Die ROMY-Preisträgerinnen beim Interview: Leena Koppe (l.) wurde für „Das letzte Problem“ prämiert, Agnes Pluch für „Balanceakt“ 

© KURIER/Romar Ferry

Interview
06/12/2020

Frauen in der Filmbranche: "Meine Angst ist, dass es durch die Krise einen Backlash gibt"

Kamerafrau Leena Koppe und Drehbuchautorin Agnes Pluch im Gespräch über Klischees und Quote im Film.

von Nina Oberbucher

Diese Woche konnten sie ihre ROMYs persönlich entgegennehmen: Kamerafrau Leena Koppe wurde heuer für den ORF-Landkrimi „Das letzte Problem“ ausgezeichnet, Drehbuchautorin Agnes Pluch für das TV-Drama „Balanceakt“. Häufig sind Drehbuch und vor allem Kamera in Männerhand (mehr dazu in der Infobox weiter unten). Der KURIER hat mit den beiden Preisträgerinnen darüber gesprochen, woran das liegen könnte.

KURIER: Das Geschlechterverhältnis beim Film ist „off screen“ sehr unausgeglichen. Warum ist das so?

Agnes Pluch: Ich glaube, das hat unterschiedliche Gründe. Wenn man es ganz genau beantworten könnte, wäre vielleicht schon eher eine Lösung gefunden. Aber ein Hebel ist sicher, wie Förderungsmechanismen für Frauen ablaufen. In den letzten 1–2 Jahren ist Gott sei Dank ein relativ großes Bewusstsein entstanden, auch bei den Fernsehsendern. Ich persönlich bin überzeugt davon, dass eigentlich nur die Einführung einer Quote helfen kann.

Leena Koppe: Ich denke auch, dass Strukturen ein großes Problem darstellen. Es werden immer noch 80 % der Fördermittel an Männer ausgegeben (siehe Infobox). Mittlerweile gibt es Initiativen und Netzwerke für Frauen in der Filmbranche, die ich für sehr wichtig halte. Ich selbst bin bei den Cinematographinnen, einer Vereinigung von deutschsprachigen Kamerafrauen. Oft kommt ja das Argument „Wir kennen kaum Kamerafrauen“ oder „Die eine, die wir kennen, dreht immer“. Da gibt es eine Plattform, an die sich Produzenten wenden können. Viel hat auch mit den Bildern von Frauen und Männern zu tun, die vorherrschen.

Laut Österreichischem Film Gender Report gingen 2012–2016 80 % der Herstellungsförderungen an Projekte mit Männern in Regie, Produktion oder Drehbuch. Projekte mit hohem Frauenanteil erhielten überproportional häufig niedrigere Förderbeträge. Bei den untersuchten TV-Serien waren fast ein Drittel Frauen für Regie und/oder Drehbuch verantwortlich, sie erhielten aber nur einen Bruchteil der Honorare (8 % bei Regie, 19 % bei Drehbuch). In Kinofilmen waren 64 % der Stabstellen männlich besetzt; Ton, Licht, Kamera und Sound wiesen Männeranteile von über 90 % auf. Noch mehr Zahlen und Details aus der Studie können Sie hier nachlesen. 

Mittlerweile fördert das Österreichische Filminstitut Projekte mit hohem Frauenanteil zusätzlich (Gender Incentive). Mehrere Initiativen setzen sich für Gendergerechtigkeit in der Branche ein und dienen der Vernetzung von Frauen, etwa der FC Gloria (www.fc-gloria.atoder die Cinematographinnen (cinematographinnen.net)

Das heißt Sie begegnen häufig Klischees?

Koppe: Wenn ich mit der Kamera komme, werde ich oft gefragt: Ist das nicht zu schwer? Wenn eine Frau mit zwei Kindern, einem Kinderwagen, Einkäufen und vielleicht noch einem Roller unterwegs ist – was man ja tatsächlich sieht, wenn man die Augen offen hält –, fragt keiner, ob die das kann. Und das ist manchmal schwerer als die Kamera, kann ich selbst sagen. Das eine fällt niemandem auf, aber die Kamera schon. Da merkt man, wie tief gewisse Bilder verankert sind.

