Tatort Liegestuhl: Krimis für den Urlaub
Diese Bücher liest man am besten auf einem blutroten Strandtuch.
Liebende Mutter, eiskalte Killerin
Mutter zweier Töchter, erfolgreiche Geschäftsfrau einerseits, Auftragskillerin andererseits. Jeder dieser Lebensentwürfe wäre für sich genommen eine Herausforderung. Doch Olivia vereint das alles. Sie ist die Protagonistin in „Das kleine Handbuch einer Vorstadt-Killerin“. Olivia arbeitete für ein Verbrechersyndikat, kehrte ihm den Rücken, gründete Familie und Firma. Dann geschieht eine Katastrophe, und sie sieht sich gezwungen, ihr mörderisches Wissen einzusetzen.
Der australische Autor Mark Mupotsa-Russel ließ aus dem Kontrast liebende Mutter, eiskalte Killerin einen tiefschwarzen, mitunter komischen Krimi entstehen. An dem Tag, an dem Olivia ihren vermeintlich letzten Mord beging, lernte sie ihren späteren Mann kennen. „Es steckt eine Ironie darin, dass ich am selben Tag das Leben zweier Männer beendet habe.“
Der Roman ist temporeich erzählt. Die Übersetzung des Slangs in bundesdeutschen Gaunersprech bremst den Lesefluss allerdings ein. (Katharina Salzer)
Mark Mupotsa-Russel „Das kleine Handbuch einer Vorstadt-Killerin“, Blumenbar, 366 Seiten. 25,95 Euro
Verbrechen, Strafe - und danach die Rache
Nein, es wird hier keine Trennungsgeschichte erzählt, auch wenn es anfangs so aussieht. Birdie packt eines Morgens ihre Sachen, schreibt dem Mann einen Abschiedsbrief – und fährt los. Aber sie geht auf eine bittere Mission: Der Mann, der wegen des Todes ihrer Schwester im Gefängnis saß, kommt frei. Birdie hat eine Pistole, die nur auf diesen Tag gewartet hat.
Emma Stonex erzählt in Folge eine Geschichte davon, wie knetbar Schuld ist. Wie unsicher, unscharf selbst die heißeste Emotion sein kann. Und wie es für alle Beteiligten ist, nach einem Verbrechen weiterzuleben.
Nicht nur die von Trauer verhärmte Birdie wird begleitet, auch Jimmy. Er ist der Täter. Und wird nun Opfer einer Jagd. Erneut Opfer, muss man sagen – folgt man seiner Innensicht. Was genau ist damals eigentlich passiert? Dieser Frage nähert sich das Buch, oftmals mit viel Zeit, über den Umweg von Charakterstudien. Und wie das so ist mit den Menschen: Nichts ist so klar, wie es scheint. (Georg Leyrer)
Emma Stonex: „Sunshine Man“ Fischer. 400 Seiten. 25,50 Euro
Im Labyrinth der Erinnerung
Anna hat ihren Freund ermordet. Dann verschwindet sie spurlos. Zwei Jahre später taucht sie ohne Erinnerung auf. Im Krankenhaus hilft ihr die behandelnde Ärztin bei der Flucht. Aber warum macht sie das?
Federico Axats „Der Tag, an dem ich sterbe“ beginnt wie ein Psychothriller à la Sebastian Fitzek, aber ohne Grauslichkeiten. Doch dann taucht ein Känguru auf und es wird wild. Zeit- und Realitätsebenen verschieben sich, Erinnerungen werden brüchig. Vergleiche mit Christopher Nolans Filmen „Memento“ oder „Tenet“ sowie Martin Scorseses „Shutter Island“ drängen sich auf. Und Fragen: Wie verlässlich ist Annas Wahrnehmung? Was ist Vergangenheit? Was Zukunft? Die New York Times bezeichnete Axat als „einen der besten Thrillerautoren der Welt“. Ganz einlösen kann „Der Tag, an dem ich sterbe“ diese Hymne nicht. Der Autor wollte wohl zu viel. Aber man bleibt dran, weil man wissen will, wie sich das Rätsel am Ende auflöst. Ein solides Urlaubsbuch ist es allemal. (Daniel Voglhuber)
Federico Axat: „Der Tag, an dem ich sterbe“. btb Verlag. 448Seiten. 19 Euro
Experiment eines Krimi-Kollektivs
Der Detection Club hatte einige prominente Mitglieder, nicht zuletzt Agatha Christie. 1930 wurde diese Vereinigung von Krimischriftstellerinnen und -schriftstellern gegründet. Sie alle verband ein gemeinsames Regelwerk: Man verpflichtete sich etwa, auf übernatürliche Lösungen oder krasse Zufälle zu verzichten und dem Leser alle Indizien, die es zur Lösung des Falls braucht, zu liefern.
