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Interview
02/29/2020

Burgtheaterdirektor Kušej: "Dieses Wiener Gerüchtezeugs ist so nervig"

Der Burgtheaterdirektor im ersten großen Interview seit Beginn seiner Amtszeit: über Erwartungen und Enttäuschungen, ärgerliche Absagen und Ideen fürs nächste Jahr.

von Thomas Trenkler

Er kam diesen Winter auf Grund der Arbeitsbelastung nicht einmal zum Skifahren. Er kommentierte weder die neue Regierung noch die flapsigen Ansagen von Kulturstaatssekretärin Ulrike Lunacek über den Nobelpreis für Peter Handke. Aber nun nahm sich Martin Kušej, seit September Chef des Burgtheaters, Zeit für ein KURIER-Interview. Der Regisseur, geboren 1961 in Wolfsberg, kritisiert zum Beispiel in Teil 1, veröffentlicht am Samstag, den ungarischen Kulturrat: „Das ist Wahnsinn!“ In Teil 2 nimmt er u. a. zu Gerüchten Stellung. Und das Potenzial des Ensembles sei noch nicht ausgeschöpft worden.

KURIER: Die Burg und das Akademietheater sind sehr gut besucht. Waren Sie eigentlich überrascht, dass Ihr Start so glatt gegangen ist?

Martin Kušej: Ja, überrascht, aber natürlich auch erfreut. Wir arbeiten wie die Pferde. Trotzdem bleibe ich der einsame Mahner: Passt auf, es kann auch ganz anders kommen!

Das haben Sie in München als Intendant des Residenztheaters erleben müssen.

Ja. Ich weiß: Die Saison ist noch lang. Und die nächsten Jahre sind es auch.

Wie ist die Stimmung? Es gibt Gerüchte, dass Sie der Technikmannschaft das Raucherkammerl weggenommen hätten und nicht bei der Weihnachtsfeier waren.

Darauf möchte ich eigentlich nicht eingehen. Dieses Wiener Gerüchtezeugs ist so nervig! Es gibt noch immer genügend Möglichkeiten zu rauchen. Natürlich darf seit dem 1. November auch bei uns nicht mehr in der Kantine geraucht werden. Und ja, ich war nicht auf der Weihnachtsfeier. Ich war damals auf einer Dienstreise in Basel. Ich fühl’ mich hier total wohl, es gibt definitiv niemanden, dem ich nicht begegnen möchte, ich geh’ auch jederzeit in den zweiten Keller runter. Ich hab’ das Gefühl, dass die Stimmung super ist.

Saison 2018/19
Das Burgtheater hatte im letzten Jahr von Karin Bergmann 267.460 Besucher,  die Auslastung betrug 82 Prozent. Im Akademietheater lag die Auslastung bei 84 Prozent (120.817 Besucher). Insgesamt mit den Nebenspielstätten:  414.768 Besucher.

Jahresabschluss
Die Basisabgeltung betrug 47,4 Millionen Euro, allein die Personalkosten machten   40,4 Millionen aus.  Aufgrund exzellenter Umsatzerlöse (13,0 Millionen Euro) übergab Bergmann das Haus mit einem Finanzpolster von 3,76 Millionen Euro.  

Laufende Saison
Bis Ende Dezember lag die Auslastung in der Burg bei 81,5 Prozent und im Akademietheater bei 86 Prozent.

 

Zuletzt gab es mit „This is Venice“ aber eine recht große Enttäuschung.

Ich war auch nicht vollends zufrieden, aber ich muss dafür gradestehen. Im Laufe eines Probenprozesses verändert sich viel. Natürlich versucht man auch als Intendant, etwas zu tun. Was aber fast nicht geht. Zudem war ich in der unglücklichen Lage, mich nicht um die „Venice“-Produktion kümmern zu können, weil ich kurzfristig für das abgesagte „Tosca“ einspringen musste.

