Kolumnen
05/25/2020

Kralicek geht essen: Die Werte der Wirte

Das Essen selbst ist es nicht unbedingt; mindestens so wichtig wie die kulinarischen Werte eines Gasthauses sind die sozialen.

von Wolfgang Kralicek

Globale Finanzkrisen sind schwer zu begreifen. All das verlorene Geld m├╝sste doch immer noch irgendwo sein, denkt der Laie und wundert sich. ├ähnlich verh├Ąlt es sich mit den wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie. Relativ einfach zu beantworten ist nur die Frage, wo das ganze Geld eigentlich ist, das die Wirte in den vergangenen Wochen verloren haben: Das ist bei uns, den G├Ąsten. Wir haben n├Ąmlich deutlich weniger ausgegeben, weil wir nicht dauernd zum Wirten gerannt sind. Wenn viele jetzt trotzdem die Grenzen ihres ├ťberziehungsrahmens ausloten, h├Ąngt das damit zusammen, dass auch ihre eigenen Gesch├Ąfte durch das Virus stark beeintr├Ąchtigt waren oder sind. Oft machen die Verluste noch mehr aus als das, was sie sich durch all die entgangenen Wirtshausbesuche erspart haben!

Viel wurde und wird ├╝ber die Leiden und N├Âte der Wirte gesprochen. Sie bekommen ├ťberbr├╝ckungskredite und Finanzspritzen, sogar die Schaumweinsteuer wird ihnen erlassen. Das ist auch richtig so, diesen guten Leuten muss selbstverst├Ąndlich geholfen werden. Aber wieso redet eigentlich niemand ├╝ber die G├Ąste, die es im Shutdown wei├č Gott auch nicht leicht hatten?

Sie mussten selbst kochen, manche zum ersten Mal ├╝berhaupt. (Was dabei herauskam, war oft entsprechend schwer verdaulich.) Sie mussten ganz alleine trinken, manche zum ersten Mal seit damals an der Mutterbrust, und das auch noch ohne ÔÇ×letzte RundeÔÇť. (Was dabei herauskam, war auch nicht immer sch├Ân anzusehen.) Und sie mussten ihre Stammtischtheorien ungefiltert in den sozialen Medien verbreiten. (Okay, das haben die meisten leider auch vor Corona gemacht.) So gesehen, sind die Gasthaus-Gutscheine, die jetzt an 950.000 Wiener Haushalte verschickt werden sollen, auch als eine Art Resozialisierungsma├čnahme zu verstehen. Die Menschen sollen diesmal halt nicht weg von der Stra├če, sondern raus aus ihren Esszimmern geholt werden.

Vielen ist in der Krise ├╝berhaupt erst bewusst geworden, wie wertvoll das Gasthaus f├╝r ihr Leben ist. Was aber macht es so attraktiv? Das Essen selbst ist es nicht unbedingt; mindestens so wichtig wie die kulinarischen Werte eines Gasthauses sind die sozialen. F├╝r Allein- stehende bietet es die wohltuende Gelegenheit, in Gesellschaft einsam zu sein. Wer Familie hat, sch├Ątzt das Gasthaus als gesch├╝tzten Ort, an dem Fragen wie ÔÇ×Willst du um diese Zeit wirklich noch was essen?ÔÇť niemandem ├╝ber die Lippen kommen w├╝rden. Daf├╝r gibt es im Gasthaus aber auch keinen Nachschlag. Dass das daheim anders ist, merken alle, die jetzt endlich wieder aus der Jogginghose geschl├╝pft sind ÔÇô und in die richtigen Hosen nicht mehr reinpassen.

Es gibt viele gute Gr├╝nde, ins Gasthaus zu gehen. Ab sofort auch diesen: Je mehr wir jetzt beim Wirten liegen lassen, desto mehr ersparen wir uns dann bei der n├Ąchsten Pandemiewelle.

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