Ferdinand Wegscheider: "Der ORF gehört auf ein für das Land gesundes Maß redimensioniert"

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Interview
10/10/2019

Ferdinand Wegscheider: "Der ORF ist überdimensioniert"

10 Jahre ServusTV: Intendant Wegscheider im Interview über Serien, Sportrechte, den Öffentlich-Rechtlichen und die Politik.

von Christoph Silber

Ähnlich wie den Senderstart hat ServusTV das zehnjährige Jubiläum begangen – heimlich, still und leise. Dabei gibt’s einiges zu sagen: Sender-Intendant Ferdinand Wegscheider (59) findet etwa den ORF zu groß für dieses Land, die Formel I und die Fußball-EM 2024 interessant und ServusTV-Info-Sendungen äquidistant zu allen wahlwerbenden Gruppen.

KURIER: ServusTV, seit zehn Jahren auf Sendung, baut gerade neue Studios. Ist das der Auftakt zur Expansion, denkt man über einen zweiter Sender nach?

Ferdinand Wegscheider: Nein, ein zweiter Sender ist derzeit kein Thema. Wir konzentrieren uns mit ServusTV auf den Heimmarkt und auf die Entwicklung des Senders in Deutschland. Der Neubau ist einfach dem Umstand geschuldet, dass der aktuelle Standort, in den bereits SalzburgTV 2001 eingezogen war, in die Jahre gekommen ist. ServusTV ist den vergangenen Jahren sukzessive weitergewachsen, darauf reagieren wir. Der Standort beim Stadion (Red Bull Arena Salzburg, Anm. d. Red.) hat sich auch daraus ergeben, dass dort schon seit Jahren die Sendeabwicklung ist und es ausreichend Kapazität gibt. Wir planen Anfang des nächsten Jahres in diesen Komplex mit zwei neuen Studios einzuziehen.

Für die Zukunftsentwicklung sind auch die politischen Rahmenbedingungen wichtig. Vor den Wahlen hat der Privatsender-Verband seine Forderungen an eine nächste Regierung deponiert, d. h. vor allem Verbote für den ORF. Wie sehen Sie das als jemand, der häufig querdenkt?

Als langjähriger Medienmacher und auch Kämpfer gegen das vormalige Monopol habe ich eine etwas differenziertere Meinung, als sie der Verband formuliert. Mir geht es auch hier mehr um die Qualität als um die Quantität. In diesem Papier sind viele gießkannenartige Forderungen, was der ORF alles nicht dürfen soll. Das geht zumindest teilweise am Wesentlichen vorbei. Das erste Ziel des Privatsender-Verbandes muss die Feststellung sein: Der ORF ist für die Größe des Landes mit vier Radio- und vier Fernseh-Ketten überdimensioniert. Absurderweise hat man mit dieser Größe ja über Jahrzehnte immer die doppelten Einnahmequellen – Werbung und Gebühren – gerechtfertigt. Heute nützt man diese Sender u. a. auch, um die österreichischen Privaten, die man lange ver- und behindert hat, durch Gegenprogrammierung zu konkurrenzieren. Das kann nicht der Sinn des Öffentlich-Rechtlichen und der Gebühren sein.

Daraus ergibt sich welche Forderung an die Politik?

Der ORF gehört auf ein für das Land gesundes Maß redimensioniert. Das würde ihm auch helfen zu tun, was er tun sollte. Denn dass der ORF die öffentlich-rechtlichen Inhalte vor allem auf ORFIII wegspielt, die er eigentlich auf den Hauptkanälen senden sollte, ist der falsche Weg, um nicht zu sagen, eine missbräuchliche Verwendung.

Soll der ORF also TV-Sender, die nach Ihrer Einschätzung keine oder nur wenige öffentlich-rechtliche Inhalte spielen, zusperren?

Das klingt härter, als es ist. Ich bin auch weit davon entfernt, von der Politik zu fordern, dass man dem ORF etwas wegnimmt, um es jemand anderen zu geben. Das meine ich ganz und gar nicht. Aber es reichen für ein Land dieser Größe zwei, höchstens drei TV-Sender-Ketten, um öffentlich-rechtliches Programm in all seiner Vielfalt auszustrahlen und Österreich gut mit Public Value zu versorgen.

