© Kurier/Gilbert Novy

Interview
06/08/2021

Das Volkstheater - „ein oppositioneller Pfeil Richtung Hofburg“

Kay Voges, der neue Direktor des Volkstheaters mit einem Faible für österreichische Dramatik, erklärt seine Programmatik

von Guido Tartarotti, Thomas Trenkler

Heute, Dienstag, stellt Volkstheaterdirektor Kay Voges seine Pläne für die kommende Saison vor. Natürlich wird etliches nachgeholt, was er bereits für diese Saison angekündigt hatte. Im Interview verrät Voges auch neue Projekte – darunter die Uraufführung „Ach, Sisi – 99 Szenen“. Zu sehen sein werden zudem „Der Würgeengel“ nach Luis Buñuel und eine Bearbeitung von Ödön von Horváths „Kasimir und Karoline“.

KURIER: Sie sind seit dem Herbst 2020 Volkstheaterdirektor. Wie war das für Sie während der Schließzeit?

Kay Voges: Als Theatermacher wollte ich natürlich, dass im Jänner, nach Ende der Renovierungsarbeiten, volle Kanne losgelegt wird. Aber das ging nicht. In den vergangenen Monaten hatte ich richtig Existenzkrisen. Denn mein Auftrag ist es, Geschichten auf der Bühne stattfinden zu lassen. Ähnlich ging es den neuen Ensemblemitgliedern. Das zehrte an den Kräften – und auch am Selbstbewusstsein. Warum ist man überhaupt nach Wien gekommen, wenn man nicht Theater spielen darf? Sie glauben gar nicht, welcher Stein mir vom Herzen gefallen ist, als klar war, dass ich endlich wieder Menschen ins Theater lassen darf!

Sie hätten ab 19. Mai spielen dürfen. Und dann haben Sie nur zehn Tage Programm gemacht – von 26. Mai bis 6. Juni. Wir hätten gedacht, dass Sie die gesamte Zeit bis zu den Theaterferien nutzen, um sich vorzustellen. Stattdessen haben Sie das Haus an die Festwochen vermietet.

Da geb’ ich Ihnen recht: Das fühlt sich schäbig an. Wir hätten gern mehr gespielt. Aber es gibt eben Verträge mit den Festwochen. Diese Kooperation galt es auch in einer Ausnahmesituation wie dieser Pandemie weiterzuführen. Wir haben also ein House Warming gemacht – und einen Einblick in ästhetische Möglichkeiten gegeben.

Sie brachten Ihre Dortmunder Inszenierung von „Der Theatermacher“. Am selben Abend hatte „Die Jagdgesellschaft“ im Akademietheater Premiere – auch von Thomas Bernhard. War das Absicht?

Plötzlich durfte man doch spielen. Das erzeugte eine große Hektik. Die Disposition lief daher ohne Absprache mit anderen Häusern. Dass Thomas Bernhard zweimal die Ehre erwiesen wurde: Das ist ja nur schön! Dass wir keine Neuproduktion gezeigt haben, liegt auch daran, dass nichts älter ist als eine Premiere von vor zwei Monaten. Wir starten hoffentlich mit einem Glas Sekt in der Hand am 3. September.

Was passiert an diesem Tag?

Ich inszeniere zum Beginn „Die Politiker“ von Wolfram Lotz – als österreichische Erstaufführung. Ich glaube, dieser Text wird in zehn Jahren noch gespielt werden: Er hat das Zeug, zu einem Theaterklassiker zu werden.

Wie definieren Sie eigentlich Ihre Volkstheaterdirektion?

Das Zentrum ist das Ensemble, das hier für die Wienerinnen und Wiener spielen wird. Um dieses Zentrum gibt es vier Säulen, die einander permanent befruchten sollen. Die eine Säule ist die Musik. Wir haben ein musikalisches Rahmenprogramm, und die Musik wird auch eine wichtige Rolle in den Stücken spielen. Ein anderer Schwerpunkt ist österreichische Dramatik, junge Dramatik, aber auch so etwas wie Thomas Bernhard, jüngere Klassiker. Dann gibt es das Thema der Auseinandersetzung mit der Digitalisierung. Und ein weiteres Thema ist die bildende Kunst.

Das bedeutet konkret?

