Kultur 03.05.2016

Mateschitz zu Aus von Servus TV: "Betriebsrat nicht dienlich"

Mateschitz: "Das Reglement, stimmt hinten und vorne nicht. Man darf die Formel 1 nicht niederreglementieren." © Bild: APA/BARBARA GINDL

Dietrich Mateschitz gibt seinen Fernsehsender auf. Betriebsratsgründung ist der Grund.

Knalleffekt in der österreichischen Medienbranche: Der von Red Bull Eigentümer-Dietrich Mateschitz gegründete Sender Servus TV stellt seinen Betrieb ein. Wie er dem KURIER nun bestätigt, ist die geplante Gründung eines Betriebsrates durch die Mitarbeiter der Grund dafür.

In der Aussendung am Dienstag in der Früh heißt es noch: "Servus TV wurde im Jahr 2009 als Sender mit hohem Anspruch an Qualität und Unterhaltung gestartet. Obwohl wir Jahr für Jahr einen nahezu dreistelligen Millionenbetrag in Servus TV investiert haben, lässt sieben Jahre nach Einführung die aktuelle Markt- und Wettbewerbssituation keine wirklich positive Entwicklung erwarten." Der Sender sei daher wirtschaftlich untragbar geworden. "Wir haben uns der Sorgfaltspflicht eines ordentlichen Geschäftsmannes entsprechend entschlossen, den Betrieb von Servus TV einzustellen."

Betriebsrat hätte beschädigt

Der Grund für das überraschende Aus soll aber in der Gründung eines Betriebsrats für Servus TV liegen. "Eine Umwandlung von Servus TV in einen zweiten ORF, der von Betriebsräten geführt wird, akzeptiert Mateschitz sicher nicht", hieß es von Seiten eines Mitarbeiters. Auch eine andere Mitarbeiterin bezweifelt den öffentlich kommunizierten Grund, der Sender sei wirtschaftlich nicht tragbar: "Der wahre Grund war die Intention der Mitarbeiter, einen Betriebsrat zu gründen." Mateschitz habe das furchtbar verärgert, "so etwas habe ich noch nie erlebt."

Mateschitz selbst bestätigt dies mit folgendem Kommentar: "Unabhängigkeit, Eigenständigkeit und Unbeeinflussbarkeit insbesondere durch politische Parteien, egal welcher Richtung, war von Anfang an ein tragender Pfeiler von Servus TV. Die Betriebsratsgründung hätte diese Werte insbesondere durch die Art und Weise ihres Zustandekommens – anonym, unterstützt von Gewerkschaft und Arbeiterkammer – nachhaltig beschädigt. Dass diese Vorgehensweise bei der Entscheidung in der aktuellen Situation des Senders nicht gerade dienlich war, ist evident.“ Noch kurz davor hatte die Salzburger Gewerkschaft Mateschitz und sein Vorgehen verteidigt.

Gewerkschaft: "Nicht irgendeine Bananenrepublik"

„Wir sind sehr traurig, dass 246 Mitarbeiter mit Ende Juni ihren Arbeitsplatz bei Servus TV verlieren. Es ist kein Geheimnis, dass die wirtschaftliche Situation beim Salzburger Privatsender mehr als schwierig und sehr angespannt war. In erster Linie geht es uns jetzt darum, für die betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entsprechende Maßnahmen zu setzen, um diese mehr als unerfreuliche Situation erträglich zu machen. Konkret fordern wir Sozialplanverhandlungen für die gekündigten Mitarbeiter, auch im Wissen, dass es derzeit noch keinen Betriebsrat bei Servus TV gibt“, erklärt Gerald Forcher, Geschäftsführer der GPA-djp Salzburg in einer ersten Reaktion.

Gewerkschaft und Arbeiterkammer haben "fassungslos und entsetzt" auf die Aussagen von Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz zum Ende von Servus TV reagiert. "Die jetzt an den Tag gelegte Haltung ist eines Herrn Mateschitz nicht würdig", erklärte Gerald Forcher, Geschäftsführer der GPA-djp Salzburg. "Wir leben in Österreich und nicht auf irgendeiner Bananenrepublik." "Was soll an der Vorgehensweise über Betriebsratswahlen nachzudenken nicht dienlich sein?", fragt AK-Präsident Siegfried Pichler in der gemeinsamen Aussendung mit Forcher. Ihm platze der Kragen, wenn so über die betriebliche Mitbestimmung gedacht werde. Sich gewerkschaftlich zu organisieren sei ein Grundrecht.