Zurück zu ServusTV: Wie geht es dem Sender, den Quoten?

Hätte mir jemand vor drei Jahren, als ich als Sender-Intendant angetreten bin, gesagt, dass wir die Quoten in der folgenden Zeit verdoppeln werden, hätte ich entgegnet, dass das nicht zu schaffen ist – gelungen ist es trotzdem und das freut uns natürlich sehr. Es reiht sich fast Monat für Monat Rekord an Rekord mit den Bestwerten seit Bestehen im heurigen August. Wir haben damit zu den beiden anderen Privatsendern erstmals aufgeschlossen. Womit wir weiterhin nicht zufrieden sind, ist die Quotenmessung. 

Was ist das Problem?

Parallel zu steigenden Quoten ist in der Auswertung durch die AGTT (Arbeitsgemeinschaft Teletest, Anm. d. Red.)  auch die tägliche Strecke, in der wir angeblich null Zuseher haben, gestiegen. Diese Nuller-Strecke war früher zwei, drei Stunden lang – mittlerweile reicht sie manchmal von drei Uhr nachts bis in den Nachmittag. Das sagt einem schon die Statistik, dass das real unmöglich ist. Und wir wissen von internen Messungen, dass das nicht stimmt. Wir urgieren das seit Monaten bei der Arbeitsgemeinschaft Teletest. Viel mehr als Schulterzucken kommt da bisher nicht zurück. Laut Beschluss soll aber die digitale Messung mit hbb-TV künftig miteinbezogen wird. Dadurch soll es für alle Beteiligte fairer werden. Wir warten mal ab, was daraus wird.

Warum reagiert man so schleppend, wie Sie sagen?

Da steht eine Milchmädchenrechnung dahinter: Wenn einer im Konzert der Sender seit Monaten zulegt, geht das zu Lasten anderer im Festzug. Die Vermutung, dass die keine Freude damit haben, liegt nahe. Das würde auch den langanhaltenden Widerstand gegen Reformschritte, die ja technisch längst machbar sind, erklären.

Fürs Wachstum muss man auch ins Programm investieren. Bemerkenswert ist, dass ServusTV als erster österreichischer Privater fiktionales Programm produziert: Das erste war die Serie „Trakehner-Blut“, demnächst geht „Meiberger“ bereits in die zweite Staffel und es entsteht ein Aussee-Krimi, „Letzter Kirtag“. Zahlt sich das für den Sender aus? Und wie steht es um das Fortkommen Ihrer Schauspielkarriere – was spielen Sie diesmal? 

Ich darf mich sowohl bei „Meiberger“ als auch beim Aussee-Krimi wieder mit Cameo-Auftritten beteiligen. Beim einen bin ich ein Blues-Sänger in einer Bar, beim anderen der Dorfpfarrer. Aber meine „Schauspielkarriere“ hat mit unserem Engagement nicht direkt etwas zu tun, sondern ist schlicht Spaß. Ernst gemeint ist hingegen, dass die Produktion eigener Fiktion wie Serien oder Filme das Sahnehäubchen für einen Sender sind. Natürlich ist das mit entsprechenden Kosten verbunden. Es schafft das aber wie sonst kaum eine andere Programmfarbe, die Sender-DNA ans Publikum zu bringen. Das hat sich speziell schon bei „Meiberger“ gezeigt, weshalb nun die zweite Staffel folgt. Es hat uns dazu ermutigt, mit „Letzter Kirtag“ gleich einen weiteren Schritt zu setzen – Krimis sind immer noch ein Zugpferd beim linearen Fernsehen, zumal solche, die ein Augenzwinkern und eine gewisse Leichtigkeit haben. Das ist die Richtung, die wir in Angriff nehmen.

Das heißt, Eigenproduktion wird ein fixes Programm-Standbein und es wird weiter investiert?

Die erste „Meiberger“-Staffel hat uns nicht nur sehr viel Spaß gemacht, sondern auch viele und gute Reaktionen gebracht. Und vor allem hat das auch in den Marktanteilen seinen Niederschlag gefunden. So ist es nur logisch weiterzumachen.  Es wäre ja seltsam zu sagen, wir haben da etwas probiert, das hat funktioniert – und jetzt hören wir auf.