Pluch: Da möchte ich gleich einhaken, weil es zu den traditionellen Bildern gehört und im Laufe dieses Gesprächs wahrscheinlich auch das Wort Corona fallen muss: Meine große Angst ist, dass es durch die Krise einen Backlash gibt – nicht nur, aber auch im Kulturbereich. Die Fördertöpfe werden kleiner und dann werden die Ellbogen mehr ausgefahren. Da muss man vorsichtig sein, dass Dinge, die vielleicht schon erreicht sind, nicht im Zuge von Einsparungsmaßnahmen fallengelassen werden – mit der Begründung, das hätte gerade keine Wichtigkeit. Ich verallgemeinere jetzt, aber es war schon zu beobachten, dass es eher die Frauen waren, die zu Hause bei den Kindern waren und mit ihnen gelernt haben.

Dabei würde man denken, dass die Kulturbranche moderner wäre.

Pluch: Wir bewegen uns sicher in Kreisen, die aufgeklärter sind und vermeintlich weniger klassischen Rollenbildern anhängen. Aber auch da sind es meistens die Frauen, die in Teilzeit gehen, weil der Mann mehr verdient. Und bei uns beißt sich auch die Katze in den Schwanz: Wenn jetzt beispielsweise eher ein Projekt von einem Regisseur gefördert wird, ist es klar, dass er nicht absagt und zu Hause bei den Kindern bleibt, sondern dass das seine Frau tut, deren Projekt eh gerade nicht gefördert worden ist. Umso weniger kommen dann Frauen zum Zug.

Als Sie am Anfang Ihrer Karrieren standen, hatten Sie da Frauen als Vorbilder oder brauchte es vielleicht erst ein Aha-Erlebnis, durch das Sie gemerkt haben, dieser Berufsweg käme für Sie in Frage?

Pluch: Meine Mutter hat sehr feministisch gedacht und selbst geschrieben. Deshalb war mir das nicht fremd. Ich gestehe aber, dass ich da – wie wohl einige in meiner Generation, deren Mütter große Arbeit in Fragen der Emanzipation geleistet haben – relativ blauäugig war und gedacht habe: Es gibt keine Genderungerechtigkeit, alles ist möglich, alles ist erreicht. Ich habe sehr bald gemerkt, dass es einen ganz anderen Umgang mit Frauen in der Branche gibt.

Und daraufhin sagt der Hauptdarsteller zu mir: „Geh, bist so lieb und holst mir auch einen Kaffee?“

Agnes Pluch

Woran zum Beispiel?

Pluch: Ich nenne nur ungerne Beispiele, weil die machen‘s vielleicht klein. Aber ich sage jetzt etwas, das mir spontan einfällt: Ich habe bei einem Projekt für und mit Andreas Prochaska geschrieben. Es gab dann eine Leseprobe im kleinen Kreis. Der Hauptdarsteller kommt herein und Andreas stellt mich vor: „Das ist Agnes Pluch, die Drehbuchautorin.“ Und daraufhin sagt der Hauptdarsteller zu mir: „Geh, bist so lieb und holst mir auch einen Kaffee?“ Das würde man zu einem Mann niemals sagen. Und das sind Winzigkeiten, die aber natürlich etwas über den Umgang erzählen. Ich habe am Anfang auch drei Jahre im ORF gearbeitet. Das war ehrlich gesagt mein Aha-Erlebnis, wie es sich in großen Strukturen auswirkt – und damals war der ORF sicher noch viel männlicher besetzt als jetzt –, ob man Frau oder Mann ist. 

Frau Koppe, wie erging es Ihnen als Kamerafrau?

Koppe: Meine Mutter ist Finnin, sie hat immer gearbeitet, als ich ein Kind war, und mein Vater war auch bei uns zu Hause. Ich bin also auch mit dem Bild aufgewachsen: Wir sind alle gleichberechtigt. Beim Studium habe ich dann gesehen, dass es nicht so ausgeglichen ist, wie ich es mir gewünscht habe. Ich hatte ein Aha-Erlebnis, als Judith Kaufmann, eine deutsche Kamerafrau, in Wien ihren Film vorgestellt hat. Meine Vorbilder waren immer Männer. Aber da habe ich gemerkt, wie sehr mir ein weibliches Vorbild gefehlt hat, das nicht irgendwo in Amerika ist und wo man sich denkt, das ist unerreichbar.