Die beiden Arbeitnehmervertreter Forcher und Pichler stärken Mateschitz - und somit dem wichtigen Salzburger Arbeitgeber Red Bull - allerdings auch den Rücken. "Wir haben Herrn Mateschitz bislang als sehr verantwortungsvollen und ehrbaren Unternehmer geschätzt, der sich auch seiner sozialen Verantwortung stets bewusst war." Der laut "Forbes" reichste Österreicher sei für seine Weitsichtigkeit und besonnene Entscheidungen bekannt.

Mitarbeiter waren gegen eine Betriebsratsgründung

Derweil zeigt sich, dass die Mitarbeiter des Senders gegen die Gründung eines Betriebsrats waren. "Die anonyme Umfrage über die mögliche Gründung eines Betriebsrates unterstützen wir - und das ist die überwältigende Mehrheit aller Mitarbeiter von ServusTV - ausdrücklich nicht", heißt es in dem der APA vorliegenden Schreiben. "Wir wollen und brauchen keinen Betriebsrat", halten die Mitarbeiter fest. "Darüber hinaus verbitten wir uns ausdrücklich jedwede (auch gewerkschaftliche) Einmischung und Stellungnahme von außen." Ihnen sei kein Unternehmen bekannt, das einen derart sozialen und loyalen Umgang mit seinen Mitarbeitern pflegt, wie Servus TV bzw. Red Bull." Es gebe zudem mehrere Hinweise, dass die anonyme Initiative womöglich von außerhalb des Unternehmens angestoßen wurde.

Der Zeitpunkt für das Aus noch offen

Wann das Aus folgt, blieb offen: "Der Sendebetrieb wird bis auf weiteres uneingeschränkt weiter laufen", schreibt Servus TV. Das Printmagazin Servus in Stadt und Land sei von der Maßnahme nicht betroffen. „Wir können den 30. Juni nicht bestätigen. Den genauen Zeitpunkt werden wir aber professionell und gemeinsam mit unseren Mitarbeitern und Partnern erarbeiten", heißt es von Servus TV.

Erst vor drei Wochen hatte Mateschitz seinen Fernsehsender umgekrempelt. Geschäftsführer Martin Blank schied überraschend aus, auf ihn folgte Ferdinand Wegscheider als alleiniger Senderchef. Der frühere Burgtheater-Direktor und interimistische Servus-Programmdirektor Matthias Hartmann soll sich künftig im Red Bull Media House um Programmentwicklung kümmern.

Gleichzeitig wurde die neue Senderreihe "Heimatleuchten" für den Freitagabend eingeführt, zudem sicherte man sich die Rechte an der Erste Bank Eishockey Liga für drei weitere Spielzeiten.

Tränen im Sender

Wie Mitarbeiter dem KURIER berichteten, sei Senderchef Ferdinand Wegscheider am Vormittag mit zittriger Stimme vor die Mitarbeiter getreten und habe verkündet, dass alle beim AMS gemeldet wurden. Betroffen seien 246 Mitarbeiter. Tränen flossen, Schock in den Gesichtern. Viele sind extra hierher gezogen, haben in Wien alles aufgegeben, um in Salzburg zu leben. Eine Redakteurin, die ihren Namen nicht nennen wollte, erzählt dem KURIER, dass die Stimmung vor Ort katastrophal sei.

Für die Mitarbeiter kam die Information, dass der Sender zusperrt, nämlich völlig überraschend. Es gab davor diesbezüglich keine Kommunikation. Es sei zwar so gewesen, dass Eigentümer Dietrich Mateschitz der Mannschaft vor drei Wochen nach Jahren mal wieder einen Besuch abgestattet und einige Sendungsformate kritisiert habe. Im gleichen Atemzug habe Mateschitz aber versichert, dass kein Job gefährdet sei.

Reaktionen auf das Aus

„Diese Entscheidung ist ein scharfes Alarmsignal für die österreichische Medienpolitik. Denn die derzeitigen Rahmenbedingungen behindern nach wie vor massiv die Entwicklung eines wirtschaftlich tragbaren, privaten Rundfunkmarkts. Das Ende von Servus TV ist die bittere Konsequenz, wenn ein Sender hochqualitative, teilweise öffentlich-rechtliche Inhalte privat finanzieren muss, während die öffentlich-rechtliche TV-Anstalt mit Gebühren Kommerz-TV betreibt“, meint Ernst Swoboda, Vorstandsvorsitzender des Vereins Österreichischer Privatsender (VÖP). Sein Kollege Markus Breitenecker, stellvertretender VÖP-Vorstandsvorsitzender, wird noch deutlicher: „Es kann nicht länger sein, dass öffentliche Gelder für teure Sportrechte oder Hollywoodfilme verwendet werden, die der Markt auch ohne staatliche Beihilfen finanzieren kann. Es braucht dringend eine präzisere Definition des öffentlich-rechtlichen Auftrags, die den ORF stärker auf Public Value Inhalte fokussiert.“