Herausragende Quoten hat ServusTV heuer der Sport gebracht.  Aus aktuellen Gründen die Frage: In Deutschland gingen die Rechte für die Fußball-EM 2024 nicht an die Öffentlich-Rechtlichen. Wäre das ein Ereignis, dass sich ServusTV bereits zutrauen würde?

Zutrauen würden wir uns das auf alle Fälle. Im Sport stellt sich aber stets die grundsätzliche Frage von Kosten und Nutzen. Dass wir Sport können, haben wir schon häufig – von der MotoGP bis Tennis – bewiesen. Es ist auf der anderen Seite auch kein Geheimnis, dass im Sportbereich zum Teil astronomische Preise verlangt und auch bezahlt werden. Nur für die Schlagzeilen werden wir dieses Spiel nicht mitmachen. Aber wenn es aus unserer Sicht passt – wir sind immer an guten Sportrechten interessiert.   

Es kommen ja einige attraktive Rechte auf den Markt in nächster Zeit: Europa League, die Formel I etc. Es gibt ja beispielsweise die Nähe von ServusTV zu Red Bull und Motorsport

Es gilt für die Formel I grundsätzlich das Gleiche: Das Verhältnis aus Kosten und Nutzen muss passen. Dass die Formel I, wie auch schon die MotoGP, sehr gut zum Sender passen würde, ist völlig klar und es wäre lächerlich, das in Abrede zu stellen.  Es macht uns die MotoGP schon sehr viel Freude. Deren Performance wurde vor vier Jahren, als wir sie übernommen haben, von der Konkurrenz übersehen oder einfach falsch eingeschätzt. Dieses Potenzial haben wir zu wecken begonnen. Dass wir als kleiner österreichischer Sender das Vertrauen des weltweiten Vermarkters haben, nicht nur die Rechte hier um fünf Jahre zu verlängern, sondern wir auch jene für Deutschland bekommen haben, ist eine Auszeichnung unserer Arbeit. Es ist das erste Mal, dass ein österreichischer Sender ein so großes Sportrecht für Deutschland erhalten hat. Das macht zweifelsfrei Lust auf mehr.

Wie soll es eigentlich mit ServusTV und Deutschland weitergehen? Es ist das ja doch etwas ganz anderes als der Markt in Österreich

Da muss man kurz in die Senderhistorie blicken: Als ich gekommen bin, da hatte ServusTV ein rot-weiß-rotes Logo, sein Hauptquartier in Salzburg – und zwei Drittel der Mitarbeiter waren Deutsche, die Führungsebene war deutsch. Genutzt hat das in Deutschland nichts. Mein Ansatz, als ich angetreten bin, war deshalb: Wir schauen zunächst auf den Heimmarkt, konsolidieren hier und setzen die nächsten Entwicklungsschritte. Nimmt man Quoten und Reputation als Maßstab, ist das gut gelungen. Erst als nächstes folgte der Schritt ins große Nachbarland – Dimension Österreich mal 10.  Das heißt auch, was hier ein Markanteil von drei Prozent ist, ist dort 0,3 Prozent. Die Entwicklung ist, auch wenn das hier kaum einer mitbekommt, seit eineinhalb Jahren ähnlich wie in Österreich - es geht nach oben. 

Was sind die Ziele für Deutschland und gibt es Investitionen für den Erfolg dort?

Ziel ist das kontinuierliche Weiterwachsen des Marktanteils. Ein wesentlicher Schritt dazu war der Einstieg in die MotoGP, wobei die Motorrad-Begeisterung in Deutschland interessanterweise gar nicht so groß wie in Österreich ist. Trotzdem ist dieses erste Rechte-Jahr – und natürlich das Heimrennen am Sachsenring – bisher gut gelaufen. Ohne große Ankündigung senden wir seit Juni werktags auch eigene Deutschland-News. In dem Zusammenhang interessant ist, wie schnell der Zuseher-Markt darauf reagiert hat. Das gibt uns Grund für Optimismus. Dazu trägt auch noch der Erwerb der Deutschland-Rechte von „Hubert und Staller“ bei. Für alles Weitere gilt: Über ungelegte Eier reden wir nicht.

