Eine Aufnahme von der Corona-Demo Mitte Jänner in Wien. In der Coronakrise florieren Verschwörungserzählungen – nicht nur unter den „üblichen Verdächtigen“. Mit ihnen zu diskutieren, kann herausfordernd sein. Ingrid Brodnig gibt in ihrem neuen Buch Tipps, wie ein sachliches Gespräch mit Coronaleugnern und Verschwörungsgläubigen dennoch gelingen kann. 

© Kurier/Franz Gruber

Kultur Medien
01/25/2021

Wie man mit Verschwörungsgläubigen am besten diskutiert

Autorin und Journalistin Ingrid Brodnig gibt in ihrem neuen Buch "Einspruch!" Tipps, wie man Verschwörungsmythen kontert.

von Nina Oberbucher

Wenn der eigene Onkel oder die beste Freundin plötzlich Verschwörungsmythen glauben, werden sachliche Gespräche zur Herausforderung. Digitalexpertin Ingrid Brodnig erklärt in ihrem neuen Buch "Einspruch!", wie man geschickt kontert, wenn Familienmitglieder und Freunde falsche Erzählungen verbreiten, warum man Begriffe wie "Covidiot" vermeiden sollte und welchen Einfluss Prominente wie Schlagersänger Michael Wendler haben.

KURIER: Sie beschäftigen sich schon lange mit Fake News und Verschwörungsmythen. Gibt es aktuell tatsächlich mehr Verschwörungsgläubige, oder nehmen wir sie stärker wahr, weil es mit Corona konzentriert um ein Thema geht?

Ingrid Brodnig: Es sind mehr, und das ist auch der Grund, warum ich das Buch geschrieben habe. In der Coronakrise fallen nicht nur die "üblichen Verdächtigen" auf Falschmeldungen herein, sondern auch Menschen, die man als sehr vernünftig kennt. Daran sieht man, wie verlockend für einen großen Teil der Bevölkerung falsche Erzählungen bis hin zu Verschwörungserzählungen sind. Sie funktionieren nicht nur auf der Faktenebene, sondern auch auf der emotionalen Ebene, weil einfach das geglaubt wird, was in die eigene Erwartungshaltung passt.

Warum sind diese Erzählungen gerade jetzt so populär?

Wir leben in einer so unbehaglichen Zeit, dass die Realität manchmal unangenehmer ist als eine Verschwörungserzählung. Für manche ist es womöglich leichter zu glauben, dass es das Virus gar nicht gibt oder dass eine dunkle Elite dahintersteckt, als die Tatsache zu akzeptieren, dass wir weiterhin zu Hause sitzen und unsere Kontakte einschränken müssen. Gerade in angespannten Zeiten werden einfache Antworten populär.

Beim Diskutieren mit Verschwörungsgläubigen stößt man mitunter an Grenzen. Worauf sollte man achten?

Das Allerwichtigste ist, trotz allem eine wertschätzende Ebene zu suchen. Wenn man mit absurden Vorstellungen konfrontiert wird, reagiert man selbst manchmal gereizt oder hämisch, verwendet Begriffe wie "Aluhutträger" oder "Covidiot". Aber wenn man Leute als "Covidioten" bezeichnet, werden sie umso weniger zuhören. Das nennt man in der Wissenschaft auch den "nasty effect": Wenn Beleidigungen fallen, versteifen sich Menschen umso mehr auf ihre Sichtweise. Mein Tipp wäre, empathievoll zu reagieren, aber auch aufzuzeigen, was falsch ist oder wo eine Erzählung problematisch wird, wenn darin zum Beispiel rechtsextreme, antisemitische oder einfach wissenschaftsfeindliche Ideen mitschwingen.

Was sollte man noch beherzigen?

Eine der wichtigsten Empfehlungen ist auch, es nicht nur mit Fakten zu probieren. Häufig hoffen wir, wenn wir nur genügend Fakten ausgraben, wird die andere Person schon einsehen, dass sie falsch liegt. Aber es scheitert oft nicht auf der Faktenebene, sondern daran, dass Verschwörungsgläubigen eine andere Vorstellung mehr behagt. Wenn man merkt, dass man mit Fakten abprallt, kann man andere Techniken testen, zum Beispiel mit Fragen antworten: Woher hast du diese Information? Warum glaubst du gerade dieser Quelle? Mit Fragen kann man Menschen manchmal dazu bringen, ihre eigenen Vorstellungen näher zu inspizieren und sie auf logische Fehlschlüsse hinweisen.

