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Kritik
02/23/2020

"This is Venice" im Burgtheater: Scheißluft in der Glitzerlagune

Shakespeares Stücke über den Kriegsherrn und den Kaufmann von Venedig als Konzept-Show.

von Thomas Trenkler

Seine Stücke spielen in Padua, Mailand, Florenz, Mantua und natürlich, zweimal, in Verona. Dabei kannte William Shakespeare das Land, in dem die Zitronen blüh’n, nur aus der Literatur. Und in allen Dramen, den „Sturm“ ausgenommen, verarbeitete der Karl May Illyriens diverse Quellen, darunter eine Novelle aus dem „Decamerone“.

Zweimal ist auch Venedig Schauplatz: in einer Tragödie und in einer – naja, vielleicht – Komödie. Was liegt also näher, als sie unter dem Titel „This is Venice“ miteinander zu verzahnen? Habe Shakespeare den „prosperierenden Handels- und Finanzplatz“ doch ganz bewusst gewählt.

Die Absichtlichkeit kann man jedoch bezweifeln. Denn als Vorlage für „Der Kaufmann von Venedig“ diente dem Engländer eine Novelle aus „Il Pecorone“ von Giovanni Fiorentino, in der ein venezianischer Kaufmann einem Juden zur Besicherung eines Darlehens ein Pfund seines Fleisches verspricht. Und „Othello, der Mohr von Venedig“ geht auf eine Erzählung aus der Sammlung „Hecatommithi“ von Giraldo Cinthio zurück, auf die Shakespeare auch für das Stück „Maß für Maß“ zurückgriff.

Müde beklatscht

Mit unzweifelhafter Absicht aber – man fühlt sie und ist verstimmt – verschnitten Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen und Bühnenbildnerin Muriel Gerstner die beiden Dramen im Auftrag des Burgtheaters, wo „This is Venice“ am Samstag seine müde beklatschte Uraufführung erlebte: Sie luden ihre Bearbeitung mit Reizwörtern und Angst schürenden Parolen auf. In diesem Venedig fordert man eine Bürgerwehr, man beklagt den großen Austausch, der begonnen habe, und sieht das Abendland dem Untergang geweiht.

Bronfen und Gerstner konzentrieren sich auf zwei Aspekte: das Aufbegehren der (jungen) Frauen gegen das patriarchale Prinzip – und die Ausgrenzung von Minderheiten. Othello wird ja nur geduldet, weil er ein exzellenter Kriegsführer ist. Und Shylock, der jüdische Geldverleiher, muss jede Menge Demütigungen einstecken.

In Interviews bekannten Bronfen und Gerstner ein, bei ihrer Kompilation „ein bisschen“ geschummelt zu haben. Was eine glatte Untertreibung ist. Denn die Stücke spielen ja nur zum Teil in Venedig. Um die Einheit des Ortes zu ermöglichen, wurde aus dem fiktiven Belmont ein venezianischer Palazzo. Und Othello muss nie nach Zypern ausrücken. Denn die Türken steuern direkt die Lagune an.

Easy Shakespeare

Auch wenn der Abend gut dreieinhalb Stunden dauert: Bronfen und Gerstner mussten beide Stücke auf den Plot zusammenstreichen.

Zudem verneudeutschten und simplifizierten sie die Kunstsprache. Da braut sich z.B. in Jagos Hirn „Toxisches zusammen“. Alle atmen die „gleiche Scheißluft“. Und 30.000 Dukaten seien „verdammt viel Asche“.

Easy Shakespeare.

Permanent switcht das Geschehen zwischen dem Eifersuchtsdrama, das ins grell Komödiantische abdriftet, und dem Gerichtssaal-Thriller rund um das Pfund Fleisch, das Shylock dem verhassten Kaufmann aus dem Körper schneiden will.

Weil Othello in Venedig bleiben darf, kommt es in der Inszenierung von Sebastian Nübling zu einer Begegnung mit Shylock: Er bedauert den Juden, der auf den Knien rutschen muss. Als Konstante fungiert neben dem Dogen Rainer Galke das Glitzergirlanden-Bühnenbild, das verblüffend an jene von Katrin Brack erinnert. Ein Stück aus einem Guss entsteht dadurch aber nicht. Nübling bietet zumindest mit Kostümbildner Pascale Martin und Komponist Lars Wittershagen viel Unterhaltungsshow inklusive Catwalk-Defilee: Stefanie Dvorak gibt u.a. eine mondäne Diseuse, Maresi Riegner und Bardo Böhlefeld drehen auf Rollschuhen ihre Kreise.

Der Jude wird von einem Juden (Itay Tiran) gespielt, der Schwarze von einem Weißen (Roland Koch), der sich mit Desdemona (Marie-Luise Stockinger) einen Ehezank nach Art Frank Castorf samt nacktem Hintern liefert, eine Weiße aber (die schlaue Portia) von einer Schwarzen (Stacyian Jackson). Doppelbesetzungen (Dietmar König als Roderigo und als Antonio, Mehmet Ateşçi als Cassio und Bassanio) verwirren, Markus Hering als rassistischer Identitären-Vater und Norman Hacker als intriganter Jago stechen heraus. Und alle fügen sich brav dem Regiekonzept. Das Buh zum Schluss galt ausschließlich der Regie.

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