Alfred Grinschgl, Geschäftsführer des Fachbereichs Medien der RTR-GmbH, nimmt die Nachricht ebenfalls mit Bestürzung zur Kenntnis. "Die Einstellung des Programms ist ein erheblicher Verlust für die österreichische Medienlandschaft. Wir denken dabei aber auch an die vielen Mitarbeiter, die sich mit Herzblut für das Programm eingesetzt haben."

Aus Sicht von Medienminister Josef Ostermayer bedeutet die Einstellung von Servus TV "eine Schwächung des dualen Rundfunksystems". Daher werde man daran arbeiten, die anderen Privatrundfunk-Unternehmen durch Maßnahmen wie die Privatrundfunk-Förderung zu stärken, erklärte der Minister.

Wrabetz: "Wir würden gerne Gespräche führen"

Die Entscheidung von Dietrich Mateschitz sei zu respektieren, sagt ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz. Jetzt stelle sich natürlich auch die Frage, wie es für den Medienstandort Österreich weitergeht. "Servus TV war einerseits Konkurrent, aber andererseits auch ein Marktbegleiter, der uns viele Anregungen geliefert hat. Wir haben ja auch einige Geschäftsbeziehungen mit Servus TV gepflegt, über die ORS Satellitenkapazitäten beispielsweise. Da würden wir jetzt gerne Gespräche führen, wie wir damit nun umgehen. Oder wie man mit schönen Produktionen umgeht, die für ORF 3 gut zu verwerten wären", sagt Wrabetz.

In einer Stellungnahme gegenüber der APA zeigt sich der ORF auch an Übernahmen interessiert. Es gebe bereits ein Gesprächsangebot an Servus TV, "um gemeinsam auszuloten, wie man die in den letzten Jahren geschaffene Substanz zumindest teilweise erhalten und fortführen kann".

Beeindruckende Dokumentationen

Servus TV hat in Kooperation mit den Terra Mater Factual Studios Filmreihen zu den Themenbereichen Natur, Wissenschaft und Geschichte produziert. „Wir sind ein eigenständiges Unternehmen und Produktionshaus, das am internationalen Medienmarkt bestens positioniert ist. Servus TV ist ein wichtiger Partner im deutschsprachigen Raum. Durch den Wegfall werden wir die Zusammenarbeit mit anderen Sendern und Medienpartnern im deutschsprachigen Raum intensivieren“, sagt CEO Walter Köhler.

Ein Blick zurück

Nicht einmal zehn Jahre hat der Ausflug von Red Bull-Boss Dietrich Mateschitz ins klassische Privatfernsehen gedauert. Mit 2007 erwarb er den Regionalsender Salzburg TV, im Herbst 2009 startete man die Marke Servus TV. Und im Frühsommer 2016 könnte diese wieder Geschichte werden. Angetreten als Qualitätsfernsehen, erntete Servus gute Kritiken, fuhr aber schwache Quoten ein. Der Regionalsender Salzburg TV, einst gegründet vom Fernsehpionier Ferdinand Wegscheider, gehörte am 1. Jänner 2007 offiziell der Mediengruppe von Mateschitz.

Im Herbst 2009 schließlich startete der Sender mit dem Namen Servus TV in ein neues Leben. "Niveauvolle Unterhaltung" mit starker regionaler Schlagseite war die Devise. 2012 übersprang man in punkto Quote erstmals die Ein-Prozent-Marke beim Marktanteil (Zielgruppe ab zwölf) auf 1,2 Prozent. 2013 und 2014 waren es 1,5 Prozent und 2015 1,7 Prozent.

Dietrich Mateschitz, König der Dose

Das Firmen-Imperium des Dietrich Mateschitz ist auf Dosen aufgebaut. Anfang der 80er Jahre stieß der gebürtige Steirer bei einer Asienreise auf einen Drink, der unter dem Namen Krating Daeng unter die Leute gebracht wurde. Mateschitz war begeistert, übernahm die internationalen Lizenzrechte und gründete 1984 die Firma Red Bull mit Sitz in Fuschl am See. Das war der Beginn einer steilen Erfolgsgeschichte, die bis heute fortgeschrieben wird.