Ein Beispiel, wie diese Säulen zusammenfinden sollen, ist die Produktion von Ragnar Kjartansson, ein weltberühmter Künstler aus Island. Er hat sich das Genre des „pictorial theatre play“ vorgenommen. Da geht es darum, Dramen nur anhand von Malerei und Ton zu erzählen. Er hat dazu riesige Bilder gemalt, die „leben“. Und er hat den Komponisten Kjartan Sveinsson, Mitglied der Gruppe Sigur Rós, gebeten, eine Symphonie zu schreiben. Sie wird in Koproduktion mit den Wiener Symphonikern aufgeführt. Oder: Tobias Rehberger wird ein Bühnenbild machen für Sebastian Baumgartens Inszenierung von „Der Würgeengel“ nach Luis Buñuel.

Wie sieht es mit österreichischen Stücken aus?

Ein Highlight ist Ödön von Horváths „Kasimir und Karoline“. Die Gruppe Nature Theater Of Oklahoma begibt sich dabei auf Spurensuche und macht ein Stück und einen Film. Was dabei Recherche und Fiktion ist – man weiß es nicht. Das wird eine wirklich aufregende Klassiker-Bearbeitung! Von unserer Hausautorin Lydia Haider wollte ich „Zertretungen 1“, nächste Spielzeit gibt es auch noch „Zertretungen 2“. Und „In den Alpen“ von Elfriede Jelinek über das Bergbahnunglück von Kaprun ist bereits geprobt – und wird nun erscheinen. Dieses Stück ist bisher nicht in Wien gelaufen.

Sie haben aber auch Ungewöhnliches vor?

Wir werden einen Abend über Sisi machen, „Ach, Sisi – 99 Szenen“. Diese Spurensuche haben wir einem „Piefke“ in die Hand gegeben, der bekannt dafür ist, hinter die Dinge zu sehen: Rainald Grebe, Kabarettist und Musiker. Er wird sich mit diesem fremden Blick mit der Frage befassen, was denn die Österreicherinnen und die Touristinnen zu dieser Sisi-Verehrung treibt. Wir werden dazu auch einige Gedichte aus der Feder der Kaiserin vertonen. Und es wird auch einen Abend über das Werk des von mir bewunderten Ernst Jandl geben – eine Sprachoper mit dem Titel „ich hab geblutet vor freude“ von Claudia Bauer.

Wo positionieren Sie das Volkstheater im Dreieck mit Burg und Josefstadt? Oft hatte man das Gefühl, es weiß nicht genau, was es ist.

Mit den vier Säulen merkt man schon eine Ausrichtung. Aber wenn Sie denken, ich komme in die Stadt und erfinde das Theater neu, dann muss ich Sie enttäuschen. Ich glaube aber daran, dass sich Qualität durchsetzt.

Das Volkstheater war einmal der bürgerliche, volksnahe Gegenpol zum kaiserlichen Burgtheater. Ist das noch so?

Ich finde, dieses Haus ist das beste, das es in Wien gibt! Es ist wie eine Ecke gebaut, wie ein oppositioneller Pfeil Richtung Hofburg. Die Menschen, die dieses Haus aufgebaut haben, haben gesagt: „Wir wollen Geschichten, die uns gefallen, nicht dem Kaiser.“ Arthur Schnitzler hat hier den „Reigen“ uraufgeführt. (Nachträgliche Richtigstellung: Die Uraufführung von Arthur Schnitzlers „Reigen“ war in Berlin. Die österreichische Erstaufführung folgte in den Kammerspielen, die damals zum Volkstheater gehörten.) Und dieses Haus hat Bertolt Brecht gespielt, als er woanders boykottiert wurde. Auch Jelinek war sehr schnell hier – oder Werner Schwab. Jetzt geht es um die Frage: Wer sind die Schwabs, Jelineks und Turrinis unserer Zeit? Dieses Haus ist nicht der Ort der Anbetung der Asche, sondern der Weitergabe des Feuers. Wir wollen uns öffnen, auch für Menschen, die sagen, ordentliches Sprechtheater interessiert uns weniger. Ich glaube, es gibt noch viel Publikum in dieser Stadt, das auf der Suche ist.

Wie wollen Sie die Menschen zum Volkstheater in den Bezirken locken? Menschen, die bisher eher konventionelles Theater erwartet haben?

Die Säle, in denen wir spielen, in den Volkshochschulen und Gemeindebauten, sind nicht gemeint als Illusionsbauten für Bühnenkunst, sondern gemacht für Begegnungen. Wir werden diese Orte mit Geschichten der Begegnungen aus dieser Stadt füllen. „Heldenplätze“ mit Gerti Drassl ist ein wunderbarer Monolog einer Frau, die sich fragt: Wie geht Erinnerung in Österreich? Wir werden auch ein True-crime-Stück über den Fall Julia K. herausbringen. Es wird ein Theater sein, das den Gemeindebauten entspricht!

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