"Die Macht der Kränkung" (v.l.n.r.): Umut Dağ (Regie), Gudula von Eysmondt (Producerin), Alev Irmak, Cristian Pirjol (Kamera), Agnes Pluch (Autorin), die Schauspieler Antje Traue und Murathan Muslu

© Mona Film/Tivoli Film/Petro Domenigg / FILMSTILLS.AT K

Interview
09/27/2020

„Die eigene Psyche ist ein wunderbares Werkzeug“

Autorin Agnes Pluch über ihre für ZDFneo und ORF geschriebene Serie "Die Macht der Kränkung" und wie aus Reinhard Hallers Sach- ein Drehbuch wurde

von Christoph Silber

In Wien und Linz entsteht derzeit die sechsteilige, prominent besetzte Dramaserie "Die Macht der Kränkung" in der Regie von Umut Dağ mit u. a. Murathan Muslu, Julia Koschitz, Johanna Wokalek und Antje Traue. Sie beruht in der Grundidee auf dem gleichnamigen Beststeller "Die Macht der Kränkung" von Psychiater Reinhard Haller, der mit seinen Gutachten etwa zum Sexualstraftäter und Häfn-Literaten Jack Unterweger oder zum Briefbombenattentäter Franz Fuchs bekannt geworden ist. Wie man aus einem Sachbuch mit nur kurzen Passagen über konkrete Fälle eine Serie kreiert und was man dabei denkt und durchlebt, erzählt im Interview Drehbuchautorin und ROMY-Preisträgerin Agnes Pluch. 

Wie macht man aus einem doch recht komplexen Sachbuch eine sechsteilige fiktionale Serie? Klingt irgendwie unmöglich.

Ich hab` es mir zunächst auch nicht vorstellen können. Gudula von Eysmondt und Gerald Podgornig von der Mona Film Produktion sind mit dem Buch zu mir gekommen und der Überlegung, daraus eine Serie zu machen. Das Thema Kränkung für sich fand ich aber extrem spannend. Denn genau besehen fußt ja beispielsweise nahezu jeder Krimi auf Kränkungen - wobei ein Krimi im herkömmlichen Sinn hätte mich für den Stoff nicht gereizt. Es gab zunächst noch die Überlegung, episodisch aus Sicht eines Gerichtspsychiaters zu erzählen, der, wie Haller selbst, nicht nach dem „Wer war es“, sondern nach dem „Warum ist etwas geschehen“ forscht. Aber auch das war es für mich nicht.

Nach Reinhard Haller sind Kränkungen allgegenwärtig, wo also anfangen?

Es gibt diesen gemeinsamen wichtigen Ausgangspunkt von Serie und Hallers Buch: Jeder kränkt und jeder wird gekränkt. Das passiert häufig gar nicht bewusst, das Empfinden dessen ist sehr individuell und der Auslöser liegt oft lange zurück. Das ist eine schöne Basis, um nun in einer Geschichte Lebenswege kreuzen zu lassen und verschiedene ineinander verflochtene Handlungen zu erzählen. Eine zweite wesentliche Überlegung ergab sich durch die Beschäftigung mit dem Thema, nämlich, dass laut Experten nahezu alle Amoktaten auf vorangegangenen Kränkungen beruhen - wobei es in der Serie nicht um einen klassischen Amoklauf gehen wird!  In diesem traurigen Zusammenhang kommt es in der Realität zu zufälligen schicksalshaften Zusammentreffen, solche Täter wählen ihre Opfer fast immer rein willkürlich. Schließlich war noch ein Ort zu finden, wo so etwas realistischer Weise stattfinden kann und das ist eine Shopping-Mall. Denn dort kommen alle Alters- und Gesellschaftsgruppen zusammen. Da gibt es die, die sich dort treffen, um Spaß zu haben, die Schule zu stangeln oder dort hingehen, um nicht einsam zuhause zu sitzen. Und dann gibt es natürlich noch die, die dort einkaufen, die Angestellten oder auch die, die im angeschlossen Büro-Tower arbeiten. All das zusammen, damit waren die ersten Bausteine dieser Geschichte gegeben.

Können Sie etwas über den Einstieg in die Serie erzählen?

