nur so kommen wir aus der Krise, und dann brauchen wir uns die Fragen ‚Wer treibt die Infektionen nach oben?‘ gar nicht stellen.“

„Werden aber immer wieder gestellt“, sagt Diskussionsleiter Leitner.

RĂŒcksichtslosigkeit und Zusammenreißen

ÖH-Vorsitzende Sabine Hanger (ÖVP-nahe Aktionsgemeinschaft) Ă€rgert sich, „wenn man liest, wir halten uns nicht an die Maßnahmen.“ Sie verwehre sich auch dagegen. Sie kenne genĂŒgend Kollegen, die sich freiwillig fĂŒr Rettungsdienste gemeldet hĂ€tten. Der Fokus solle mehr auf innovative Ideen, die aus der Studierendenschaft kommen, gelegt werden.

Leitner möchte aber noch herausarbeiten, von welcher Seite diese VorwĂŒrfe der RĂŒcksichtslosigkeit kommen.

Shetty nĂŒtzt die Gelegenheit, um einen unglĂŒcklichen Anschober-Tweet vom vergangenen Sommer zitieren: "Reißt Euch zusammen und ĂŒbernehmt auch Verantwortung!!" textete der Gesundheitsminister damals und meinte damit vor allem junge und mĂ€nnliche Strandparty-Feieranten in Kroatien.

Rocco Bald, ein HTL-SchĂŒler aus Salzburg, findet: „Schlimmer als ein harscher Umgangston ist gar kein Umgangston. Es gehe in Pressekonferenzen ĂŒberhaupt nicht um die SchĂŒler und um Probleme der Jugendlichen.

Eine halbe Stunde ist nun um, und man hÀlt sich noch immer mit dem nicht gehört werden auf.

„Wenn ich diese Frage noch einspeisen darf“, sagt Leitner. Die Politik treffe derzeit stĂ€ndig Entscheidungen, die unmittelbar auf das Leben der Jugendlichen wirken, „warum nicht mehr Widerstand?“

Durcheinanderreden

Ali Mahlodji (40), EU-Jugendbotschafter und GrĂŒnder der Berufsorientierungsplattform watchado, berichtet aus seinen GesprĂ€chen mit SchĂŒlern. Die wĂŒrden sagen: „Weißt du Ali? Wie soll ich mich zusammenreißen oder mich artikulieren, wenn es nicht einmal die Erwachsenen machen?“ Die Jugendlichen wĂŒrden auf eine Welt treffen, „wo alle durcheinanderreden, niemand ist sich einig. Wir waren uns als Gesellschaft einmal einig, das war am Anfang, als wir alle dachten: Der Tod kommt. Als wir gesehen haben, das geht sich eh aus fĂŒr einige, war’s vorbei.“

Er gehe nicht mehr in Entscheidungsgremien, weil es keinen Sinn habe. Mahlodji sagt: „Wir hören Jugendlichen nur zu, um zu antworten, aber nicht um zu verstehen.“

Und was tun?

Tarek Leitner will nun folgendes Problem besprechen: „Heißt das, dass diese kindliche AttitĂŒde, einfach trotzig keine Maske aufzusetzen, andere gekapert haben, sodass die jungen Menschen damit nicht laut sein können?“

Die Autorin und Arbeitsmarktexpertin Veronika Bohrn Mena (35) möchte hier einmal einen Punkt machen: â€žHeute haben wir endlich die Gelegenheit darĂŒber zu reden, und dann reden wir - Entschuldigung - darĂŒber, ob wir Maßnahmen verstehen oder nicht, oder darĂŒber, ob die Jugendlichen jetzt brav oder schlimm sind. Aber wir reden nicht darĂŒber, was jetzt gemacht werden sollte.“

Leitner: “Tun Sie das. Was soll gemacht werden?“

Bohrn-Mena hebt nun zu einer richtigen Ansprache an: „Es wird nichts gemacht, weder in der Sozialpolitik, in dem Sinne, dass man sagt, wir verteilen jetzt um, weil die soziale Kluft in der Krise natĂŒrlich weiter auseinandergeht, noch wird gesagt, wir erhöhen gewisse UnterstĂŒtzungsleistungen.“ Sie spricht damit auch die Aufstockung der Notstandshilfe an, wo zuletzt ein Auslaufen dieser Maßnahme in Diskussion war.

