© Getty Images/iStockphoto/FotoDuets/iStockphoto

Wissen Gesundheit
01/01/2021

Psychologin: „Wenn sich Gabalier nicht impfen lässt, haben wir ein Problem“

Die Psychologin Ulrike Schiesser über Verschwörungstheoretiker, irrationale Ängste und die Vorbildwirkung von Prominenten.

von Julia Pfligl

Lange wurde er herbeigesehnt, jetzt sorgt er für hitzige Debatten – auch jenseits der sozialen Medien. Ulrike Schiesser, Psychologin und Expertin für Sekten und Esoterik, erklärt, warum der neue Impfstoff gegen das Coronavirus zum dominantesten Inhalt von Verschwörungstheorien wurde und wie man Impfskeptikern jetzt begegnen sollte. 

KURIER: Warum stürzen sich derzeit so viele Verschwörungstheoretiker auf das Thema Impfen?

Ulrike Schiesser: Durch Corona wird ein Phänomen sichtbar, das es schon viel länger gibt: eine Abkehr von Rationalität und Wissenschaft, vom Vertrauen in die Medizin. Vor allem in der Esoterikszene hat sich eine Medizinfeindlichkeit breitgemacht: Angehörige berichten uns oft von Kindern, die sechs Jahre alt sind und keine einzige Impfung erhalten haben. Verschwörungstheoretiker glauben, dass uns mit der Impfung Chips implantiert werden, die unfruchtbar machen oder das kritische Denken abstellen. Sie halten Impfen für das Endziel der Pandemie, die zu einer drastischen Bevölkerungsreduktion führen soll. Impfen ist aber grundsätzlich mit negativen Gefühlen behaftet, auch bei denen, die es für sinnvoll erachten.

Woran liegt das?

Bei einer Impfung ist nicht unmittelbar sichtbar, dass wir uns damit etwas Gutes tun. Wir sehen den positiven Effekt nicht mehr. Die Idee, sich eine Substanz einzuführen, die praktisch eine abgeschwächte Form des Krankheitserregers ist, widerstrebt unserem Instinkt. In unserer egozentrischen Gesellschaft wird der eigene Körper zum Tempel, nur das Gute und Edle darf eintreten. Die Verherrlichung  des „Natürlichen“ versus des Chemischen ist Ausdruck einer selbstgefälligen Überflussgesellschaft. Dabei wäre es auch ganz natürlich, an Kinderlähmung zu sterben. Ich halte es auch für einen Riesenfehler in der Kommunikation, dass Impfen  meist mit Spritzen und weinenden Kindern bebildert wird. Für Waldspaziergänge werbe ich ja auch nicht mit Spinnen und Bodeninsekten. 

Welche Bilder bräuchte es?

Man sollte im Zusammenhang mit Impfungen gesunde, lachende Menschen zeigen. Im aktuellen Fall müsste man darstellen, welche Vision wir mit dieser Impfung verfolgen, nämlich, dass wir damit unseren Alltag, unsere Freiheit zurückbekommen: junge Leute auf einem Festival, Kinder, die Oma und Opa umarmen. Man erreicht die Menschen am besten mit Bildern. Ein kleiner Stich, und wir können einander wieder in den Armen liegen.

Woher kommt die Geringschätzung von Wissenschaftern in Bezug auf das Impfen?

Bei einem Teil würde ich fast von einer Ablehnung der Moderne sprechen, gefühlte Wahrheiten zählen mehr als wissenschaftliche Erkenntnisse. Pharmafirmen haben schon länger das Image, dass sie eher Geschäfte machen wollen, statt echte altruistische Interessen zu verfolgen. Teilweise kommt da die Wurzel des Antisemitismus zum Vorschein, weil Ärzte und Apotheker früher stark mit jüdischen Mitbürgern verbunden waren. Impfkritik hat auch antisemitische Wurzeln. Das NS-Blatt „Der Stürmer“ zeigte eine Karikatur mit einem jüdischen Arzt, der ein Kind impft, daneben der Satz „Gift und Jud tut selten gut“.  Da wird ganz klar darauf hingewiesen: Impfen ist jüdisch. 

Auf der anderen Seite haben sich wohl noch nie so viele Menschen mit Wissenschaft beschäftigt. Viele sind nun verunsichert, weil die Zulassung so rasch erfolgt ist. 

Wir haben dieses Jahr erste Reihe fußfrei mitbekommen, wie auch innerhalb der Wissenschaft diskutiert wird. Zuerst hieß es, das mit dem Impfstoff wird Jahre dauern, jetzt ist er plötzlich da. Das verunsichert natürlich, aber so funktioniert Wissenschaft. Man muss sagen, dass noch nie so viel Geld und Energie in die Entwicklung eines Impfstoffes gesteckt wurde. Würden wir dieselben Ressourcen auf ein anderes Thema setzen, hätten wir wahrscheinlich auch schnell Ergebnisse. 

Viele sind nicht generell gegen das Impfen, warten aber noch ab. Wie holt man Skeptiker ins Boot?

Vorweg: Nicht jeder, der kritisch und aus guten Gründen besorgt ist, ist ein Verschwörungstheoretiker. Wichtig ist, fundierte Bedenken ernst zu nehmen und sie nicht lächerlich zu machen. Es ist hilfreicher, zu erklären, woher die eigene Einstellung kommt, statt den anderen davon zu überzeugen, dass er im Unrecht ist. Ich denke, viele werden sich impfen lassen, wenn das Thema eine Selbstverständlichkeit bekommt, wenn im Bekanntenkreis viele impfen gehen, es  unkompliziert funktioniert. Am meisten würde wahrscheinlich eine Kampagne mit Prominenten helfen: Wenn Andreas Gabalier sagt, ja, sicher lass ich mich impfen, hat das einen größeren Effekt als die tausendste Diskussionssendung. Wenn er sich nicht impfen lässt, haben wir  wirklich ein Problem. Aber: Einen wachsenden Teil der Menschen, die Verschwörungstheorien anhängen, wird man so und so nicht erreichen. 

