Kolumnen
04/26/2021

Raab geht essen: Durcheinander

„Jemischter Satz! Nie jehört!“ Vier Deutsche und ein Schweizer starrten mir entgegen, als hätte ich Gauß vom Taschenrechner erzählt, oder Da Vinci vom 3-D-Drucker.

von Thomas Raab

Kult Uhr? Ist etwas für Sammler. Cool Tour? Aktuell vom Sofa zum Kühlschrank. Kuh ltur? Ein Reiseunternehmen für Rinder, bitterböses Synonym für Viehtransport. Kultur? Die engsten Freunde können da zu Fremden werden. So geschehen an einem Samstag, 23.30 Uhr im hintersten Winkel meines Kellerbüros in dem dort stehenden Strandmon Ohrensessel, die Füße auf dem dazugehörigen Strandmon Schemel – und wenn mir nach Billy, Pax & Expedit (heißt jetzt wie irgendein schwerwiegendes orthopädisches Problem: Kallax) auch noch Strandmon im Gedächtnis geblieben ist, dürfte ich schon verdammt viele davon durch die Gegend geschleppt haben. Jaja, bewegte Zeiten waren das einst. Heute turnen meine Frau und Töchter im Wohnzimmer eifrig gemäß Youtube- Trainerin, ich sitz’ abseits in meinem (ganz genau, auch hier steht einer) schreibe, höre „Papa, komm, mach doch mit!“, antworte jämmerlich „Morgen Ihr Lieben, viel zu tun!“, genier’ mich vor mir selbst und schau’ den Ladys mit schlechtem Gewissen über den Laptop hinweg zu. Selbiges praktiziere ich jeden zweiten Samstag ab etwa 21.30 Uhr in meinem Kellerbüro: Zuschauen. Selbstverständlich keinen Ladys, sondern fünf Herrn. In Zürich, Köln, München, zwei in Berlin. Tapfer halten wir seit Monaten unseren Männerabend ab, und genieren uns grenzübergreifend miteinander vor uns selbst. Tut gut. Die Corona-Langzeitfolgen, ohne überhaupt Corona gehabt zu haben, sind eben nicht zu unterschätzen. Um nun gebührend Videotelefonieren zu können, klemmen meine angewinkelt auf dem Strandmon Schemel stehenden Beine das Handy zwischen die Knie, was durchaus einer Turnübung gleichkommt, all das, um beide Hände frei zu haben. 1. für die in der Hüftbeuge stehende Schüssel Chips, mitternachts gesundheitstechnisch natürlich ein Irrsinn, seelisch das reinste Glück. 2. das Glas Wein. Und nein, diese Abende sind keine Sauferei, viel mehr ein dahinphilosophierendes Verkosten. Um 23.30 Uhr war es dann so weit: „Was trinkste heut als Wiener, ’nen Jespritzen, oder ’nen Veltliner?“ Die Herren Riesling, Chardonnay, Grauburgunder, ich ganz schriftstellergemäß meinen liebsten Weißen: „Einen Gemischten Satz!“ Worauf vor mir inhaltlich der Andreasgraben aufbrach. „Jemischter Satz! Nie jehört!“ Erschütternd! Mindestens drei Rebsorten gemeinsam in einem Weingarten pflanzen, die Cuvée somit vor Ort kreieren, ernten, verarbeiten, und garantiert ein herrlich trinkbares Tröpferl kredenzen? Vier Deutsche und ein Schweizer starrten mir entgegen, als hätte ich Gauß vom Taschenrechner erzählt, oder Da Vinci vom 3-D-Drucker. Keinen Schimmer hatten die Herren von diesem Wiener Kulturgut. Aber glauben, der Jespritze wäre eine Rebsorte! Eine Schand’ ist das. Auch an Kulturvermittlung. Weshalb ich umgehend gegensteuern musste. Mit der Entdeckung, wie großartig sich manche Winzer-Onlinestores entwickelt haben. Topadressen wie MAYER AM PFARRPLATZ aktuell mit den spitzen Angeboten: „Die guten Seiten von 2020“ und „Zeit für das Beste aus Wien“. Ebenso der allein sprachliche Wiener Winzer schlechthin WIENINGER. Beide liefern versandkostenfrei ab 6 Flaschen österreich-, ab 12 deutschlandweit. Oder EDELMOSER, vierfacher Landessieger 2020, darunter sein Gemischter Satz. Und viele Top Winzer mehr ... Ich will sie keineswegs zum Trinken animieren, aber in Zeiten, die vor Durcheinander kaum zu überbieten sind, kann ein Gemischter Satz kleine Wunder wirken, selbstverständlich auch inhaltlich. Auf die Kultur.

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