Manchmal kommt man aber auch gar nicht dazu, mit Fakten zu argumentieren, weil Sprüche fallen, die jede Diskussion aushebeln, wie: Galileo Galilei wurde ja auch schon als Verschwörungsgläubiger bezeichnet.

Das Argument kenne ich: Oft vergleichen sich Verschwörungsgläubige mit Galileo Galilei, der vor anderen erkannte, dass die Erde um die Sonne kreist. Nur ist dieser Vergleich schon eine Anmaßung. Wenn mir andere widersprechen, muss das nicht heißen, dass ich ein Visionär wie Galileo Galilei bin. Es kann auch einfach sein, dass ich falsch liege. Verschwörungsgläubige setzen auch gerne "self-sealing arguments" ein, also "selbstabdichtende Argumente". Das sind Argumente, die von vornherein Widerspruch schwer machen, weil alle, die widersprechen, als böse oder ahnungslos abgestempelt werden. Da hört man dann zum Beispiel auch, Medien und Wissenschaft wären im Boot mit den Verschwörern oder seien selbst verblendet. Das ist natürlich ein wunderbarer Trick, damit man den Argumenten der Wissenschaft oder Medien nicht mehr zuhören muss. Da würde ich eher den Spieß umdrehen und fragen: Warum glaubst du denn, dass das alles verheimlicht wird? Woher hast du das? Man sollte auch lernen, mit rhetorischen Nebelgranaten umzugehen und nicht auf alles einsteigen.

Ingrid Brodnig, geboren 1984, ist Autorin und Journalistin. Sie beschäftigt sich mit Digitalthemen und hat mehrere Bücher dazu geschrieben, darunter "Hass im Netz" und "Lügen im Netz".

Welche Nebelgranaten und Taktiken gibt es da?

Verschwörungsgläubige bringen oft fünf bis zehn Argumente in einem Redeschwall. Das nennt man auch die Zulaber-Taktik, bei der so viel in den Raum geworfen wird, dass man sich regelrecht erschlagen fühlt von der Vielzahl an Aussagen. Da sollte man sich überlegen, bei welchem Punkt man weiß, dass er nicht stimmt und dass man ihn gut herunterbrechen kann. Da ist es dann besser, nicht auf zehn Baustellen zu diskutieren, sondern zu versuchen, die andere Person immer wieder auf diesen einen Punkt zurückzuführen.

Ein Aspekt, den Verschwörungsgläubige auch häufig ins Treffen führen, ist angebliche Zensur. Was bedeutet es denn jetzt, wenn Donald Trump von Social-Media-Plattformen verbannt wird oder jemand wie der umstrittene Schlagersänger Michael Wendler aus einer TV-Sendung geschnitten wird – ist das nicht Wasser auf den Mühlen von Verschwörungsgläubigen?

Das ist eine Opferrolle, in die man sich begibt. Das Problem ist, dass Verschwörungsgläubige manchmal so üble Dinge sagen, dass man einschreiten muss. Etwa wenn Gewaltaufrufe, gehässige Behauptungen oder gefährliche Gesundheitstipps verbreitet werden, wie Bleichmittel zu trinken. In der Verschwörungsszene wird natürlich jede Reaktion, die man setzt, als Beleg genommen, dass die große Verschwörung stattfindet. Man kann auch nicht verhindern, dass Aktionen umgedeutet werden. Man kann sie nur möglichst verständlich machen für Mitlesende, die nicht von der Erzählung eingenommen sind, und die dadurch merken: Okay, wahrscheinlich sollte man Leuten nicht empfehlen, Desinfektionsmittel zu trinken. Wenn man hingegen nicht einschreitet, lässt man womöglich Dinge stehen, die gefährlich sind.

Wenn sich diese Menschen dann auf andere Plattformen begeben, verliert man damit nicht die Möglichkeit zum Dialog?