1931 entstand eine besondere Kollaboration des Clubs: 13 Autorinnen und Autoren, darunter Christie, Dorothy L. Sayers, Gil Keith Chesterton, schrieben zusammen den Kriminalfall um einen ermordeten Admiral, der eine dubiose Vergangenheit in China hat. Jeder verfasste ein Kapitel. Als Experiment ist dieses Buch interessant zu lesen und man sieht auch, warum die großen Namen die großen Namen wurden. Die Spannung leidet allerdings ein wenig unter der Vielstimmigkeit. Originell zu lesen ist der Anhang, in dem (fast) alle darlegen, wie sie den Fall aufgelöst hätten und teils gehörig abweichen. (Christina Böck)
A. Christie, Dorothy L. Sayers, G.K. Chesterton u.a.
„Die letzte Fahrt des Admirals“. Dörlemann. 384 Seiten. 20,95 Euro
„Offene Rechnung“, offene Fragen
Im neuen Roman von Philippe Djian „Offene Rechnung“ wirkt alles verdächtig, vor allem der psychisch labile Ich-Erzähler Nathan. Er arbeitet für eine Zeitung, die vor dem Abgrund steht. Sie gehört seiner Schwiegermutter, für die er Gefühle entwickelt. Die Themen: Impotenz, Medien – und Todesfälle. Das Unbehagen steigert sich. Doch am Ende der Lektüre bleiben viele Fragen offen. (Katharina Salzer)
Philippe Djian: „Offene Rechnung“ Diogenes. 256 Seiten. 27,95 Euro
Wenn der Tod nicht kommt, sondern stirbt
Perfekte Lektüre zum Start der Salzburger Festspiele und des „Jedermann“. Der Darsteller des Todes im Jahr 1937 wird ermordet (auch die Zweitbesetzung). Regisseur Max Reinhardt will die Premiere retten und ruft sogar Else Heims an, um die Rolle zu übernehmen – erstmals wird das Leben seiner ersten Frau ins Zentrum eines Romans gerückt. Fabelhaft, voller Flair, fesselnd. (Gert Korentschnig)
Sophie Reyer: „Tod bei den Salzburger Festspielen“. emons:-Verlag.
240 Seiten.16 Euro
Liebesgrüße aus dem Häcksler
Die US-Autorin eröffnet mit „Tourist Season“ ihre neue Trilogie: eine schwarzhumorige Enemies-to-Lovers-Romanze im mörderischen Küstenidyll Cape Carnage. Temporeich, aber sehr explizit (Achtung, Triggerwarnung!), die Nebenfiguren bleiben blass und der Schluss macht Band zwei quasi zur Pflicht. Gut gemachte Genre-Kost für starke Nerven. (Katharina Mark)
Brynne Weaver: „Tourist Season“ Heyne. 400 Seiten. 17,95 Euro
Verbrechen in feiner Gesellschaft
Eine Bande von Einbrechern versetzt 1907 Wien in Aufregung. Als ein Mord passiert, ist das wieder ein Fall für Oberkommissar Max von Krause und die junge Lilli Feigl, die in der Wiener Werkstätte als Putzfrau arbeitet. Das Flair von Wien um die Jahrhundertwende wird von der Autorin schön eingefangen und auch die dunkle Seite der Stadt gezeigt. (Martin Grabner)
Beate Maly: „Raub in der Wiener Werkstätte“ Emons Verlag. 256 Seiten. 19,95 Euro
Rollenspiele mit Serienmord
Lana wurde etwas angetan, weswegen sie sich nun an einer Reihe Männer grausam rächt. Sie flirtet– erst unwissentlich – mit dem FBI-Agenten ihres Falls . Als „dark & sexy“ wird das im Netz gehypte Katz- und-Maus-Spiel angepriesen. Dass es auf ertragreiche fünf Bände ausgelegt ist, merkt man der Spannung im ersten Teil an. Teil zwei ist schon erschienen, Teil drei folgt am 12. August (Christina Böck)
S. T. Abby: „Secret – The Mindf*ck-Series“ Goldmann. 240 Seiten. 12,95 Euro
Zwei Frauen, zwei Perspektiven
Nicht jede Zeitung kann mit einer Innenpolitikchefin aufwarten, die auch Krimiautorin ist. Der KURIER schon. Johanna Hager hat mit ÖBB-Pressesprecher Peter N. Thier den Thriller „Deadline“ geschrieben. Eine Aufdeckerjournalistin und eine Konzern-PR-Frau bekommen es mit den dubiosen Machenschaften eines Energieriesens zu tun. (cb)
Johanna Hager, Peter N. Thier: „Deadline“ Edition a. 256 Seiten. 25 Euro
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