© Lukas Beck / Burgtheater

Kultur
02/28/2020

Burgtheaterdirektor Kušej: Entwicklung in Ungarn ist "Wahnsinn"

Der Burgtheaterdirektor im ersten Interview seit Beginn seiner Amtszeit, Teil 1 (der zweite folgt am Wochenende).

von Thomas Trenkler

Eigentlich hatte Martin Kušej vor, sich als Burgtheaterdirektor und damit als öffentliche Person zu politischen Entwicklungen zu äußern. Doch er schwieg seit Saisonbeginn. „Einfach auf Grund der Arbeitsbelastung“, so der Regisseur. „Ich hatte keine Zeit – weder für Interviews, noch für ein paar Tage Urlaub. Ich bin nicht einmal zum Schifahren gekommen.“

Aber nun nahm er ausführlich Stellung. Die Manöverkritik samt Ausblick lesen Sie im Sonntag-KURIER. Hier, im ersten Teil, geht es um gesellschaftspolitische Fragen.

KURIER: Vor Ihrem Start haben Sie die Befürchtung geäußert, dass man im intriganten Österreich „richtig eins auf die Rübe kriegt“, wenn man sich, wie Sie, gegen „Tendenzen in der FPÖ“ äußert. War das nicht übertrieben? Oder gab es irgendwelche Attacken?

Martin Kušej: Es gab keine. Aber das ist meine tiefste Überzeugung: Dass wir uns ziemlich ungebremst in eine Richtung bewegen, an deren Ende ich so etwas sehe. Dass man wieder für seine Haltung attackiert werden wird.

In Ihrer Inszenierung von „Das Interview“ haben Sie den Rücktritt von Türkis-Blau verwertet. Nun gibt es eine neue Regierung. Die FPÖ bot viel Reibefläche, gegen eine Koalition mit den Grünen kann man hingegen nicht so leicht am Donnerstag demonstrieren. Wie sehen Sie die Situation jetzt?

Sie ist definitiv entspannter. Beurteilen kann ich die Regierung aber noch nicht.

Was bedeutet es für ein Theater, wenn man nicht Widerstand leisten muss oder kann?

Das Theater hat die Aufgabe, permanent in einer Lauerstellung zu sein, um grundsätzlich auf Entwicklungen hinweisen zu können. Auch wenn uns Faschismus und Diktatur nicht unmittelbar blühen oder drohen, ist es notwendig, in den Menschen etwas am Kochen oder in Bewegung zu halten. Denn die Situation kann sich ganz schnell ändern. Und dann sollte man wissen, wie man reagieren muss. Es geht um eine innere Bereitschaft. Das ist vielleicht in mir als Slowene genetisch drinnen – als Teil einer Minderheit, auch wenn diese heute natürlich nicht mehr bedroht ist: „Ich weiß nicht, ob ich hier sicher bin. Ich muss immer bereit sein, schnell meinen Koffer packen zu können.“ Ich glaube, dass auch die jüdischen Menschen die Vergangenheit nicht vergessen. Der Gedanke ist immer da: Es kann wieder passieren. Und die Situation in Europa ist wieder richtig krass. Denken Sie nur an Polen! Oder an Ungarn, wo eben dieser nationale Kulturrat gegründet wurde.

Es geht dabei um „die einheitliche Regierungsstrategie zur Lenkung der kulturellen Zweige“.

Wenn man das liest, rollen sich einem die Fußnägel auf! So etwas passiert in einem Nachbarland von Österreich, das Mitglied der Europäischen Union ist! Das ist Wahnsinn! Und ja, die Affäre um die Justiz in Österreich finde ich auch sehr bedenklich. Die Medien haben zum Glück groß darüber berichtet; aber viele Menschen wollen trotzdem nicht verstehen, was da auf dem Spiel steht.

Mitunter scheint es, als wären sie abgestumpft.

Ich gebe Ihnen recht. Antonio Scurati, der unter dem Titel „M. Der Sohn des Jahrhunderts“ einen Roman über Benito Mussolini veröffentlichte, sagte unlängst im Interview mit dem Standard: „Bei Mussolini gab es noch so etwas wie Mobilmachung. Heute aber funktioniert Politik durch das Versprechen, man könnte Zuschauer bleiben.“ Man kann daheim auf dem Sofa sitzen, darf sich vielleicht noch über die sozialen Medien beteiligen, braucht aber sonst nichts zu tun: Das ist diese Abstumpfung!