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Wettlesen
07/06/2013

Katja Petrowskaja ist Favoritin bei Bachmann-Preis

Mit dem dritten Lesetag ging das Wettlesen in Klagenfurt zu Ende. Die Österreicherinnen sind wohl chancenlos.

Nach den drei Wettbewerbstagen bei den 37. Tagen der deutschsprachigen Literatur im Klagenfurter ORF-Theater wartet nun alles gespannt auf die Preisverleihung am Sonntag. Und das aus zwei Gründen, erstens geht es um die Frage wer den prestigeträchtigen Ingeborg-Bachmann-Preis erhält, und zweitens hat sich ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz angekündigt, und da geht es um nichts weniger als die weitere Existenz des Wettbewerbs. Die allgemeine Erwartung ist, dass auch im kommenden Jahr wieder ein Bachmannpreis vergeben werden wird.

Sehr gute Chancen auf den diesjährigen Hauptpreis werden allgemein der ukrainischstämmigen Autorin Katja Petrowskaja zugebilligt. Ihr Text "Vielleicht Esther" befasst sich mit einem großen Thema, nämlich der Vernichtung der Juden von Kiew durch die Nazis im Jahr 1941. Die Juroren verteilten fast einhellig großes Lob, auch im Publikum waren die Reaktionen sehr positiv.

Absolut preisverdächtig - neben dem Hauptpreis vergibt die Jury ja noch drei weitere Auszeichnungen - sind auch Verena Güntner, die in "Es bringen" den Ton eines von Höhenangst geplagten 16-Jährigen sehr genau trifft, Heinz Helle mit seinem Text "Wir sind schön", in dem es um eine langsam erkaltende Beziehung geht, und Benjamin Maack mit "'Wie man einen Käfer richtig fängt' von Joachim Kaltenbach", dessen Protagonist zwölf ist und Käfer sammelt, um ein Mädchen zu beeindrucken.

Kandidaten zumindest für die Shortlist sind auch Roman Ehrlich und Joachim Meyerhoff, die Österreicherinnen Nadine Kegele und Cordula Simon dürften es eher nicht schaffen. Und dann gibt es da noch den Publikumspreis. Dieser schien nach Meinung vieler schon vor dem Wettlesen für den Burgschauspieler Meyerhoff reserviert. Inzwischen ist das aber wohl nicht mehr so eindeutig, denn da gibt es noch den Brasilianer Ze do Rock, der mit seinem unkonventionellen, hinreißend komischen Text "Gott ist Brasilianer, Jesus anscheinend auch" das Publikum zu regelrechten Lachstürmen hinriss.

Die traditionell eher wenig humor-affine Jury wollte nicht so recht mitlachen, ob Juryvorsitzender Burkhard Spinnen seinen Schützling auf die Shortlist bringt, ist daher fraglich. Kandidat für den via Internet vergebenen Publikumspreis ist er aber auf jeden Fall. Mit dieser Auszeichnung verbunden ist ja neben dem Geldpreis auch ein Sommer als Stadtschreiber in Klagenfurt. In diesem Jahr ist Cornelia Travnicek Stadtschreiberin, sie hat im Vorjahr die Internetabstimmung gewonnen.

Die Preisverleihung beginnt am Sonntag um 11.00 Uhr und wird wie jedes Jahr live von 3sat übertragen. Ob das auch 2014 so sein wird, diese Frage wird Wrabetz wohl vor laufender Kamera beantworten.

Letzter Lese-Tag

Mit der Erzählung "Schattenlider" hatte am Samstag Hannah Dübgen den letzten Tag des Wettlesens im Klagenfurter ORF-Theater eröffnet. Sie konnte die Juroren nicht überzeugen.

Dübgen erzählt von einer Frau, die ein Kind bekommt, das blind ist. Das Baby ist nicht nur blind, es hat keine Augäpfel. Sie beschreibt den Schrecken der Eltern ob dieser Tatsache, den Versuch der Mutter, die Empfindungswelt ihrer blinden Tochter zu imaginieren. Auch die überraschten, oft peinlich berührten Reaktionen Dritter werden protokolliert, und über allem immer wieder die Frage nach der Schuld.

Hubert Winkels fand die Erzählung nicht wirklich überzeugend. Meike Feßmann fand den Text von hoher Sensibilität getragen, in formaler Hinsicht gebe es aber einige Schwächen. Hildegard Keller zeigte sich beeindruckt von der leisen, klugen Empathie der Autorin, mit der diese schwierige Situation beschrieben werde. Daniela Strigl meinte, Empathie sei "eine wichtige Zutat in der Literatur, genügt aber nicht". Sie bemängelte ein Zuviel an Pathos. Burkhard Spinnen sah einen Text, der es sich zur Aufgabe gemacht habe, "eine existenzielle Katastrophe zu heilen". Juri Steiner, der Dübgen eingeladen hatte, berichtete, dass sich der Text bei ihm "eingeschlichen" und ihn nicht mehr losgelassen habe.