Red Bull beschäftigt derzeit fast 11.000 Mitarbeiter weltweit und hat im Vorjahr 5,9 Millionen Stück des Dosengetränks mit dem Gummibären-Geschmack in 169 Ländern verkauft. Der Gesamtumsatz betrug 5,903 Milliarden Euro. Das Unternehmen schreibt seit Jahren ganz saftige Gewinne. In der Regel liegen die operativen Überschüsse im hohen zweitstelligen Millionen-Bereich.

Mateschitz erhält davon 49 Prozent. Denn: Er hat über die Distribution & Marketing GmbH eine Minderheitsanteil (49 Prozent) an Red Bull, weitere 49 Prozent hält die Familie des thailändischen Pharma-Unternehmens Chaleo Yoodvidya über die TC Agro Trading Company Limited (China); und die restlichen zwei Prozent hält dessen Sohn Chalerm Yoodvidya, der von London aus seine Geschäfte betreibt. Mit den Red-Bull-Gewinnen hat sich Mateschitz auch ein Sport-Imperium aufgebaut.

Er hat sich nicht nur die Formel 1 eingekauft, sondern auch in die Fußball-Liga in Österreich und Deutschland; außerdem sponsert er unzählige Sportarten und Sportler-Teams, ein Air-Race-Team und diverse Extremsportler. Auch in die Medienbranche, vor allem in Zeitschriften (Red Bulletin, Servus in Stadt & Land), investierte er viel Geld. Aus Red Bull TV wurde später Servus TV. Letztere Firma wurde im Jahr 2012 in die Red Bull Media House GmbH hineinverschmolzen.

Offener Brief der Mitarbeiter im Wortlaut

Mit Bestürzung und Trauer haben wir heute von der bevorstehenden Schließung unseres Unternehmens erfahren. Diese Entscheidung trifft uns, unsere Geschäfts-Partner und unsere Familien völlig unerwartet. Es ist ein Schock.

Sieben Jahre lang hatten wir die Gelegenheit an einer Vision von einem anderen Fernsehen mit zu bauen, das es so nirgendwo gibt und damit einzigartig ist.

Ein Programm mit Anspruch, positiver Grundhaltung und politischer Unabhängigkeit. Weit weg von Trash und bad-news.

Daran haben wir stets mit großem Einsatz, Leidenschaft und von einem langfristigen Erfolg überzeugt, gearbeitet.

Getragen wurde diese Idee von einem innovativen Unternehmen, an dessen Spitze ein visionärer Unternehmer steht:

Sein Engagement war uns gegenüber stets aufrichtig und trotz schwieriger Rahmenbedingungen langfristig angelegt.

Dafür wollen wir uns hiermit bei Dkfm. Dietrich Mateschitz ebenso aufrichtig, wie auch herzlich bedanken.

Gleichzeitig ist es uns wichtig, folgendes unmissverständlich festzuhalten:

Die anonyme Umfrage über die mögliche Gründung eines Betriebsrates unterstützen wir - und das ist die überwältigende Mehrheit aller Mitarbeiter von ServusTV - ausdrücklich nicht.

Mehrere Hinweise lassen bei uns zudem die Frage aufkommen, ob diese anonyme Initiative nicht womöglich von außerhalb des Unternehmens angestoßen wurde.

Wir halten dazu in aller Deutlichkeit fest:

Es ist uns kein (Medien) Unternehmen bekannt, das einen derart sozialen und loyalen Umgang mit seinen Mitarbeitern pflegt, wie ServusTV/Red Bull. Wir sind und waren stets stolz, zu dieser Familie gehören zu dürfen, bei der klassische Handschlagqualitäten, mutige Visionen und wechselseitiges Vertrauen immer im Vordergrund standen und stehen.

Auch wenn das Außenstehende - aus welcher Motivation auch immer - anders sehen mögen:

Wir wollen und brauchen keinen Betriebsrat.

Darüber hinaus verbitten wir uns ausdrücklich jedwede (auch gewerkschaftliche) Einmischung und Stellungnahme von außen.

Namentlich gezeichnet

205 ServusTV-Mitarbeiter

Im Namen vieler weiterer, die durch Tagesgeschäft, Mutterschaft, Krankheit oder Urlaub verhindert sind und nicht unterschreiben konnten

( kurier.at ) Erstellt am 03.05.2016