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Kultur
01/20/2019

Disney wird vom Riesen zum Giganten: Das Imperium streamt zurück

Einkaufstour und Streamingpläne: Der größte Entertainmentkonzern der Welt verbläst 2019 die Konkurrenz.

von Georg Leyrer

„Fee! Fie! Foe! Fum! Ich rieche Menschenfleisch!“, sagt der Riese im Märchen „Hans und die Bohnenranke“.

In der Disney-Version („Micky und die Kletterbohne“) ist der Riese natürlich weit weniger erschreckend: Er spielt vergnügt-selbstvergessen Ball – und braucht lange, lange, um zu merken, dass die berühmte Disney-Maus ihm sein Essen weggegessen hat.

Dann aber packt er zu.

Besser könnte ein historischer Zeichentrickfilm (entstanden 1947) nicht auf das Entertainment-Jahr 2019 passen: Heuer ist das Jahr, in dem der Riese Disney aufwacht – und gegenüber lästig gewordenen Mäusen seine Muskeln spielen lässt. Das Jahr, in dem Disney seine vielfältige Macht so einsetzen will, dass neue Mitbewerber klein aussehen werden. Und nach dem sich im Streamingsegment die Machtverhältnisse neu ordnen dürften.

Marke und Macht

Es wird niemanden überraschen, dass Disney der größte Unterhaltungskonzern der Welt ist. Micky, Donald und Co sind nach wie vor unter den bekanntesten Marken der Welt. Auch wenn man kaum etwas von ihnen hört.

Macht nichts. 2018 hat Disney wieder etwas geschafft, das bisher nur – erraten! – Disney geschafft hatte: Mehr als 7 Milliarden Dollar weltweit an der Kinokasse einzunehmen. Mit Filmen wie „Mary Poppins’ Rückkehr“, „Avengers – Infinity War“, „Black Panther“. Disney ist Eigentümer nicht nur der eigenen Hit-Filmserien, sondern auch vieler der Marvel-Superhelden, die zuletzt das Blockbusterkino beherrschten. Und natürlich auch von „Star Wars“ .

 

Apropos: Es steht zu erwarten, dass 2019 Disney seinen eigenen Kinorekord wieder bricht. Denn heuer veröffentlicht Disney einen Kassenschlager nach dem anderen. Es kommen: Der letzte Film der neuen „Star Wars“-Trilogie.

 

Das ultimative Finale der „Avengers“, davor noch „Captain Marvel“.

 

Drei Neuverfilmungen von Disney-Animationsklassikern mit echten Schauspielern („Aladdin“, „König der Löwen“ und „Dumbo“). Ja, das ist extrem beliebt (siehe „Die Schöne und das Biest“).

Dann noch der vierte Teil von „Toy Story“, der zweite Teil des „Dschungelbuchs“ und der zweite Teil des Megaerfolgs „Frozen“.

Es wird 2019 wohl das beste Kinojahr für ein Studio überhaupt werden.

Ein erstaunlicher Aufschwung: Noch 2008 hatte Disney einen Anteil von nur 10 Prozent an den Kinoeeinnahmen. 2018 waren es schon über 26, heuer dürfte das noch steigen.

Noch erstaunlicher ist aber ein anderer Aufschwung: Noch in den 80ern stand Disney auf Grund von Finanzschwierigkeiten vor der feindlichen Übernahme. 2018 nahm man mehr als 12 Milliarden Dollar ein. Netto.

Nicht nur beste Freunde

Nur Freunde macht man sich auf dem Weg nach oben nicht: Viele Fans von „Star Wars“ und Marvel sind immer noch höchst unglücklich, ihre Stoffe in Händen von Disney zu sehen.

Aber das Kinojahr 2019 ist längst noch nicht alles. Disney sichert sich 2019 mit dem Ankauf von Fox (der 71-Milliarden-Dollar-Deal wird im März über die Bühne gegangen sein) die Rechte an weiteren Stoffen, die Milliardeneinnahmen versprechen.

An „Avatar“, etwa. Am ersten Original-„Star Wars“-Film. An „Ice Age“. Die Filmrechte an „Planet der Affen“. An einzelnen, bisher an Fox lizensierten Marvel-Helden wie X-Men und die Fantastic Four.

Auch im Paket: Kultfernsehen wie „Die Simpsons“, aktuell erfolgreiche Serien wie „Modern Family“. Und: die Mehrheit an der Streamingplattform Hulu, die die Kritikererfolgsserie „Handmaid’s Tale“ (nach der Buchvorlage von Margaret Atwood) produziert. Das alles gehört ab April zu Disney.

Das Ding mit dem Plus

Aber auch das ist längst nicht alles. Denn – der Riese erwacht – Disney steigt heuer in jenes Segment des Entertainment-Geschäfts ein, das zuletzt die meiste Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Voraussichtlich im letzten Quartal startet der Mauskonzern sein eigenes Streamingportal in den USA, Disney+.

Und wenn Disney wirklich mittelfristig all die eben genannten Marken darauf verfügbar macht, dann muss sich auch der Streaming-Superheld Netflix warm anziehen.

Schon zuletzt musste Netflix mehrere Marvel-Serien einstellen. Die dementsprechenden Lizenzverträge wurden in Erwartung der eigenen Disney-Streamingplattform nicht verlängert.

Disney hat schon angekündigt, für Disney+ u.a. eine „Star Wars“-Serie und zumindest eine neue Marvel-Serie zu produzieren. Es wird auch damit gerechnet, dass manche Marvel-Serie, die Netflix einstellen musste, für Disney+ wiederbelebt wird.

Dass Disney in das Streaming-Geschäft einsteigt, ist längst überfällig. Ein paar Jahre hat man zwar reich, aber alt ausgesehen. Der zu erwartende Kampf zwischen dem bisherigen Investoren- und Kritikerliebling Netflix und dem alten Riesen Disney wirft schon seine Schatten voraus: Im letzten Halbjahr 2018 wurde Netflix von den Investoren abgestraft und verlor zeitweise ein Drittel seines Aktienwerts.

Noch winkt Netflix ab – vorerst. Man sei inzwischen so groß, dass Disney+ oder Prime Video nicht die direkte Konkurrenz sei, hieß es bei der Präsentation der jüngsten Zahlen. Vielmehr konkurriere man etwa mit dem Game „Fortnite“ (das 2018 2,4 Milliarden Dollar Einnahm, mehr als jeder Film).

Die Investoren sind sich da nicht so sicher: Nach den neuesten Ergebniszahlen gab die Netflix-Aktie wieder nach.

Das Feld für Disney+ jedenfalls ist aufbereitet. Wann der neue Streaming-Dienst in Europa startet, ist unklar.