Der Beginn stellt sich nun so dar, dass in einem Einkaufszentrum Schüsse gefallen sind, es gibt ein Großaufgebot an Polizei, es muss also etwas Schreckliches passiert sein. Man weiß aber noch nicht, wer der Täter ist, wer die Opfer sind, ob es Zusammenhänge zwischen ihnen gibt. An diesem Punkt geht die Handlung um eine Woche zurück und man erlebt die Tage vor dieser Tat – in jeder Folge liegt der Fokus der Erzählung auf einem anderen Handlungsstrang, ist man nahe an einer Figur und ihrer jeweiligen Kränkungsgeschichte.  Dabei stellt sich natürlich die Frage, ob diese Person jene ist, die zur Waffe greifen wird oder vielleicht zum Opfer wird. Nach und nach kristallisiert sich auch heraus, wie die Handlungsstränge einander bedingen und ineinander greifen. Es erinnert das Ganze ein wenig an ein Billardspiel, bei der eine Kugel eine andere antippt, worauf die wieder losrollt, eine andere streift usw.. Und so werden in dieser Geschichte auch Kränkungen angestoßen und weitergeben.

Es sind insgesamt 50 Sprechrollen geworden, die ein komplexes Netz an Beziehungen personalisieren. Hatten Sie zum Schreiben zuhause einen Plan darüber an der Wand hängen oder wie kann man sich den Umgang mit diesem Geflecht vorstellen?

Es ist das Ganze doch etwas aufwändig geworden, das stimmt. Einen Plan gab es aber trotzdem nicht, wobei ich mir am Beginn meiner Tätigkeit als Autorin auch immer gedacht habe, ich würde es so machen. Es gibt ja Kolleginnen und Kollegen, die so arbeiten, die Karteikarten nutzen, Diagramme zeichnen und Tabellen führen. Ich bin leider eine Autorin, die das im Kopf erledigen muss, das wird alles im Kopf gestrickt und geplant. Ich gebe zu, das war diesmal doch sehr anstrengend, aber es war auch eine wunderbare Arbeit. Es ist nämlich ein großes Glück bei einer Serie, Figuren über einen relativ großen Zeitraum entwickeln zu können.   

Wie viele Hauptfiguren gibt es?

Ich tue mir schwer, sie zu benennen, weil ich versuche, jede Figur, auch wenn sie nur einen kleinen Raum einnimmt, als Hauptfigur zu betrachten und sie mit Kränkung, Kränkungsfolgen oder -reaktionen zu konfrontieren. Das ist natürlich sehr breit gefächert. Es gibt jedenfalls fünf Haupthandlungsstränge, die ineinander verflochten sind. Die Figuren sind toll besetzt: Murathan Muslu spielt beispielsweise einen Security-Beamten, der um seine Beziehung fürchtet, Julia Koschitz eine Versicherungsangestellte kurz vor dem Karrieresprung und Johanna Wokalek eine Ärztin, die zerrieben wird zwischen ihrem Beruf, ihrer Rolle als Alleinerzieherin und ihrem Ex-Mann.

Das sind Figuren, die ein ganz konventionellen Leben leben?

Gleichzeitig wohnt jedem Leben eine gewisse Dramatik, etwas Existentielles, inne.

Im Buch „Die Macht der Kränkung“ gibt es einen kurzen Nachklang, in dem es um die „Entmachtung der Kränkung“ geht. Findet sich dieser Aspekt auch in der Serie?

Das Medium Fernsehen bedient sich natürlich bevorzugt der Dramatik, aber es gibt Geschichten, bei denen es zu versöhnlichen Momenten oder „Heilung“ kommt. Es ist das etwas, was mir in der Fachliteratur immer wieder untergekommen ist und es hat etwas Tröstliches, dass durch Liebe und Zuneigung Schlimmes vermieden werden und sich auch etwas zum Positiven wenden kann. Es gibt also diese Schicksalshaftigkeit von Verbrechen nicht und nicht die klassischen Lebensläufe, die unweigerlich im Schlimmsten enden müssen. Das ist etwas, woran auch ich selbst sehr stark glaube.

Wie viele Monate hat es gedauert, um vom Sachbuch und den Ideen in diesem Zusammenhang bis zu einem drehfertigen Skript zu kommen? Dazu braucht es ja intensive Vorarbeit und schon Haller beklagt, dass das Thema Kränkung wissenschaftlich noch nicht so ausgeleuchtet ist, wie es sein sollte.

