SALZBURGER FESTSPIELE 2022 : FOTOPROBE "JEDERMANN"

© APA/BARBARA GINDL / BARBARA GINDL

Kultur
07/19/2022

"Jedermann"-Premiere: Salzburger Festspiele gestartet

Michael Sturmingers Inszenierung mit alter Besetzung und neuen Nuancen. Premiere bei herrlichem Wetter auf dem Domplatz.

Die Salzburger Festspiele sind am Montagabend mit der Wiederaufnahmepremiere des "Jedermann" am Domplatz in ihre Ausgabe 2022 gestartet. Wie im Vorjahr sind Lars Eidinger als reicher Mann und Verena Altenberger als Buhlschaft zu erleben. Auch sonst sind die Änderungen in der Inszenierung von Michael Sturminger ĂŒberschaubar. Der Festspielklassiker von Hugo von Hofmannsthal lĂ€utet die Ouverture spirituelle ein. Die offizielle Festspiel-Eröffnung findet erst am 26. Juli statt.

Endlich keine Zitterpartie. Das Aufatmen bei Machern wie Publikum galt heute weniger der bereits im Vorjahr gewonnenen Routine des Ensembles als dem Wetter: keine Gewitter im Anzug, keine Wolken am Himmel und das Abendrot zur dramaturgisch passenden Zeit. Nachdem die Premiere der Neuinszenierung im Vorjahr im Großen Festspielhaus stattfinden musste, durfte der Salzburger Dom heuer endlich seine Eignung als Kulisse und Mitspieler schon am ersten von 14 geplanten Abenden unter Beweis stellen. Der Applaus fiel nach weniger als zwei Stunden zwar freundlich und stehend, allerdings nicht gerade enthusiastisch aus.

SALZBURGER FESTSPIELE 2022 : FOTOPROBE "JEDERMANN"

Die Besetzung und die große Konzeption blieb (und die mehr einer Wrestling-Show denn einem Boxkampf gleichende SchlĂ€gerei Jedermanns mit dem Schuldknecht ist weiterhin eine ganz unplausible und den Ablauf eher störende szenische Idee), und doch haben sich einige Nuancen verschoben. Eidinger verleiht seinem vor allem in roter Sporthose agierenden reichen Mann im ersten Teil deutlich mehr Arroganz, wĂ€hrend Altenberger einiges von ihrer selbstbewussten AgilitĂ€t zurĂŒckgenommen hat.

Und weil Äußerlichkeiten in Salzburg zuletzt verlĂ€sslich fĂŒr GesprĂ€chsstoff gesorgt haben: Beide tragen heuer neue Frisuren zur Schau. Laut Ö1-Morgenjournal ist diese zweite auch schon die letzte "Jedermann"-Saison fĂŒr Eidinger, der im Vorjahr im APA-Interview noch gesagt hatte: "Vielleicht spiele ich bis zu meinem Lebensende hier den Jedermann."

Edith Clever, schon im Vorjahr als unerbittliche Tödin, die mit ihrem hohen, in zwei Spitzen auslaufenden Kopfputz einem alten GemĂ€lde entstiegen zu sein scheint, ein Höhepunkt der AuffĂŒhrung, hat noch an eisiger KĂ€lte zugelegt. Sie beglaubigt diesen im postmodernen UngefĂ€hr angesiedelten Abend mit einem Verweis auf die historische Herkunft des Stoffes, der in den ĂŒberwiegend als unterhaltsame Nummern angelegten Allegorien fehlt. Die grĂ¶ĂŸte Überraschung liefert ihre ehemalige SchaubĂŒhnen-Kollegin Angela Winkler als gottesfĂŒrchtige Mutter Jedermanns: 2021 unauffĂ€llig und konventionell, redet sie ihrem Sohn nun in ihrem ersten Auftritt derart eindringlich ins Gewissen, dass sich sein LĂ€uterungsprozess als unmittelbare Folge ihrer Mahnungen vermittelt.

Auf der "Dombaustelle" (Sturminger) sind also in den 14 Probentagen einige Steine etwas neu behauen und zusammengesetzt worden - inklusive eines unterhaltsameren Duells zwischen Glauben (Kathleen Morgeneyer) und Teufel (Mavie Hörbiger) und eines prĂ€gnanteren Rachefeldzugs von Mirco Kreibich als Mammon (der sich zuvor als Schuldknecht demĂŒtigen lassen muss).

SALZBURGER FESTSPIELE 2022 : FOTOPROBE "JEDERMANN"

Was diesen Jedermann und seine Buhlschaft ein Paar werden ließ, bleibt ebenso im Dunkel wie die Antwort auf die Frage, ob der Titelheld nun ein schlechter Mensch ist oder nicht. Immerhin sorgt Lars Eidinger fĂŒr zwei Überraschungsmomente. "Ihr hört's auch, oder?", wendet er sich direkt an das Publikum, das auf ein paar gepresst bis gekrĂ€chzt klingende "Jedermann"-Rufe mit verhaltenem GelĂ€chter reagierte. Und als er an einem endlos langen Tisch mit der Tödin ĂŒber sein weiteres Schicksal verhandelt, kommt dem Zuschauer unwillkĂŒrlich jenes Bild aus dem Kreml in den Sinn, als Putin die Weltöffentlichkeit vor Beginn des Ukraine-Kriegs in Ungewissheit hielt, ob man es bei seinen Treffen mit Delegationen mit einem VerrĂŒckten oder einem Selbstinszenierer zu tun hatte.

Derartige Momente, in denen der "Jedermann" seine selbstverstĂ€ndliche AktualitĂ€t unter Beweis stellt, bleiben Mangelware. Ein Abgesang auf die "toxische MĂ€nnlichkeit", wie es Eidinger im Vorjahr genannt hatte, ist die Inszenierung nicht. Ein Abgesang auf ein ganzes System, das sich ganz dem Mammon verschrieben hatte und sich nun wegen seiner viel zu wenig guten Werke zu verantworten hat, steht noch aus. Intendant Markus HinterhĂ€user, der heuer Dantes "Göttliche Komödie" als Referenzpunkt fĂŒr sein Programm gewĂ€hlt hat, möchte jedenfalls mit seinem Programm DenkanstĂ¶ĂŸe geben. Was freilich nicht heißt, dass das Publikum ihm immer zu folgen gewillt ist. In einer Tonband-Durchsage empfiehlt der Festspiel-Chef seinem Publikum das Tragen einer FFP2-Maske. Am Domplatz folgten diesem Aufruf deutlich weniger als ein Prozent der Zuschauer.

Die erste Festspiel-Neuproduktion gilt dann am 26. Juli dem Doppelabend "Herzog Blaubarts Burg / De temporum fine comoedia" in der Felsenreitschule. Die Salzburger Festspiele 2022 gehen bis zum 31. August. In Summe sind knapp 225.000 Karten aufgelegt.

Jederzeit und ĂŒberall top-informiert

UneingeschrÀnkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.

Kommentare