© S. Hauswirth/Österr. Nationalbibliothek

Interview
02/07/2021

Johanna Rachinger: „Wir sind bisher gut durch die Krise gekommen“

Die Chefin der Nationalbibliothek hält nichts vom Jammern. Auch 2021 werde man bewältigen. Ob sie sich für eine weitere Amtszeit bewirbt?

von Thomas Trenkler

Im zweiten Quartal wird Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer die Generaldirektion der Österreichischen Nationalbibliothek (ÖNB) ausschreiben. Denn der Vertrag von Johanna Rachinger läuft Ende des Jahres aus. Die 61-jährige Managerin will sich noch nicht festlegen, ob sie sich bewerben wird. Aber sie sorgte in den letzten zwei Jahrzehnten für einen enormen Modernisierungsschub. Und sie lässt bereits eine Vision entwickeln – für 2035.

KURIER: Derzeit klagen viele Kulturmanager über die eklatanten Besucherrückgänge im Jahr 2020. Lecken auch Sie die Wunden?

Johanna Rachinger: Wir hatten einen hervorragenden Jänner und einen ebensolchen Februar. Weil wir kurz vor Weihnachten 2019 – als erste Institution – eine große Ausstellung zum Beethoven-Jahr eröffnet hatten. Bis zum ersten Lockdown Mitte März 2020 zählten wir an die 100.000 Besucher im Prunksaal. Wir lagen damit 20 Prozent über dem Vergleichszeitraum 2019, der schon sehr stark war. Aber aufgrund der monatelangen Schließungen hatten wir im Endeffekt ein Besucherminus von 74 Prozent in den musealen Bereichen. Und in den Lesesälen ein Minus von 50 Prozent.

Auch wenn es weit weniger Ausgaben gab, argumentiert man mit dem Umsatzrückgang. Wie ist das bei Ihnen?

Wir haben selbstverständlich einen Umsatzverlust, aber wir sind bisher gut durch die Krise gekommen. Denn wir haben zwei Monate lang die Möglichkeit der Kurzarbeit für rund 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Anspruch genommen. Das hat uns die Liquidität gesichert. Und weil der Lockdown schon früh im Jahr einsetzte, konnten wir viele Einsparungsmaßnahmen setzen. Zudem bekamen wir als Corona-Hilfsmaßnahme zusätzlich 400.000 Euro. Es gelang uns somit, den Umsatzrückgang auszugleichen und das Geschäftsjahr positiv abschließen. Wir brauchen also kein weiteres Steuergeld. Und wir werden mit der Basisabgeltung auch 2021 über die Runden kommen.

Sie haben in den letzten Jahren Rücklagen gebildet – und hätten daher die 400.000 Euro gar nicht gebraucht?

Es stimmt, ich folge der Weisheit, die vielleicht konservativ erscheinen mag: Spare in der Zeit, dann hast du in der Not. Wir haben daher Rücklagen in der Höhe von etwa acht Millionen Euro gebildet. Ja, für 2020 hätten wir das Geld nicht gebraucht. Aber wir werden heuer und in den nächsten Jahren auf die Rücklagen zurückgreifen müssen. Denn mit einer Normalisierung der Situation ist nicht so bald zu rechnen.

Haben Sie daher überhaupt ein Programm konzipiert?

Schon! Aber ich jammere nicht, wenn es sich nicht so, wie geplant, realisieren lässt. Denn die Infektionszahlen sind weiterhin besorgniserregend. Ich finde, dass wir alle die Maßnahmen mittragen müssen – und wir müssen Verständnis für sie aufbringen, auch wenn es nicht immer leicht ist.

Was haben Sie denn geplant?

Die Ausstellung „Donau – Eine Reise in die Vergangenheit“ hätten wir schon im letzten Jahr im Prunksaal zeigen wollen. Wir möchten sie nun unmittelbar nach Ostern präsentieren. Zudem eröffnen wir im April das von BWM neugestaltete Papyrusmuseum. Im Literaturmuseum bringen wir „Stefan Zweig. Weltautor“. Und im Herbst folgt im Prunksaal „Des Kaisers schönste Tiere“ mit tollen Tierdarstellungen aus den Habsburgischen Sammlungen. Weiters werden wir drei Online-Ausstellungen anbieten – zum 100. Geburtstag von Erich Fried, zum 90. Geburtstag von Ruth Klüger und zum 70. Todestag von Ludwig Wittgenstein. Wir verwahren von ihnen die Nachlässe.

Diese Ausstellungen sind bereits eine unmittelbare Reaktion auf die Pandemie?

Ja. Wir wollen uns in diesem Bereich noch stärker aufstellen und mit den neuen Technologien noch professioneller umgehen können. Wir arbeiten auch an einer „Vision 2035“, die wir im Mai präsentieren werden. Sie bietet, wie zuvor die „Vision 2025“, ein Gerüst für künftige Strategien – vor allem im Digitalbereich.