Das ist nicht ganz so leicht zu sagen, weil meine Arbeit keine ist, die einen klaren Anfang und ein Ende hat. Zunächst entwickelt man ja aus einer Idee ein Konzept, das liegt dann oft sehr lange bei dem betreffenden Sender, bis es dort durch alle Entscheidungsstufen durchgegangen ist. Erst dann kann ich als Autorin weiterarbeiten. Bei diesem Projekt würde ich eineinhalb Jahre schätzen, die es gebraucht hat. Bis man einen Staffel-Bogen konstruiert hat, das dauert und ist auch die anstrengendste Arbeit gewesen. Da muss ich aber auch unterstreichen, dass die Zusammenarbeit mit der Redaktion von ZDFneo und mit der Produktion großartig und angenehm war.

Und wie haben Sie die Recherche für diese Serie aufgesetzt?

Das waren natürlich zunächst die Bücher Reinhard Hallers und später weitere Fachliteratur. Als ich mich entschieden hatte, das in einer Shopping-Mall zu verorten, habe ich mich mit ähnlich gelagerten realen Fällen beschäftigt. Ein Beispiel für einen Vorfall, den ich mir genauer angesehen habe, ist etwa jener im Einkaufszentrum des Münchner Olympiaparks, der uns allen noch in Erinnerung ist. Der ist recht gut aufgearbeitet, dazu gibt es auch Dokus etc.. Aber, und das muss ich auch sagen, eine der ersten Recherchequellen für mich bin ich immer selbst.

Das muss mitunter ein schmerzhafter Schaffensprozess sein. Denn wenn man Hallers Kränkungsbuch liest, denkt man nach und automatisch kommen eigene Erlebnisse wieder an die Oberfläche. Sie als Autorin arbeiten das ja auch noch aus.

Das ist aber das Tolle an meinem Beruf als Autorin: Es stimmt, es ist das eigentlich immer ein schmerzhafter Prozess. Es ist immer wieder so, dass ich mir wochenlang denke, dass es mir grad echt nicht gut geht, um dann zu realisieren, dass es einen Zusammenhang mit dem geben könnte, woran ich gerade arbeite. Das Schöne ist aber auch, dass man in den unangenehmsten oder absurdesten Situationen immer den einen Schritt zurück machen kann, um sich selbst zu sagen, das betrachte ich jetzt als Recherche und gehe damit auf Distanz. Ich denke, dass das Schauspielerinnen und Schauspieler ähnlich erleben. Gerade bei grundlegenden Gefühle, die jeder kennt und erlebt hat, geht es darum, dass man sich in diese Figuren hineinversetzt. Das heißt aber nicht, dass jede einzelne Geschichte meine Erlebnisse sind - ich sammle Zeitungsartikel und Geschichten, die mir unterkommen und die ich dann, wenn sie passen, nutzen kann. Aber um die Figuren und ihre Charaktere auszuarbeiten, da, finde ich, ist die eigene Psyche ein wunderbares Werkzeug.

Reinhard Haller ist nicht nur der Autor des Sachbuches, sondern er wird auch selbst auftreten. Wie kam es dazu?

Ganz zu Beginn, als wir alle noch nicht wussten, wohin diese Reise gehen soll, gab es ein langes Gespräch mit ihm. Als klar war, dass die Geschichte etwas anders laufen wird, als jene mit dem Gerichtspsychiater, der Fälle löst, war klar, dass ich das zunächst einmal allein schreiben muss. Er hat aber die Sachen zum Lesen bekommen und, so trau ich mich zu sagen, seinen Segen dazu gegeben. Die Idee, ihn buchstäblich mitspielen zu lassen, kam erst wieder spät und wir waren froh, dass er sich bereit erklärt hat, als Experte die Rolle eines Experten zu übernehmen. Als wirklichen Ritterschlag habe ich dabei empfunden, dass er zu den Texten, die ich ihm vorgeschrieben habe, gemeint hat, dass er das alles so sagen kann und wird.

Agnes Pluch wurde 1968 als Tochter des Autorenpaares Thomas Pluch und Erika Molny geboren. Studierte Theaterwissenschaften, Psychologie, Philosophie. Lebt  als freie Drehbuchautorin in Wien.  Arbeiten sind u. a. „Ikarus“, „Vermisst – Alexandra Walch, 17“, „Die Auslöschung“,  „Die Kinder der Villa Emma“, „Am Ende des Sommers“, „Balanceakt“. Zahlreiche Auszeichnungen wie etwa Max Ophüls Preis,   Thomas Pluch Drehbuchpreis, ROMY, TV-Preis der Erwachsenenbildung 

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.