Kolumnen
08/16/2021

Kralicek geht essen: Der Eissalon

Wer den Gast dazu animieren möchte, das Eis im Salon zu sich zu nehmen, muss sich etwas ausdenken, das anders nicht zu haben ist.

von Wolfgang Kralicek

Obwohl wir nicht auf die Idee kämen, Speiseeis als „Essen“ zu bezeichnen, reden wir ganz selbstverständlich davon, ein Eis essen zu gehen. Das ist komisch, aber was soll man denn sonst sagen? „Trinken“ tut man Eis ja auch nicht. Wenn wir also Eis essen, tun wir das in der Regel in einem sogenannten Eissalon, noch so eine Besonderheit: Im verbauten Gebiet ist das der einzige gastronomische Betrieb, der saisonal geführt wird. Die meisten Eissalons haben nur in der warmen Jahreszeit geöffnet. Im Unterschied zu Strandbars in Griechenland oder den Buffets im Gänsehäufel liegen Eissalons aber mitten in der Stadt und verfügen über eine winterfeste Infrastruktur. Früher verwandelten sich viele Eissalons nach der Saison in Pelzgeschäfte; seit Pelze nicht mehr salonfähig sind, werden eher Mützen oder Wollhandschuhe verkauft. (Umgekehrt gibt es interessanterweise kein Lokal, wo im Winter heiße Suppe serviert und im Sommer Badekleidung angeboten wird.) Im Wort Eissalon schwingt etwas Mondänes mit. Das erscheint ziemlich übertrieben, weil so ein Eissalon ja meist kein besonders elegantes Umfeld darstellt.

Andererseits ist der Name aber doch irgendwie stimmig: „Salon“ steht für etwas, was vielleicht nicht unbedingt nötig wäre, aber doch sehr angenehm ist, siehe „Frisiersalon“ oder „Teesalon“. Eigentlich ist der Eissalon gar kein richtiges Lokal, er ist nur die Simulation eines Lokals. Er sieht zwar so ähnlich aus wie ein Restaurant – aber die Spaghetti sind aus Vanilleeis, die Marillenknödel sind kalt, und die einzige feste Nahrung sind die Hohlhippen, die man eigentlich gar nicht bestellt hat.

Die größte Konkurrenz macht der Eissalon sich selbst, an der hauseigenen Eistheke. Eis war immer schon eine klassische To-go-Speise, die meisten Menschen lassen sich ihr Eis in Stanitzel oder kleine Plastikbecher spachteln. Wer den Gast dazu animieren möchte, das Eis im Salon zu sich zu nehmen, muss sich etwas ausdenken, das anders nicht zu haben ist. So kam man beispielsweise auf die Idee, das Eis mit heißen Himbeeren („Heiße Liebe“) oder warmer Schokosoße („Coupe Dänemark“) zu übergießen; oder das Eis zwischen der Länge nach geteilten Bananen und Schokosoße zu platzieren („Bananensplit“) – all das wäre zum Mitnehmen denkbar unpraktisch. Ähnliches gilt für den Eiskaffee, der deshalb auch nur selten „to go“ bestellt wird und überhaupt eines der allerbesten Argumente für die Existenz von Eissalons ist.

Im Stanitzel wird das Eis übrigens nicht gegessen, sondern geschleckt; am Stiel wird es sogar gelutscht. Richtig überzeugend klingt das alles nicht. Reden wir nicht länger darum herum: Der deutschen Sprache fehlt einfach ein passendes Wort für den merkwürdigen Vorgang, Eis in den Mund zu schieben und dort zum Schmelzen zu bringen. Keine andere Speise kann man sich auf diese Weise einverleiben. Eis ist weder fest noch flüssig – und so schwer zu fassen wie das Glück: Es ist zuckersüß, aber wenn man nicht aufpasst, zerfließt es einem zwischen den Fingern. Auch das macht es so unwiderstehlich.

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