Kolumnen
09/06/2021

Raab geht essen: Ein bisserl was

Mir kommt die Empfindung „Da ging schon noch ein bisschen was!“ oft in räumlicher Hinsicht. In grauen Gassen, wo schon ewig Geschäftslokale leer stehen, und nur ein Farbtupfer reichen könnte, um aus diesem Nichts wieder einen Ort des sozialen Austausches werden zu lassen.

von Thomas Raab

Sie kennen das sicher, dieses seltsame Gefühl: „Da ging schon noch ein bisschen was!“ Nicht zu verwechseln mit: „Da geht schon noch ein bisschen was!“ Dies nämlich impliziert die reale Möglichkeit der Umsetzung. Einen Teller Spaghetti Bolognese verdrückt zu haben und zu wissen, die zweite Ladung bring ich auch noch unter. Oder sich wetten zu trauen, nach dem nächsten Viertel Veltliner immer noch lupenrein „Topfentorte“ aussprechen zu können. Bei: „Da ging schon noch ein bisschen was!“ liegen die Dinge aber ein wenig anders. In diesem Fall ist die Möglichkeitsform eine versteckte Vergangenheit, die Hoffnung ziemlich getrübt, es könnte tatsächlich zu diesem Bisserlwas, der Veränderung zum Besseren kommen. Wenn wir uns beispielsweise in den Spiegel sehen und das BMI Maßband gar nicht erst in die Hand nehmen.

Wer mit diesem Gedanken Tag für Tag seinen Ehepartner betrachtet, hat natürlich ein noch schwerwiegenderes Problem. Mir kommt diese Empfindung „Da ging schon noch ein bisschen was!“ oft in räumlicher Hinsicht. In grauen Gassen, wo schon ewig Geschäftslokale leer stehen, und nur ein Farbtupfer reichen könnte, um aus diesem Nichts wieder einen Ort des sozialen Austausches werden zu lassen. Das Ende der Hietzinger Hauptstraße war so ein Fall, dort wo das sogenannte Zentrum Ober Sankt Veits liegen soll. Die einen behaupten, es wäre verträumt, für mich aber war er noch gar nicht erst aufgewacht. Man schlendert zuvor an der Bäckerei Schwarz, dem Spar, der Passage mit einem wunderbaren Bücher- und Geschenkeladen vorbei, überquert schließlich die Einsiedeleigasse dorthin, wo es eigentlich Richtung Höhepunkt gehen sollte, und es scheint, als wäre dies eine Trennlinie in eine seltsam vergessene Welt. Womöglich heißt sie deshalb so. Einsiedeleigasse.

Fast schon zum Hohn liegt am Eck der Ober Sankt Veiter Aufsperrdienst. Ja und als Schlusspunkt der Hietzinger Hauptstraße auf Nummer 174 gab es dereinst ein Lokal, nennen wir es Bar, das zumindest für mich, als geborener 1040er alles zum Ausdruck brachte, was einer aus der Wieden an Vorurteilen gegenüber einem Hietzinger nur mitbringen konnte. Dann stand es leer, und jetzt stehen dort zur Stoßzeit Menschen jeder Altersgruppe beisammen, und bringen Farbe in eine leere Ecke. Das Lokal selbst ist unscheinbar, auch der Name hat einen Anstrich von Sozialhilfe: „Antons Tafel!“ aber wer einmal dort war, will wieder hin, denn dieses Gefrorene macht süchtig. Ein Eissalon (vorrangig, denn es gibt auch Sonntagsbrunch und Abendmenü) des Ehepaares Rusnak, der, man stelle sich vor, das ganze Jahr offen hat. Beide haben die Carpigiani Gelato University in Bologna besucht. Anton, Koch bereits im Fabios, Palais Coburg und Le Canard (Hamburg) sorgt für die Zutaten, nur vollreife Früchte, hochwertigste Ausgangsprodukte werden verarbeitet, es wird bei jeder Sorte komplett auf Konservierungs- und Farbstoffe, Geschmacksverstärker, Aromastoffe und Sirups verzichtet. Seine Frau Irina zaubert daraus Sorten, die am Gaumen explodieren, als wäre man selbst die Mango, Birne, Zwetschke, Pistazie … darunter auch tägliche Überraschungen, Außergewöhnliches. Von den Eistorten ganz abgesehen. Es ist immer ein „BisserlWas“, aus dem das Große wachsen darf. Es ist der Mut und die Liebe Einzelner, die ganze Viertel wieder zum Leben erwecken können, uns lächeln lassen. Danke dafür.

Anton’s Tafel
Hietzinger Hauptstraße 174, 1130 Wien
antons.at, Tel. 01/876 24 85
geöffnet täglich 12 bis 19 Uhr

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