Erklärte die geschlossene Oper zum Museum: Direktor Bogdan Roščić 

© Kurier/Gerhard Deutsch

Kultur
02/16/2021

Die Staatsoper als Museum: Mahler, Mozart und Eisenmenger

Kunst in der Oper: Ein Rundgang durch das Haus am Ring, das Direktor Bogdan Roščić zum Museum erklärte

von Thomas Trenkler, Gerhard Deutsch

Die Theater sind geschlossen – und bleiben es noch für längere Zeit. Die Museen hingegen durften am 8. Februar aufsperren. Und so erklärte Bogdan Roščić, der findige Staatsoperndirektor, seine Wirkungsstätte kurzerhand zum Museum. Denn: „Ich halte es für das schönste Operngebäude der Welt.“ Von Freitag bis Sonntag (11 bis 16 Uhr) kann man, den Pfeilen am Boden folgend, einen kostenlosen Rundgang durch das Gebäude machen. Auf eigene Faust, da Führungen coronabedingt untersagt sind. Aber an allen Stationen gibt es Informationen.

Der KURIER bat Pablo Rudich, ihn zu begleiten. Er ist, wie alle seine Fremdenführer-Kolleginnen, gegenwärtig ohne Aufträge. Für den Architektensohn gehört die Staatsoper natürlich zum Standardprogramm. Sie wurde ab 1857 im Auftrag des Kaisers als das erste repräsentative Gebäude am neu angelegten Ring im Stil der Neo-Renaissance errichtet. August Sicard von Sicardsburg entwarf den Grundplan, Eduard van der Nüll die Innendekoration. Die Eröffnung der Hofoper fand am 25. Mai 1869 statt – mit „Don Giovanni“ von Mozart (in deutscher Sprache).

Mitte März 1945, kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs, bombardierten die Amerikaner die Staatsoper. Weil man sie von oben für einen Bahnhof hielt? Das Bühnenhaus und der Zuschauerraum wurden völlig zerstört. Aber zumindest die prunkvollen Teile im Vestibül mit Feststiege und Teesalon blieben verschont.

 

Auch Rudich gerät angesichts der architektonischen Raffinessen ins Schwärmen. Denn mit jedem Schritt eröffnen sich neue Einblicke in das Labyrinth aus Treppen, Arkaden, Brüstungen, Spiegeln. Und erst jetzt, mit der Nase darauf gestoßen, nimmt man wahr, woran man bisher achtlos vorbeigegangen ist: die beiden Medaillons mit den Porträts der Architekten, die Marmorstatuen als Allegorien der sieben Künste, die Lunettenbilder und so weiter.

Janusköpfige Türe

Im prächtigen Promenadensaal mit den Fresken des Moritz von Schwind wird 14 Komponisten gehuldigt. Ein paar von ihnen sind völlig in Vergessenheit geraten, darunter Heinrich Marschner und Francois-Adrien Boieldieu; zwei Zentralgestalten hingegen – Richard Wagner und Giuseppe Verdi – sucht man vergeblich. Weil der Kaiser sie nicht mochte, erklärt Rudich. Verdis Freiheitsoper „Nabucco“ hat zudem eine politische Aussage – die Unabhängigkeit von Österreich.

 

Highlight des Rundgangs ist der normalerweise nicht zugängliche Teesalon, dessen Tapeten mit dem Monogramm von Franz Joseph I. verziert sind. Der Monarch konnte einerseits das hereinströmende Publikum beobachten, andererseits direkt in seine Loge gehen.

Die janusköpfige Verbindungstüre vereint die Epochen: Die Klinke ist innen aus Elfenbein – und außen im schlichten 50er-Jahre-Design. Der österreichische Architekt Erich Boltenstern, der in der NS-Zeit als „jüdisch versippt“ galt, wurde nach dem Weltkrieg mit dem Wiederaufbau beauftragt. Er grenzte sich vom Historismus ab, ging aber nicht auf Konfrontationskurs. Die Pausenräume im ersten Stock atmen dennoch den Geist der damaligen Zeit. Heinz Leinfellner etwa entwarf die kubistisch anmutenden Marmormosaike.

 

Rudolf Eisenmenger durfte nicht nur den Eisernen Vorhang, sondern auch 13 Gobelins zum Thema „Zauberflöte“ gestalten. Es erstaunt immer wieder, dass ein NSDAP-Mitglied, das im Kunstwettbewerb bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin die Silbermedaille gewann und von Hitler bewundert wurde, nach dem Krieg seine Karriere ungehindert fortsetzen konnte.

Ioan Holender sträubte sich als Staatsoperndirektor gegen die Präsenz Eisenmengers: Er begann, den Eisernen Vorhang mit zeitgenössischer Kunst zu verhängen. Die Gobelins jedoch konnte er nicht unsichtbar machen. Er benannte daher den Pausensaal 1997 einfach um – nach Gustav Mahler. Vielleicht ist ja heute die Zeit reif für eine Neugestaltung?

Zur Person: Pablo Rudich wurde 1964 in Uruguay geboren. Sein Vater, der 1938 vor den Nationalsozialisten hatte fliehen müssen, kehrte 40 Jahre später mit der Familie in seine Heimatstadt Wien zurück. Pablo Rudich arbeitete nach der Matura als Reiseleiter, er studierte Geschichte und ist seit 1993 Fremdenführer in Wien.

Schwerpunkte: Rudich ist ein Spezialist für Wien um 1900 und die jüdische Geschichte. Er bietet u. a. Touren durch die Leopoldstadt an. Kontakt: pablo.rudich@chello.at

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