Kornél Mundruczó hätte inszenieren sollen, dreht nun aber lieber einen Film. Und Simon Stone sagte die Uraufführung „Die Letzten“ ab. Kay Voges enttäuschte mit der sündteuren Show „Dies irae“. Und auch Sebastian Nübling blieb bei „This is Venice“ vieles schuldig. Als Direktor können Sie eigentlich nur auf sich selber als Regisseur vertrauen. Oder?

Man kann über die beiden Produktionen sicher streiten, da scheiden sich die Geister. Aber es gibt ja auch viele Aufführungen, wo die einhellige Meinung sehr positiv ist.

Die sind zumeist von Martin Kušej: „Der Weibsteufel“, „Virginia Woolf“, „Don Karlos“, „Faust“, „Der nackte Wahnsinn“ usw. Den Spielplan zu dominieren, war aber eigentlich nicht Ihr Ziel.

Ihn zu dominieren ist überhaupt nicht mein Impetus. Das Ziel war, ein Repertoire aufzubauen. Ich hätte auch gerne Produktionen von anderen Regisseuren eingekauft, wenn sie zu haben gewesen wären, damit es nicht nach Kušej-Festspielen aussieht. Am liebsten würde ich nur ein Stück pro Saison inszenieren. Aber jetzt musste ich eben Feuerwehr spielen.

Zunächst wurde „Tosca“ nur verschoben. Aber auch den neuen Termin ließ Mundruczó platzen.

Es gab künstlerische Differenzen, daher mussten wir absagen und wir werden „Tosca“ auch nicht nachholen. (Kušej wirkt verärgert, beißt sich aber auf die Lippe, Anm.)

Bei Simon Stone haben Sie hingegen ein Nachsehen?

Es kommt darauf an, wie man miteinander redet. Nein, hier gab es keine künstlerischen Differenzen. Und mit Stone gibt es weitere Pläne. Auch für die nächste Saison!

Wann werden Sie den Spielplan präsentieren? Im Mai?

Ja. Natürlich fließen Erfahrungen aus dieser Spielzeit ein. Einige Sachen mache ich so nicht mehr.

Was denn zum Beispiel?

Im Großen und Ganzen ist meine Erfahrung bei der Spielplangestaltung extrem positiv. Wir haben das, was wir uns vorgenommen haben, eingelöst. Aber ja, ein paar Produktionen sind nicht solche Knaller geworden, wie ich es mir vorgestellt hab’. Das tut mir selbst am meisten weh. Wir haben sicherlich an einigen Stellen unser Potenzial noch nicht ausgeschöpft. Was ich besonders schwierig finde: All das, was man heutzutage „Stückentwicklung“ nennt. Das geht mir total auf den Zeiger. Das können Sie genau so schreiben!

Bei „This is Venice“ wurden zwei Stücke von Shakespeare verzahnt, um konzeptuell zu einer neuen Aussage zu kommen. Der letzte großartige „Othello“ ist ein Vierteljahrhundert her. Hat das junge Publikum kein Recht, eine Inszenierung zu sehen, die den Intentionen des Autors gerecht zu werden versucht?

Ich stelle mir diese Aufgabe schon. Auch bei „This is Venice“ wollte man den Stücken gerecht werden: Es gab die Idee einer Fortschreibung, die einen neuen Erkenntniswert bringt, ohne dass man zu viel von „Othello“ und vom „Kaufmann von Venedig“ verliert. Vielleicht hätte man noch mutiger sein müssen. Eingehen muss man das Risiko in jedem Fall. Die beiden Stücke werden ineinander verschränkt erzählt, man bekommt sozusagen an einem Abend zwei Shakespeares.

Meinen Sie das angesichts der Streichungen und der Übertragungen in eine Alltagssprache tatsächlich?

Ja, beide Geschichten werden in ihren Hauptplotlinien sehr gewissenhaft und mit all ihren Hauptfiguren erzählt. Alltagssprache wird dabei tatsächlich nur punktuell gesprochen, der überwiegende Teil hat einen hohen literarischen Ton.

Welche Erkenntnisse haben Sie noch gewonnen? Mir zum Beispiel tut es leid, dass das Kasino viel zu wenig für Theater genutzt wird.

