Kolumnen
08/31/2020

Rabinowich geht essen: Gestrandet in der Lagune

Im Genuss gibt es wie kaum anderswo ein sehr, sehr deutlich zu trennendes Gut und Böse.

von Julya Rabinowich

Abseits aller Morbidität gilt nach wie vor: Venedig sehen und völlern, was die Pasticceria, die Trattoria und die Pizzeria hergeben. Bis die Pizzarinde kracht und die Fischgräten fliegen. Es gilt aber, Sandbank- aufläufe zu vermeiden. Weswegen man sich wie ein erfahrener Fischer zwischen den Fluten der Tourismusgastronomie, den Stromschnellen der Möchtegerns, den Untiefen internationaler Ketten in die wirklich guten Gestade navigieren muss, um zu reicher Beute zu gelangen. Nur zwanzig Jahre fast jährlicher Besuche und diverse gastronomische Totalschäden und eingängige Touristenklatschen bis hin zum McDonalds auf dem Wege zum Markusplatz später hat man zumindest den Hauch eines Gespürs für das gebotene Gute und Böse entwickelt. Und im Genuss gibt es wie kaum anderswo ein sehr, sehr deutlich zu trennendes Gut und Böse.

Wer noch nie wagemutig in knochentrocken verkokelten Pizzarand, hoffnungsfroh in fettig geklumptes Pseudorisotto mit Schmelzkäse, in giftgrün steinhar- tes Gebäck, das mehr als nur ein wenig an die chemi- schen Brocken von Soylent Green gemahnt, biss, der werfe hier und jetzt den ersten Stein. Aber: es geht auch deutlich anders. Das Schweben in unendlichen Geschmackssphären ist möglich, ja sogar zwingend. Man muss nicht einmal besonders lange suchen und auch nicht unfassbar tief in die Tasche greifen: Gleich bei der Ferrovia gibt es eine kleine, zu Recht preis- gekrönte Pasticceria namens Dal Mas, in die ich jedes Mal stürme, sobald ich dem Zug entsteige: der erste Schluck Cappuccino und die erste kleine Süßigkeit, bei entsprechender Jahreszeit zum Beispiel die kandierten Maronen oder das Karnevalsgebäck mit Pignoli bringen mich mit einem Schwall Genuss sofort ins Ankommen. Und wenn man authentische, hand- gemachte Köstlichkeiten mit Meereshintergrund sucht, ist die Hosteria Al Vecio Bragosso in der Strada Nuova, noch in der Touristenzone gelegen, aber niemals auf Touristenmenü spezialisiert, nicht wirklich weit entfernt. Der erste Gang – ein knusprig frittiertes gestifteltes Gemüse und darauf in Frieden ruhende ebenso knusprig frittierte rührend baby- kleine Calamaretti – öffnet die Sehnsucht nach der Weite der Gezeiten. Dieser Sehnsucht folgen wir mit weiteren zwei Gängen: handgemachte Ravioli mit feinem Branzino gefüllt. Und damit der Branzino sich nicht zu einsam fühlt, umspielt ihn eine unfassbar intensive Sauce mit süßherbem Radicchio und Gamberetti. Parallel dazu duften noch ebenso hausgemachte Gnochetti mit Krabbenfleisch auf dem kleinen Holztisch, die zwar samtig und sanft daherkommen, aber an die Intensität und Überraschung der Ravioli nicht ganz heran- reichen. Sie sind der gute, verlässliche Freund, der gegen die Dramaqueen ein wenig abstinkt, aber mit ihr gemeinsam für Gleichgewicht sorgt. Und, wenn man wirklich ehrlich sein möchte: La Serenissma ist natürlich weitaus mehr launische Dramaqueen als verlässliche gute Freundin. Und in all ihrer makabren, instabilen Schönheit ist es auch gut so.

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