Es werde nicht in psychologische Betreuung von jungen Menschen investiert, sagt sie, „generell mĂŒsste das massiv ausgebaut werden, es mĂŒsste niederschwellige Angebote fĂŒr Eltern geben, Kriseninterventionsstellen, die jetzt vermehrt gefördert werden, es mĂŒssten FrauenhĂ€user gefördert werden, es mĂŒssten Ausbildungsinstitute gefördert werden, es mĂŒssten Angebote fĂŒr SchĂŒlerinnen geschaffen werden, die Nachhilfe brauchen. Nachhilfe kostet in Österreich ein Vermögen, die wenigsten können sich das leisten. Aber gerade jetzt werden sie’s brauchen. All das passiert aber nicht. In all diesen zehn Themen, die mir ad hoc eingefallen sind, habe ich im letzten Jahr auch nur irgendetwas gehört.“

Damit ist die Rede noch nicht zu Ende. NatĂŒrlich solle man nicht SĂŒndenböcke suchen, nimmt sie Bezug auf Plakolm, „aber es gibt klare VerantwortungstrĂ€ger in diesem Land, die fĂŒr all diese Baustellen jetzt zustĂ€ndig sein sollten. Und worĂŒber reden die? Über alles, nur nicht ĂŒber diese Probleme. Das ist das was mich Ă€rgert. Und wenn wir dann alle drei Tage darĂŒber reden, ob ein Maßnahme wieder gilt oder nicht gilt. Ja das ist schon sinnvoll, aber die ganzen wesentlichen Punkte bleiben dabei auf der Strecke.“

Langfristig und mittelfristig

Neos-Mann Shetty fĂŒgt noch Workshops zum Thema psychische Gesundheit an. Diese sollten an den Schulen eingerichtet werden, um Tabus zu brechen, das Thema zu enthemmen. Psychotherapie solle mittelfristig eine Krankenkassenleistung werden.

Er kritisiert einen Reflex der Regierenden, der Opposition vorzuwerfen, dass diese nichts außer schimpfen könne. In der Bundespolitik hĂ€tten die Neos aber „konkret aufgezeigt, was notwendig wĂ€re“ und in Wien habe Neos-Chef Christoph Widerkehr erste Maßnahmen gesetzt, um der Triage auf der Kinder- und Jugendpsychiatrie entgegen zu wirken. 50 Home Nursing Stellen seien eingerichtet worden, wo Kinder zuhause betreut werden können. Außerdem sei in Wien das Budget fĂŒr die Jugendhotline „Rat auf Draht“ (Notrufnummer 147) erhöht worden. Langfristig mĂŒsse man den Blick auf Brennpunktschulen richten, er wolle sie „Schulen mit besonderen Herausforderungen“ nennen. Dort mĂŒsse man massiv hineininvestieren, „weil das Geld, das dort investiert ist, hat einfach einen so viel grĂ¶ĂŸeren Impact.“

Vorbild sei die „London School Challenge“, ein Projekt, in dem in den 500 schlechtesten Schulen generalstabsmĂ€ĂŸig die Infrastruktur verbessert werde. „Das machen wir in Wien, das wĂŒrde ich mir von der Bundesregierung auch wĂŒnschen“, meint Shetty.

Plakolm: Österreich steht gut da

Seine Abgeordnetenkollegin von der ÖVP, Claudia Plakolm, möchte den Vorwurf, dass nur zugeschaut werde, „auf das SchĂ€rfste zurĂŒckweisen, wir stehen im internationalen Vergleich gut da.“

Im Bereich JugendbeschĂ€ftigung halte Österreich international an vierter Stelle, das sei ein besserer Wert als 2020. Es werde ministerienĂŒbergreifend gearbeitet, dass österreichische „Erfolgsmodell Lehre“ werde weiterverfolgt, wobei es hier ein großes regionales GefĂ€lle gebe, wie stark Lehrstellen von der Wirtschaft angeboten werden. Jugendpsychologen auf Krankenkassa, was vorher schon erwĂ€hnt wurde, fordere sie schon seit ihrer Zeit als SchĂŒlervertreterin. Das stehe auch im Regierungsprogramm, mĂŒsse aber nachgeschĂ€rft werden. Plakolm: „Es darf keine Frage des Einkommens sein, ob ich Hilfe bekomme oder nicht.“ Am niederschwelligsten fĂŒr das Wohlbefinden aber sei, „dass wir gegenseitig aufeinander schauen“.

