Unterwegs in die Psychose: Nick Romeo Reimann, Anna Rieser, Uwe Rohbeck, Andreas Beck und Anke Zillich in "Der Theatermacher"

© Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Kritik
05/27/2021

Volkstheater: Psychedelische Albträume eines Staatsschauspielers

Kay Voges stellte sich als neuer Direktor des Volkstheaters vor - mit einem wilden Remix von Thomas Bernhards "Der Theatermacher“

von Thomas Trenkler

Claus Peymann hatte 1986 zum Start seiner Burgtheaterdirektion „Der Theatermacher“ mitgebracht. Kay Voges machte es ihm nun, nach 35 Jahren, nach – und präsentierte am Mittwoch seinen Dortmunder Remix des Stücks, der ein Atout bei der Bestellung gewesen war.

Der Unterschied ist nur: Damals hatte es eine Nebenbedeutung, wenn der abgehalfterte Staatsschauspieler, mit seiner geknechteten Familie in der Provinz auf Tournee, zu Beginn sagt: „Was hier in dieser muffigen Atmosphäre?“ Denn die Burg galt als verstaubt; das Volkstheater hingegen, frisch renoviert, strahlt bunt beleuchtet.

Der Tanzsaal des Schwarzen Hirschen in Utzbach ist nun eine triste Betongarage. Bühnenbildner Daniel Roskamp hat die Vorschriften gewitzt übererfüllt: mit Sprinkleranlage, Feuerlöschern und Notausgangsleuchten (die in gegensätzliche Richtungen weisen). Der „Notlichtskandal“ 1972 soll sich bekanntlich nicht wiederholen: Bruscon besteht darauf, dass sein Stück „Das Rad der Geschichte“ in totaler Finsternis endet.

Andreas Beck ist ein Bär von einem Impresario – und Uwe Rohbeck als Wirt ein Zniachtl mit höchst unterhaltsamem Mienenspiel. Ob die falsche Aussprache „Frittaaatensuppe“ von mangelnder Integrationswilligkeit zeugt oder nur provozierend wirken soll, bleibt offen.

Rüde Wendungen

Ansonsten aber hat Voges geradezu konventionell inszeniert – mit starken Kürzungen gegen Ende hin. Aber wie bei der Coverversion „My Way“ von Sid Vicious ändert sich das sehr abrupt. Nach einer Stunde beginnt das Stück von Neuem: absurder, schneller, greller und mit rüden Wendungen („Fotze, unrasierte“). Voges interpretiert, er legt bloß – und er verarbeitet humorvoll mit einigen Anspielungen auch die Corona-Zeit.

Die Stockwerksanzeige in der Garage ist von 1 auf 2 gesprungen. Die Zahlenreihe bis 9 lässt Unheilvolles befürchten. Bruscons Räsonieren über das Theater verselbstständigt sich zur Psychose, zum psychedelischen Albtraum. Der Wirt wird zum Impresario (er sieht dann Voges ähnlich) - und verschiedene Genres werden durchdekliniert: Wir erleben eine irre Höllenfahrt mit Anke Zillich (Bruscons Frau); eine Musical-Variante mit Nick Romeo Reimann (Sohn Ferrucio) und eine feministische Punk-Version mit Anna Rieser, der Tochter Sarah, als Nena-Verschnitt.

Zum Glück wird die Dauer der Remixe mit Fortgang kürzer, bis bloß einige Bernhard-Zitate – wie der „Blutwursttag“ – zum Ausschlachten übrig bleiben. Das ehemalige Logo der Berliner Volksbühne, ein Rad mit zwei Füßen, mutiert derweilen zum Hakenkreuz, die Bühne versinkt schließlich in NS-Rot.

Hans Neuenfels hat 2001 mit seiner Nazi-„Fledermaus“ in Salzburg schockiert; heute lächelt man milde über Voges’ eher aussagelosen Kraftakt.

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