Das hat gute und schlechte Seiten. Wenn besonders arge Verschwörungsgruppen wie QAnon ausgeschlossen werden, gibt es eine gute Nachricht: Sie können dann nicht mehr so leicht wachsen. Denn für das Wachstum einer Verschwörungsszene sind Facebook und YouTube sehr wichtig und wenn sie von dort ausgesperrt sind, kommen sie nicht mehr so leicht an neue Anhänger. Das Schlechte ist, dass sie dann in ihren geschlossenen Gruppen z. B. auf Telegram sind und da besteht tatsächlich die Gefahr, dass sie sich dort umso mehr antreiben, weil sie extrem viel Zuspruch und keinen Widerspruch sehen. Eine wirklich gute Lösung gibt es da nicht. Aber ich glaube, die Antwort liegt da nicht rein im Digitalen, sondern ich hoffe, dass diese Menschen vielleicht offline noch Freunde oder Familienmitglieder haben, die das wahrnehmen und versuchen, auf der persönlichen Ebene zu wirken.

Welchen Einfluss haben Prominente, die Verschwörungsmythen verbreiten?

Sie beflügeln die Szene, weil es als Beleg wahrgenommen wird, wie recht man hat, wenn sogar bekannte Persönlichkeiten diese Dinge sagen. Das Problem ist auch, dass Medien diesen Prominenten manchmal extrem viel Platz geben. Schwierig ist es dabei, wenn nicht eingeordnet wird, warum das falsch ist und wenn das Richtige nicht genug angesprochen wird. Man darf aber auch nicht vergessen, dass es sehr viele Prominente gibt, die sehr wohl auf die Medizin hören und die zum Beispiel erklären, dass sie sich impfen lassen.

Sollten Medien weniger über Prominente berichten, die mit problematischen Aussagen auffallen?

Es sollte nur dann berichtet werden, wenn es schon sehr sichtbar ist, aber nicht jeder Unsinn, der irgendwo kursiert, sollte aufgegriffen werden. Wenn Prominente damit auffallen und Reichweite erzielen, ist es wichtig, das Richtige in den Vordergrund zu stellen. Das ist eine generelle Empfehlung, wenn man auf Falsches eingeht, dass man mit der richtigen Information anfängt, dann einmal die falsche Erzählung erwähnt und dann aber gleich erklärt, warum diese falsch ist. Das nennt man auch das "truth sandwich", diesen Begriff hat der Linguist George Lakoff geprägt. Wenn wir über Falsches diskutieren, wiederholen wir das Falsche häufig. Da muss man immer wieder kontextualisieren und das Richtige betonen, damit es auch richtig in den Köpfen bleibt.

Welchen Beitrag können traditionelle Medien generell leisten? Man liest zahlreiche Faktenchecks, aber Verschwörungsgläubige gibt es trotzdem.

Dranbleiben. Denn: Kein Faktencheck wäre auch keine Lösung. Es stimmt schon, wenn jemand etwas partout nicht glauben will, dann können Sie den bestverfassten Artikel oder Faktencheck der Welt schreiben und er würde abprallen. Aber es gibt die Chance, dass Menschen irgendwann wieder zu zweifeln beginnen und dann kann der Faktencheck wirkungsvoll sein. Ich habe für das Buch mit einer Frau gesprochen, sie heißt Anja Sanchez Mengeler, und sie war selbst Verschwörungsgläubige. Irgendwann hat sie begonnen, Zweifel zu spüren, und dann einen Faktencheck der Plattform mimikama.at gelesen. Da wurde ihr bewusst und sie hat das wortwörtlich zu mir gesagt: "Ich wurde manipuliert." Es gibt nicht die perfekte Antwort auf Desinformation. Ich glaube, es gibt nur immer wieder die Einladung, dass man Fakten möglichst verständlich präsentiert. Bei manchen wird es funktionieren, bei manchen nicht. Aber es lohnt sich, dranzubleiben.

Es wird oft über die Zeit nach Corona gesprochen. Wird es dann immer noch so viele Verschwörungsmythen geben?

Ich glaube, es wird besser. Wenn die Bedrohung des Virus weg ist und die Maßnahmen nicht mehr notwendig sind, dann werden viel emotionaler Ballast und auch Angriffsfläche wegfallen. Das heißt, es wird schwieriger, dass solche Geschichten so stark zirkulieren. Meine Sorge ist nur, dass ein Teil dann sehr tief in dieser Szene drinstecken wird und sich manche womöglich schwertun werden, dieses Denken wieder abzulegen. Aber ich habe auch die Hoffnung, dass jene, die in ihrer Familie das Thema Verschwörungserzählungen miterleben, auch dazulernen, wie man diskutiert und Fakten verständlicher macht.

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