Ulrike Schiesser 
Die Psychologin und Psychotherapeutin (49) ist an der Bundesstelle für Sektenfragen  für Beratung und Recherche zuständig. Ihre Schwerpunkte umfassen Gruppendynamik in Zusammenhang mit Spiritualität, Weltanschauungsfragen, Esoterik, Verschwörungstheorien und Weltuntergangsprophezeiungen. In Gesprächen mit Angehörigen von Menschen, die in die Fänge von problematischen Ideologien geraten, wird sie auch mit Impfverweigerung konfrontiert. www.bundesstelle-sektenfragen.at
 

Wie gerät man in den Sog solcher Theorien?

Anfällig sind Menschen mit einem grundsätzlich misstrauischen Mindset, auch jene, die Angst vor dem Verlust von Status und Sicherheit haben. Auch politisch engagierte Menschen, die oft verzweifeln, weil es so viele Probleme auf der Welt gibt, die niemand aufgreift.  Da geht es um sehr reale Themen, um das Gefühl von Hilflosigkeit und Pessimismus. Verschwörungstheorien sind  eine sehr passive Bewegung, da gibt es kein Empowerment – wie eine Religion ohne Hoffnung. Plötzlich haben sie eine Theorie in der Hand und alles macht Sinn. 

Viele Skeptiker argumentieren mit möglichen Langzeitschäden der Impfung, fürchten sich aber nicht vor den Folgen von Covid-19 oder einer Schmerztablette. Warum?

Natürlich haben Impfungen, so wie jede Form von Medikament, ein Risiko. Wir Menschen neigen jedoch dazu, Risiken falsch einzuschätzen und fürchten uns immer vor den falschen Dingen: vor Haien statt Kühen, Flugzeugabstürzen statt Autounfällen. Beim Thema Impfen ist die Angst vor Schäden im Verhältnis zu den Benefits besonders irrational. Das hat mit einem Kontrollverlust zu tun: Während der Impfung gibt man die Kontrolle ab, daher überschätzt man die Risiken total. Den Schaden des Nicht-Impfens sieht man meist nicht und viele denken sich, bevor ich ein Risiko eingehe, lass’ ich es lieber. Die Schmerztablette hat man selbst in der Hand, Impfen ist passiv und invasiver. Bei Covid-19 haben viele das Gefühl, sie können beeinflussen, ob sie es bekommen – mit einem guten Lebensstil etwa. Viele sind von ihrer eigenen Unverwundbarkeit überzeugt.

Was halten Sie von einer Impfpflicht?

Könnte ich mir eine Welt aussuchen, wäre ich sofort dafür – weil ich sehe, wie viele Menschen ihre Kinder nicht impfen lassen und ich finde, dass das unter Kindeswohlgefährdung fällt. Als Psychologin weiß ich aber, dass ein Zwang kontraproduktiv ist und erst recht  Widerstand erzeugt. Ich fände es sinnvoll, Impfen mit Privilegien zu verbinden, etwa einem Kindergartenplatz oder Fluggesellschaften, die nur geimpfte Passagiere mitnehmen. Auch der Mutterkindpass wurde  an das Kindergeld gekoppelt, das hat relativ schnell geholfen.

Auffallend ist, dass sich auch viele Krankenpfleger und -pflegerinnen laut Umfragen gegen die Impfung verwehren. Beunruhigt Sie das?

Das scheint mir ein neues, beunruhigendes Phänomen zu sein. Ich könnte mir vorstellen, dass es in dieser Personengruppe aufgrund des medizinischen Betriebs viel Unzufriedenheit und Frustration gibt und sich manche in die Alternativmedizin bzw. Esoterik verabschieden. Es könnte aber auch sein, dass einige wenige Ausreißer hier besonders viel Aufmerksamkeit bekommen.  

Impfen heißt auch Solidarität. Warum greift dieses Argument nicht? Sind wir zu selbstsüchtig geworden? 

Ich denke nicht, dass Egoismus der Hauptgrund ist, sondern dass die Menschen wirklich verunsichert sind. Es ist ein Problem, wenn in einer Fernsehdiskussion ein Impfexperte sitzt und ihm gegenüber eine Frau, die von einem Impfschaden berichtet. So wird vermittelt, dass das zwei gleichwertige Positionen sind, dabei stehen sie in keinem Verhältnis zueinander. Ich kenne inzwischen genug Wissenschafter, die sagen, sie gehen in keine Diskussion, an der Impfgegner teilnehmen. Die Frage „Impfen:  Ja oder Nein“ ist  gelöst, darüber braucht man nicht mehr diskutieren. 

Sind Sie zuversichtlich, dass der Anteil jener, die sich gegen das Coronavirus impfen lassen, im kommenden Jahr noch steigen wird?

Ich kann mich noch an die Protestwelle erinnern, als die Gurtenpflicht im Auto eingeführt wurde. Damals hat man gesagt: Das ist eine Frechheit, der Staat greift in unsere Rechte ein. Bei technischen Fortschritten gab es immer Menschen, die gewarnt haben. Irgendwann wird es dann zur Normalität. Ich denke, so wird es auch mit dem Impfen sein. 

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.