Shetty kontert: „Die ÖVP kommt mit Rankings, wo wir ĂŒberall gut sind, das ist nicht der Punkt.“

Hanger von der ÖH sagt ĂŒber die Studierenden: „Wir wollen nicht die letzten sein, die noch im Wohnzimmer sitzen“. Dann, wenn schon alle anderen Bereiche geöffnet sein werden.

„Ich, als junger Mensch und Interessensvertreterin, muss nicht immer darauf warten, dass andere Maßnahmen setzen“. Auch sie betont die Eigeninitative. Studierende hĂ€tten ĂŒber eine App niederschwellig Nachhilfe fĂŒr SchĂŒlerInnen angeboten. Die Corona-Krise habe gezeigt, dass Jugendliche oft „selber die besten Krisenmanager sind“.

SchĂŒler als Experten

HTL-SchĂŒler Rocco Bald hat eine simple konkrete Lösung, wie er sagt. „Die Expertinnen und Experten fĂŒr die Schule sind die SchĂŒler und SchĂŒlerinnen und Lehrer und Lehrerinnen, dieser werden viel zu wenig einbezogen. Sie brauchen nur in eine Schule zu gehen und Sie wissen, was abgeht“. Die Politik vertraue viel zu sehr „auf Schulexperten, die keine sind“.

Leitner: „Also Sie sind Experte.“

Bald: „Ich bin Experte.“

Als Experte sei er konkret fĂŒr einen Wochenrhythmus bei Home Schooling und PrĂ€senzunterricht, sagt Bald. Wenn sich Österreich schon als Testweltmeister bezeichne, könnte man auch mehr Geld fĂŒr dafĂŒr notwendige Coronatests ausgeben.

Smart in die Lehrerschaft investieren

Das Schlusswort hat Ali Mahlodji: „NatĂŒrlich haben wir tolle Jugendliche. Die sagen: ‚Ich habe in einem Jahr Corona mehr gelernt fĂŒrs Leben als in der Schule. Ich glaube, das werden alle am Ende irgendwie sagen.“ Man sollte aber nur jene positiven Dinge hervorheben, die fĂŒr die gesamte Gesellschaft gut gelaufen sind, „sonst zahlt immer wer drauf“.

Er hĂ€lt zum Schluss aber kein PlĂ€doyer fĂŒr die Jungen, sondern fĂŒr jene, die „am allermeisten Zeit mit Kindern und Jugendlichen verbringen“ (© Tarek Leitner).

„Wenn man in Österreich in ein Lehrerzimmer geht, dann hat ein Biohendl in der EU mehr Platz als ein Lehrer“, erklĂ€rt Mahloji. „In der Wirtschaft wĂŒrde man sagen, das sind Topmanager. Sie haben 20 bis 30 Jugendliche vor sich, sind zustĂ€ndig fĂŒr deren Lebenszeit, haben eine Mega-Verantwortung“. Lehrer wĂŒrden aber immer mehr Administration, immer mehr Druck aufgeladen bekommen. „Und dann ging Corona los - und plötzlich erwartet man von denen, die mĂŒssen tausend Sachen handeln.“ 

Ihn wundere, dass man die Lehrer nicht stĂ€rke, mit Schulungen, mit UnterstĂŒtzung bei den Tools. „Die sind allein gelassen worden. Mit einer Sache, fĂŒr die sie nicht ausgebildet wurden“, konstatiert Mahlodji. Dabei hĂ€tten gerade die Lehrer „so viel zu tun“ um Kinder auf eine digitale Welt vorzubereiten. „Wir mĂŒssen lernen, smart zu investieren, und zwar dort, wo wir eine starke Hebelwirkung erzielen. Und das ist meiner Meinung nach bei den Lehrern und Lehrerinnen.“

Es ist ein Ansatz, der etwas fĂŒr sich hat: Nicht bei Jugendlichen, die ohnehin nicht so gern bemuttert werden, direkt anzusetzen, sondern vor allem jene zu stĂ€rken, die ihnen das RĂŒstzeug fĂŒrs weitere Leben mitgeben sollen.

LINK: Die Sendung zum Nachschauen

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