Eine Szene aus „Dies irae“: Es geht um die Angst vor der Auslöschung und die Todessehnsucht, um Sigmund Freud, Eros und Thanatos

© Burgtheater/Matthias Horn

Interview
12/17/2019

Regisseur Kay Voges: „Man kann ja mal gucken gehen“

Der designierte Volkstheaterdirektor über die Uraufführung „Dies irae“ am Donnerstag in der Burg und seine Pläne.

von Thomas Trenkler

Die alten Männer der Boulevardgazetten sabbern bereits: „Porno-Skandal im Burgtheater“. Denn am Donnerstag bringt Kay Voges, 1972 in Düsseldorf geboren, seinen Szenenreigen „Dies irae – Tag des Zorns“ zur Uraufführung. Animiert wurde der künftige Volkstheaterdirektor durch „Purple Rain“ von Prince. In diesem Song geht es um den Orgasmus, den kleinen Tod.

KURIER: Was erwartet uns?

Kay Voges: Eine Reise durch 5.000 Jahre Endzeit-Prophezeiungen. Die Menschen haben seit Anfang an diese merkwürdige Obsession, dass es auf der Erde zu Ende gehen könnte. Egal, ob das die Kometen sind, die vom Himmel fallen, oder die Vulkane, die ausbrechen, die Heuschrecken oder die Atomreaktoren oder die Klimakatastrophe. Ich stelle mir die Frage: Wie hängt unser persönlicher Weltuntergang, unser Tod, mit dem kollektiven Weltuntergang zusammen, den wir immer wieder aufleben lassen? Und da kommen wir dann zur Angst vor der Auslöschung und der Todessehnsucht, zu Sigmund Freud, zu Eros und Thanatos.

Gibt es Sex auf der Bühne?

Wir arbeiten mit Menschen aus der Sex-Positiv-Szene aus Wien. Ab Donnerstag werden die Ergebnisse der Zusammenarbeit zu sehen sein! Die Zuschauenden können lustvoll einer Art Oper beiwohnen: Eine dreiköpfige Band musiziert, es gibt eine Opernsängerin und einige Chorpassagen, es wird gespielt und gefilmt, es werden Bilder produziert.

Eine Collage also?

Ja, ein Panoptikum. Die Klammer ist ein Gedanke von Samuel Beckett: Wir werden fallend über dem Grab geboren. Der Abend beginnt mit dem Albtraum, dass wir ins Bodenlose fallen. Aber kaum einer kann uns erzählen, wie er aufgeschlagen ist. Denn kurz, bevor man stirbt, wacht man auf. Den eigenen Tod träumen wir so gut wie nie. Und selbst, wenn wir ihn träumen, existieren wir. Denn wir beobachten uns dabei, wie wir sterben. Wir können unser Ich nicht verlieren.

Entlassen Sie das Publikum mit einer leisen Hoffnung?

Ich glaube, unser Abend endet eher in einem Flug anstatt mit einem Aufschlag.

In der „Edda“ geht es nicht nur um die Schöpfung, sondern auch um den Untergang. Sie ist in einer dramatisierten Form im Burgtheater zu sehen. Ist „Dies irae“ daher so etwas wie eine Ergänzung?

Bei den Christen gibt es die Auferstehung der Toten, in der Edda folgt auf die komplette Zerstörung der Wiederaufbau. Da ist das Zyklische noch stärker angelegt als in der christlichen oder jüdischen Religion. Dieses Wiederkehrende ist auch bei uns ein wichtiger Bestandteil: Alles dreht sich auf der Bühne, alles wiederholt sich. Aber ob Martin Kušej die Abende bewusst kombiniert hat? Das weiß ich nicht. Ich hab’ einfach mein Konzept vorgestellt – und er war ganz angetan.

Da wussten Sie noch gar nicht, dass Sie im Herbst 2020 das Volkstheater übernehmen werden.

Genau. Ich war mit Martin schon vor drei Jahren im Gespräch – für das Residenztheater. Aber wir haben es terminlich nicht hingekriegt. Denn ich war als Intendant in Dortmund ziemlich eingespannt. Und so ist es nun das Burgtheater geworden.

Sie wurden um ein Konzept für die Volksbühne gebeten. Dann wurde es das Volkstheater. Wie kam es dazu?

Ich bekam den Anruf, ob ich Interesse hätte, mich zu bewerben. Ich dachte mir: Man kann ja mal gucken gehen. Und dann legte ich eben dar, wie ich mir ein Alleinstellungsmerkmal für das Volkstheater vorstellen könnte.

Sie haben es als Katze im Sack übernommen?

Das ist fast immer so. Man kann sich die Zahlen anschauen, aber tief in die Struktur hineingucken: Das geht nicht in zwei Tagen. Das geht auch nicht in zwei Monaten. Das braucht mehr Zeit.