Ihr Vertrag läuft bis Ende Dezember. Sie werden sich daher nochmals bewerben?

Ich werde rechtzeitig bekannt geben, wie ich mich entschieden habe.

Ist Ihre Entscheidung nicht gefallen? Warum sonst entwickeln Sie Visionen?

Meine Devise ist, bis zum letzten Tag meines Vertrags engagiert zu arbeiten. Und es sind nicht meine Visionen. Bei der Erarbeitung sind viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingebunden. Denn die Ziele sollen von ihnen mitgetragen werden. Unabhängig davon, wer die ÖNB leitet.

 

Die Vision eines Tiefspeichers unter dem Heldenplatz ließ sich jedoch nicht realisieren: Sie haben im letzten Jahr ein Hochlager in Haringsee errichten lassen. Aus Frust über die Politik?

Natürlich wollten wir einen Speicher am Heldenplatz. Aber dann fiel eben die Entscheidung für die Parlamentspavillons. Sie bleiben bestehen, so lange das Parlamentsgebäude renoviert wird. So lange konnten wir nicht mehr warten. Daher mussten wir entscheiden. Ja, der Hochbau ist nicht die nachhaltigste Lösung. Aber trotzdem eine gute. Er wurde von der Art for Art Servicegesellschaft errichtet, wir zahlen rund 100.000 Euro Miete im Jahr. Das ist ein vernünftiger Preis. Und wir haben wieder Platz – für die nächsten 15 Jahre. Nach Haringsee haben wir in erster Linie digitalisierte Objekte gebracht, die nur mehr selten in die Entlehnung gehen. Sie müssen daher nicht andauernd hin- und hertransportiert werden.

Wie geht es weiter mit dem angegliederten Haus der Geschichte Österreich? Sabine Haag, Generaldirektorin des Kunsthistorischen Museums, meinte im KURIER-Interview, dass die Regierung endlich Geld in die Hand nehmen sollte – für einen Standort mit genügend Platz. Also nicht in der Neuen Burg.

 

Das wäre natürlich wünschenswert. Aber wenn man realistisch ist und die Auswirkungen der Pandemie auf die Staatsverschuldung mitbedenkt, kann ich mir nicht vorstellen, dass es in den nächsten fünf, sechs Jahren die Mittel für einen neuen Standort geben wird. Umgekehrt stelle ich fest: Das Haus der Geschichte ist bereits derart im Bewusstsein verankert, dass man es nicht mehr zusperren kann. Ich bin nach wie vor für den Vorschlag, den einst Josef Ostermayer als Kulturminister gemacht hat: Das Haus der Geschichte sollte in die Räume, die von der Musikinstrumentensammlung des KHM in der Neuen Burg genutzt werden. Dann könnte Sabine Haag in den derzeitigen Räumen des Hauses der Geschichte das Heroon aufstellen. Das ist ja ihr Wunsch.

Und was passiert mit den Musikinstrumenten?

Die Renovierung der Akademie der bildenden Künste steht vor dem Abschluss. Deren Gemäldegalerie, die zwischenzeitlich im Theatermuseum untergebracht war, übersiedelt zurück an den Schillerplatz. Und die Musikinstrumente könnten ins Palais Lobkowitz wandern.

Im Theatermuseum gäbe es aber nicht so viel Platz.

Derzeit kann man von einem Schaudepot sprechen. Aber man muss ja nicht jedes Instrument herzeigen! Ich glaube schon, dass man die Sammlung mit einem modernen Konzept sehr gut auf einer kleineren Fläche präsentieren kann.

Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka wollte sich das Haus der Geschichte krallen: Es sollte in die Zuständigkeit des Parlaments übergeführt werden. Wie weit ist der Plan denn gediehen?

Ich habe seit der Präsentation der Idee nichts mehr davon gehört.

Ab Dienstag sind die Lesesäle (9 –19 Uhr) und die musealen Einrichtungen der Nationalbibliothek (10  –18 Uhr) wieder geöffnet. Das Papyrusmuseum bleibt wegen Neugestaltung geschlossen. Während des Besuchs  ist eine FFP2-Maske zu tragen. Pro Leser müssen in den Lesesälen 20 m² Fläche zur Verfügung stehen, in den Museen gilt ein Zwei-Meter-Abstand

Sonderausstellungen
Das Literaturmuseum zeigt bis 25. April „Utopien und Apokalypsen“, das Haus der Geschichte Österreich  in der Neuen Burg bis 6. April „Verfolgen und Aufklären“ und „Nicht mehr verschüttet“. Im Prunksaal am Josefsplatz ist derzeit keine große Sonderausstellung zu sehen

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