Mir auch. Wir wollten die ganze Spielzeit über Regisseure und Künstler aus politisch brisanten Ländern einladen, um jeweils rund zwei Monate Performances, Diskussionen und Theaterabende zu machen. Ursprünglich sollte es vier Blöcke geben. Aber das ließ sich aus finanziellen wie organisatorischen Gründen nicht realisieren. Daher gibt es in dieser Saison nur einen solchen Block, die „Europamaschine“ von Oliver Frljić und Srećko Horvat, der bis Mitte März läuft. In der nächsten Saison dann mehr!

Was erwartet uns noch?

Wir werden vermehrt Geschichten aus weiblicher Perspektive erzählen, etwa indem wir neue und vergessene Stücke von Autorinnen zur Aufführung bringen oder Regisseurinnen Werke aus dem klassischen Kanon inszenieren. Bei einer Vielzahl von Stücken stehen große Frauenrollen im Zentrum.

Wird Andrea Breth kommen?

Nein. Sie sagte, dass sie die nächsten Jahre ausgebucht sei. Und ich habe genügend andere, neue, interessante Regisseurinnen gefunden. Aber ich versuche, Andrea Breths Inszenierung „Diese Geschichte von Ihnen“ wieder auf den Spielplan zu kriegen. Das ist mir bisher leider nicht gelungen.

Ich nehme an, weil Nicholas Ofczarek viel dreht. Und August Diehl ist auch begehrt. Wollen Sie uns schon ein konkretes Projekt verraten?

Da würde ich von Frau Rüter, der Pressesprecherin, eine auf die Mütze bekommen. Eröffnen werden wir die Saison mit „Maria Stuart“. Aber das weiß eh jeder.

Weil die Premiere bei den Salzburger Festspiele stattfindet. Bibiana Beglau spielt die Elisabeth – und Birgit Minichmayr die Titelheldin?

Ja. Aber ich bin in der Vorbereitung und ich denke darüber nach, ob die beiden nicht in jeder Vorstellung die Rollen tauschen könnten.

Die nächste Premiere: Auswirkungen des Faschismus

Der tschechische Autor Ladislav Fuks, 1923 in Prag geboren und ebenda 1994 gestorben, setzte sich in seinen Romanen wiederholt mit dem Faschismus auseinander. Im Erstling „Herr Theodor Mundstock“ erzählt er vom Schicksal eines Prager Juden in der Zeit der deutschen Okkupation, der, psychisch angeschlagen, Dialoge mit seinem Schatten führt. Mundstock bereitet sich seelisch auf die Zeit im Konzentrationslager vor, erlebt die Deportation aber nicht mehr, da er von einem Auto überfahren wird.

Für das Burgtheater hat der österreichische Schriftsteller Franzobel aber den psychologischen Horrorroman „Der Leichenverbrenner“ dramatisiert. Karel Kopfkringl, Angestellter des Krematoriums, nimmt in kleinbürgerlicher Bescheidenheit Kontakt mit dem NS-Regime auf. Denn er liebt die Ordnung: „Er hat alle Vorzüge eines vorbildlichen Familienvaters und Ehemanns: Er ist Abstinenzler, fleißig, häuslich, besorgt und von ausgesuchter Behutsamkeit in seinen Umgangsformen. Und mit der gleichen Sorgfalt und Selbstverständlichkeit, die seine ganze Lebensführung auszeichnet, besorgt er auch die Ermordung seiner Familie, als ihn die neuen Machthaber auf die Tatsache hinweisen, dass seine Frau jüdischer Abstammung ist.“

Die Uraufführung am 13. März im Akademietheater inszeniert der aus Graz gebürtige Puppenspieler Nikolaus Habjan, der u. a. mit „Der Herr Karl“, „F. Zawrel – Erbbiologisch und sozial minderwertig“ und zuletzt mit der Lebensgeschichte des Karrieristen Karl Böhm berührte, erschütterte und zwischendurch erheiterte.

Mit dabei sind nicht nur Habjans „zarte Monsterpuppen“, sondern auch Dorothee Hartinger, Sabine Haupt, Alexandra Henkel und Michael Maertens.

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