Nun wissen Sie es: Das Volkstheater ist schlecht dotiert. Daher überlegen Sie, nur an vier von sieben Tagen zu spielen. Ist das tatsächlich die Lösung? Denn die Infrastrukturkosten bleiben, die Einnahmen aber sinken.

Es stimmt: Wir müssen an einer Einnahmensteigerung arbeiten. Aber: Man kann an zwei Tagen mit 30 Prozent Auslastung spielen – oder an einem mit 60 Prozent. Das würde die Kosten reduzieren.

Sie könnten auch sagen: Ich will jeden Tag eine Auslastung von 80 Prozent wie in der Josefstadt und der Burg.

Das würde ich mir wünschen.

Anna Badora, die scheidende Direktorin, hat eine politische Mission verfolgt – und keine Rücksicht auf die Größe des Hauses oder das Publikum genommen. Für wen wollen Sie Theater machen?

Wir werden kein Boulevardtheater und keine Operette machen, aber auch kein intellektuell abgehobenes Theater. Ich möchte ein Programm für die Menschen der Gegenwart machen, für das Volk. Ein Programm, das begeistert, fasziniert. Ein Programm, das den ganzen Körper anspricht, den Geist und das Zwerchfell. Ich möchte ein sinnliches Theater machen, das eine eigene Note im großen Theaterangebot in dieser Stadt hat. Das Volkstheater war, im Gegensatz zur Burg als Nationaltheater, ein bürgerliches Haus: Man hat die Geschichten nicht dem Kaiser, man hat die Geschichten der Bürgerinnen und Bürger erzählt. Früher waren z. B. Ludwig Anzengruber und Arthur Schnitzler die Zeitgenossen. Die Frage ist: Wer sind heute die Autoren, die zu uns sprechen? Und was sind die Erzählweisen für die Gegenwart?

Und Ihre Antwort?

Wir leben in einer digitalisierten Welt, in einem vernetzten Europa. 99 Prozent der Menschen im Zuschauerraum haben ein Smartphone – das ist ihre Wirklichkeit. Sie kennen das episodenhafte Erzählen von Netflix und Amazon. Es geht also um den gemeinsamen Nenner und um unsere gemeinsamen Themen. Im Zentrum steht aber immer der Mensch. Und ich anerkenne mit etwas Neid: Es gibt mehr gute österreichische Autorinnen und Autoren als deutsche. Ich denke an Ewald Palmetshofer, Elfriede Jelinek, Peter Handke, Ferdinand Schmalz. Sie aufzuführen, ist ein Fokus von mir.

Badora schickte Lieblinge wie Andrea Eckert und Maria Bill in die Wüste. Die Wiener allerdings kommen wegen „ihrer“ Schauspieler. Was schwebt Ihnen vor?

Ich bin auch mit Schauspielerinnen und Schauspielern aus Wien, die bekannt sind, in Gesprächen. Leider kann sich das Volkstheater die wirklich großen Namen nicht leisten. Was außer Frage steht: Der Körper und die Stimme sind die Instrumente, die müssen funktionieren. Das Publikum muss verstehen können, was auf der Bühne gesprochen wird. Ob allerdings auf Wienerisch, kann ich nicht versprechen.

Sie sorgten zuletzt für Verwirrung: Sie stellten das Volkstheater in den Bezirken zur Disposition, nun wollen Sie es doch weiterführen.

Ich habe alles infrage gestellt. Nun bin ich mir aber sicher: Es wird fortbestehen.

Weil Sie die 800.000 Euro, die Sie für die Bezirke bekommen, ohnedies nicht anders verwenden könnten.

Das stimmt. Was man aber dazusagen muss: Die Kosten für die Bezirke sind weit höher. Aber es wird sich ausgehen. Das Volkstheater in den Bezirken hat einen wunderbaren Grundgedanken: Dass es zu den Menschen kommt. Und dass jede und jeder das Recht auf kulturelle Teilhabe hat. Es gilt daher, die Tradition fortzusetzen. Allerdings anders. Denn der Besucherschwund hat nicht erst mit Anna Badora eingesetzt, sondern schon unter Michael Schottenberg: Seit 15 Jahren gehen die Zahlen zurück – jährlich um zehn Prozent. Wenn die Bezirke eine Aktie wären, man würde einen Teufel tun, sie zu kaufen. Ich diskutiere daher viel mit meinem Team, wie wir das wieder drehen können.

Auf die zweite Spielstätte, Volx/Margareten, bestehen Sie aber nach wie vor nicht?

Der Betrieb ist im Vergleich zu den Ausgaben einfach zu teuer. Wir fragen uns daher, was wir ins Haus implementieren können. Es gibt ja zum Beispiel die Rote Bar und den Schwarzen Salon. Mir ist wichtig, dass das Volkstheater, diese Perle in der Mitte der Stadt, strahlt. Das ist mein Hauptauftrag.

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