Im Romanauszug "Das kalte Jahr" erzählte Roman Ehrlich anschließend von einem Mann, der mit einem jungen Burschen im Haus seiner Eltern lebt. Das Kind, wenn es denn ein Kind ist, hat offenbar gravierende Defizite, wie auch die Umgebung. Denn dort, wo sie leben, ist es immer kalt, immer Winter. Der Protagonist findet in seinem Heimatdorf Arbeit bei einem Fernsehtechniker, das ganze Setting ist seltsam archaisch, es gibt kaum Verbindung zur Außenwelt, die meisten Bewohner haben nicht einmal Fernsehempfang. Der Grund für diese seltsam abgeschlossene Existenz in apokalyptischer Umgebung bleibt unerklärt, eines der Hauptprobleme von Romanauszügen.

Feßmann meinte, die Zusammenhänge, die der Autor hier verknüpfe, seien ihr nicht klar. "Insgesamt kann ich nicht erkennen, worauf dieser Text hinauswill." Winkels sah ein "Stochern im Nebel", eine Suche nach Orientierung, der Text sei geschickt und klug gemacht und habe ihn überzeugt. Strigl sprach von einer "Art Eiszeit", in der sich irgendetwas zusammenbraue, das nichts Gutes verheiße. Keller gefielen die "verschiedenen Register" in der Machart des Textes. Ihr Problem sei, sie sehe zwar einzelne Brocken, aber nicht die "Umrisse des Romanbergs". Paul Jandl fand den Text "seines" Autors sehr spannend, es sei eine große Parabel. Spinnen kam das Personal "unheimlich bekannt" vor, und zwar vor allem aus Katastrophenfilmen und befand den Text für "niedlich".

Zielgerade

Mit Benjamin Maack und Nikola Anne Mehlhorn bog der Wettbewerb anschließend in die Zielgerade. Maack präsentierte die Geschichte eines pubertierenden Buben und holte sich große Zustimmung bei der Jury. Und auch bei Nikola Anne Mehlhorn gab es einen kleinen Buben, wenn auch die Mutter im Mittelpunkt steht. Ihr Text fiel allerdings durch.

In "Wie man einen Käfer richtig fängt" von Joachim Kaltenbach erzählt Benjamin Maack von einem Buben, der einerseits gerne Käferforschungen betreibt, andererseits gerade beginnt, seine Sexualität zu entdecken. Er geht in die Schule, gibt den abgeklärten Forscher, zugleich schleicht er sich auf die Mädchentoilette, um dort den gebrauchten Tampon eines Mädchens aus dem Mistkübel zu klauben und in seinem Käferglas zu verstecken. Das bringt ihn völlig durcheinander, er begräbt das Glas schließlich im Wald und glaubt, eine schlimme Tat begangen zu haben. Das Problem löst sich allerdings letztlich in Wohlgefallen auf.

Juri Steiner sah einen sehr ernsten und traurigen Text, bei dem sich eine Doppelbödigkeit auftue, die wohltuend sei. Burkhard Spinnen meinte, wie schon bei der Erzählung über das blinde Baby handle es sich um eine Idylle. Der Text wechsle mittendrin das Genre, "dass es mich fast aus der Kurve haut". Für Hildegard Keller war es eine sehr skurrile Erzählung, sie sei aber nicht sicher, ob das wirklich gelungen sei. Meike Feßmann bezeichnete den Text als Tragikomödie. Hubert Winkels, der Maack nominiert hatte, musste gar nicht viel für seinen Schützling kämpfen. Paul Jandl meinte, man könne die Figur des Buben aus verschiedenen Blickwinkeln lesen. Daniela Strigl wollte in die Elogen nicht unbedingt mit einstimmen.

Der Romanauszug "Requiem der Vierzigjährigen" beschreibt eine frustrierte Ehefrau und Mutter, die ihrem vegetarischen Ehemann heimlich Regenwürmer in die Spaghetti schummelt. Sie hatte als Musikerin begonnen und wurde dann Hausfrau, auch, weil sie keine Jobs mehr fand. Die Idylle des Grauens wird abrupt unterbrochen, als der Sohn bei einem Ausflug aus dem Kindergarten verschwindet. Ob er entführt wurde oder davongelaufen ist, wird wohl erst geklärt, wenn der Roman erschienen ist.

Feßmann befand den Text für "komplett verunglückt", obwohl das Thema an sich interessant gewesen wäre. Keller fand das Motiv der bösen Köchin an sich recht spannend, leider sei das nicht fortgeführt worden, dem Text fehle es an Konsistenz. Strigl meinte, sie hätte gerne etwas dagegengehalten, aber es sei sehr schwer, etwas zu finden. Jandl hatte das Gefühl, "dass sich der Text mit sich selber langweilt". Steiner, der Mehlhorn eingeladen hatte, versuchte, dagegenzuhalten, der Text habe einen surrealistischen Ton, der ins Unterbewusste hinabsteige. Spinnen meinte, er fürchte, dem Text kein Rettungsnetz aufspannen zu können. Er vermisse die "abgrundtiefe Liebe" des Autors zu seinen Figuren, sie würden "der Typik geopfert".

Damit waren die 14 Lesungen abgeschlossen, Moderator Christian Ankowitsch dankte Jury und Publikum, und unter den Zuschauern begannen die Diskussionen über mögliche Preisträger. Klarheit darüber wird die Jurysitzung am Sonntag bringen, ab 11.00 Uhr werden die Preisträger ermittelt. Auch die Verleihung wird live in 3sat übertragen.

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