Sehen diese Entwicklungen die Werbetreibenden auch? Oder ist die Standalone-Situation in dem Zusammenhang für Euch ein Problem?

Das Gegenteil ist der Fall. Da bin ich aber auch etwas geprägt durch die Zeit mit SalzburgTV. Denn bei einem kleinen regionalen Kabelsender war vom Agentur-Geschäft sowieso keine Rede. Ich meine, dass damals wie heute es über den direkten Kontakt mit den Werbekunden gehen muss. Das Geschäft mit den Agenturen werden wir daneben nicht vernachlässigen und die Reaktionen, die von dort kommen, sind sehr positiv.

Zum Abschluss: Die Wahlen in Österreich und das Vorspiel dazu haben den meisten Sendern ein Mehr an Zuseher-Interesse gebracht. Wie zufrieden sind Sie im Rückblick mit der Performance von ServusTV und wie mit Zusammenarbeit unter den Privatsendern?

Mit den Quoten kann ich nur zufrieden sein. Positiv ist auch das Zusammengehen der Privatsender für „Elefanten-Runden“. Mich hat allerdings eines ein wenig gewundert:  Bei den Nationalratswahlen vor zwei Jahren haben uns die Parteien, für mich völlig verständlich, noch wissen lassen, dass es so viele TV-Termine nicht mehr geben werde  – es ist das Gegenteil dessen passiert. Es zeigt das aber auch das Ende eines Dogmas: In früheren Jahren war in Wahlzeiten ausschließlich der ORF bei der Politik gesetzt und das ist endgültig vorbei.

Auch in „normalen“ Zeiten funktionieren die News-Sendungen. ServusTV ist bei den Quoten teilweise gleich auf mit ATV. Liegt das auch an einer politischen Ausrichtung des Senders?

Zu allererst hat das mit dem Qualitätsanspruch zu tun, den wir beim gesamten Programm und natürlich ganz besonders bei der Information haben. Ich habe einmal beim Öffentlich-Rechtlichen und dessen Information gelernt und für mich persönlich ist völlig klar, dass die Information top-seriös und verlässlich sein muss. Dass das auch so vom Publikum wahrgenommen wird, kann man an der Quoten-Entwicklung der News-Sendungen sehen, die ja erst vor vier Jahren eingeführt wurden. Und was die politische Ausrichtung betrifft – die gibt es eben bei uns nicht. Ich meine, ServusTV ist – für Österreich in vorbildlicher Weise – äquidistant zu allen wahlwerbenden Gruppen.

Beispielsweise beim „Talk im Hangar“ hat man dieses Gefühl bei der Gäste-Besetzung mit Radikalen und Rechten nicht zweifelsfrei – oder wird überinterpretiert?

Die Branche – um nicht zu sagen die Blase – setzt dieses Gerücht immer wieder gern in die Welt, was irgendwie politisch besetzt würde. Die Talk-Redaktion vertritt schlicht das Prinzip, dass wir sach- und themenbezogen Diskutanten einladen und dabei niemanden ausgrenzen. Das von der politischen Linken vertretene Dogma, dass man mit manchen nicht redet, daran halten wir uns nicht. Es widerspricht das mir als Journalisten, der ich war und bin, und meinem demokratischen Empfinden, nicht mit jedem zu reden. Wenn wir anfangen, das Gespräch zu verweigern egal mit wem, dann wird es tatsächlich eng in der Demokratie.

Danke für das Gespräch.

 

ServusTV: Der Sender und seine Entwicklung

ServusTV, aus Ferdinand Wegscheiders „Piraten-Projekt“ SalzburgTV  hervorgegangen, startete den Sendebetrieb am 1. Oktober 2009. Wegscheider kehrte 2014 zurück und ist seit 2016 Intendant.

Die Marktanteile wuchsen seitdem kontinuierlich von 1,8 auf heuer durchschnittlich 2,9 Prozent (Höchstwert im August: 3,4 Prozent, Seher ab 12); die News liegen 2019 bei 4,9 Prozent (Höchstwert  im August mit 5,7 Prozent Marktanteil).

ServusTV ist der erste österreichische Privatsender, der selbst fiktionale Inhalte produziert: Die erste Serie war "Trakehnerblut".

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