Wie sind Sie gerade am Anfang mit Stereotypen und Zuschreibungen umgegangen?

Koppe: Ich habe immer versucht, mein Ding zu machen und das abprallen zu lassen. Aber natürlich macht das etwas mit einem. Einmal war ich bei einem Projekt 2. Kameraassistentin und da wurde am Set gefragt: „Können wir das so und so machen?“ Der 1. Kameraassistent hat gesagt: „Ja, sicher!“ Und dann hat er mich gefragt: „Verdammt, Leena, wie machen wir das?“ Ich hab’ über die Jahre gemerkt, wie viele Probleme ich eigentlich schon gelöst habe und dass ich das sehr gut kann. Aber ich würde in so einer Situation trotzdem sagen: „Moment, ich muss mal schauen!“ Ich habe mir immer gedacht, ich muss 110 Prozent leisten, damit ich irgendeine Chance habe und ich habe mich schnell für Probleme verantwortlich gefühlt. Das ist vielleicht auch etwas Weibliches, zögerlicher und vorsichtiger zu sein, nicht so vorzupreschen.

Die Fähigkeit, Qualität abzuliefern, ist prozentual gleich zwischen den Geschlechtern verteilt.

Leena Koppe

Pluch: Mir geht es da ganz genauso. Da sind immer wieder ganz große Selbstzweifel – wobei ich glaube, dass männliche Kollegen die genauso haben, aber sie gehen anders damit um. Ich bin’s nur auch leid, wenn das im Umkehrschluss manchmal so verstanden wird: Na, die Frauen sind ja selber schuld, dass die Situation so ist, weil sie zu bescheiden sind. Das ist fast so schlimm wie dieses Qualitätsargument bei der Filmförderung: „Wir wollen nicht nach einer Quote fördern, sondern nur nach Qualität.“ Da muss man auch sagen: Unter den 80 % geförderten Männern waren nicht nur Cannes-Teilnehmer und Oscar-Preisträger.

Koppe: Genau. Die Fähigkeit, Qualität abzuliefern, ist prozentual gleich zwischen den Geschlechtern verteilt. Und um die eigene Qualität auch ausleben oder darstellen zu können, braucht es faire Chancen und Zugang zum Budget. Der größte Anteil von Kamerafrauen ist etwa bei Dokumentar- und Kunstfilmen tätig – also genau in jenen Bereichen, in denen nicht mit großen Summen gearbeitet wird.

Leena Koppe, Jahrgang 1974, studierte Bildtechnik und Kamera an der Universität für Musik und Darstellende Kunst in Wien. Sie hat u. a. "Gruber geht" (dafür erhielt sie 2015 auch eine ROMY), "Was hat uns bloß so ruiniert" und "Der Boden unter den Füßen" gedreht. Derzeit arbeitet sie am Kurzfilm "Dear Darkness" von Antoinette Zwirchmayr, im Herbst geht es mit dem Landkrimi "Vier" von Marie Kreutzer weiter. Heuer wurde Koppe mit einer ROMY in der Kategorie "Beste Bildgestaltung TV-Fiction" für den ORF-Landkrimi "Das letzte Problem" mit Karl Markovics in der Hauptrolle ausgezeichnet.

Agnes Pluch, geboren 1968, studierte Theaterwissenschaft, Philosophie und Psychologie. Sie war Geschäftsführerin des Drehbuchforum Wien und des Drehbuchverbands Austria sowie Redakteurin für Film und Serie im ORF. Als freie Drehbuchautorin hat sie u. a. für "Die Auslöschung" (mit Nikolas Leytner), "Die Kinder der Villa Emma" und den "Tatort: Baum fällt" geschrieben. Im September beginnen die Dreharbeiten für die ZDFneo-Miniserie "Die Macht der Kränkung"Heuer wurde Pluch mit einer ROMY in der Kategorie "Bestes Buch TV-Fiction" für "Balanceakt" ausgezeichnet, ein TV-Drama mit Julia Koschitz als MS-Patientin.

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