Die beiden Wunderkinder musizieren - rechts

Die beiden Wunderkinder musizieren - rechts

© Felix Metzner/Theater der Jugend

Kiku
11/22/2020

Wunderkinder – fantasievolles Lockdown-Theater-Film-Projekt

Auf den Spuren des jungen Mozart und des ebenso begabten jungen Geigenvirtuosen Thomas Linley junior in Florenz. 3-Länder-Kooperation.

von Heinz Wagner

Zum zweiten Mal darf das Theater der Jugend – wie alle anderen – in Österreich derzeit nicht spielen. Schon im ersten Lockdown lieferte die Theaterpädagogik spielerische per Video Theaterübungen als Anregung für Zuhause.

In der Zeit aber entstand auch eine andere Idee für ein internationales künstlerisch-fantasievolles Projekt über Wunderkinder oder Bambini prodigio, wie’s auf Italienisch heißt. Nach einer Idee von Cecilie Hollberg, Direktorin der Galleria dell’Accademia di Firenze, Gerald Maria Bauer, Chefdramaturg des Theaters der Jugend in Wien, sowie Martin Weller, Orchesterdirektor des Staatsorchesters Braunschweig beschlossen bereits im Frühjahr diese  europäischen Institutionen, sich im Rahmen eines Onlineprojekts zu vernetzen. Als vierte im Bunde gesellte sich die Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz dazu.

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Echtes Treffen zweier Wunderkinder

Aufbauend auf realen, historischen Fakten entwickelten sie folgende Geschichte: Der junge 14-jährige Wolfgang Amadeus Mozart trifft in Florenz auf den ebenso talentierten ungefähr gleichaltrigen englischen Geiger Thomas Linley. Beide kommen auf viele Ähnlichkeiten drauf: Söhne von Musikern, die sie beide als Wunderkinder vermarkten, aber stark gängeln wollen. Beide haben jeweils eigentlich musikalisch auch begabte Schwestern, deren Talente nicht entsprechend gefördert wurde, weil sie Mädchen sind.

Im Hause eines reichen italienischen Kunstmäzen treffen sie auf die junge Italienerin Zerlina oder vielmehr diese auf die beiden Musiker – hier beginnt die fiktive Geschichte. Zerlina führt sie zur weltberühmten David-Statue, auch von einem Wunderkind, dem jungen Michelangelo geschaffen. Eine Statue, die so lebendig erscheint, dass sie vermeinen, sie sprechen zu hören. Und die vielleicht sogar die Inspiration für Mozarts Figur „Steinerner Gast“ – „o statua gentilissima“ in seiner Oper „Don Giovanni“ sein könnte.

In der Story in diesem Film gibt Zerlina den beiden jungen Musikern, die daran verzweifeln, einerseits genial zu sein, aber andererseits nach Vorgaben funktionieren zu sollen, den Tipp, sich an David ein Beispiel zu nehmen, der gegen den viel mächtigeren Goliath aufstand und kämpfte.

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Theater in Wien, Orchester in Braunschweig, Bilder aus Florenz

Aus der Grundidee schrieb Clemens Pötsch ein (Dreh-)Buch. Schauspieler_innen des Theaters der Jugend spielten unter der Regie von Gerald Maria Bauer Szenen auf der Bühne des Renaissancetheaters. Die wurden gefilmt. Vermischt mit Off-Texten und (bewegten) Bildern aus Florenz und anderen Städten Mozart’scher Reisen entstand daraus das Material, das später zu einem nicht ganz halbstündigen Film geschnitten wurde.

Das Staatsorchester Braunschweig spielte unter dem Dirigat von Alexis Agrafiotis Kompositionen von Mozart und Linley eigens für diese Filmproduktion ein. Ausgewählte Zitate aus den Werken der beiden Komponisten verschmelzen zu einer musikalischen Kommentarebene, die das Aufeinandertreffen der beiden Ausnahmetalente weitererzählt. Für die Auswahl der Musikstücke zeichnet Orchesterdirektor Martin Weller verantwortlich. Das exklusive Bildmaterial, das von der Galleria dell’Accademia di Firenze zur Verfügung gestellt wurde, bietet ungewohnte Perspektiven auf die weltberühmte David-Statue sowie tiefe Einblicke in die umfassende Sammlung, die auch Musikinstrumente aus dem 17. und 19. Jahrhundert umfasst.

Die Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz fungierte mit ihrer langjährigen Erfahrung bei der Organisation internationaler Kulturprojekte als Mitinitiator und Knotenpunkt zwischen den Institutionen. Inhaltlich konzipiert und filmisch umgesetzt wurde das Projekt vom Theater der Jugend in Wien, dessen Ensemble in den semidokumentarischen Szenen in deutscher und italienischer Sprache auf der Bühne des Renaissancetheaters agiert.

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Historische Fantasie

Eine komplett italienisch synchronisierte Fassung – mit Stimmen italiensicher Schauspieler_innen wurde ebenfalls produziert. Der nun fertige Film, Eine historische Fantasie/ Un fantasy storico, ist auf YouTube – kostenlos – zu genießen.

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Gerade jetzt

Die Freundschaft der beiden jungen Musiker wird zum Sinnbild dafür, dass Kunst bereits vor 250 Jahren im Stande war, alle Grenzen zwischen Territorien und Kunstgattungen zu überwinden. „Der internationale Austausch von Ideen und Erfahrungen ist und war für die Kunst schon immer von zentraler Bedeutung. Angesichts der europaweit pandemiebedingt vorübergehend geschlossenen Theater, Museen und Konzerthäuser wird dies in besonderem Maße sichtbar. Durch Reiseeinschränkungen wird die grenzüberschreitende Zusammenarbeit von KünstlerInnen massiv erschwert. Umso wichtiger erscheint es daher, gerade jetzt ein Zeichen gegen das Verstummen von Kunst und Kultur zu setzen!“, meint das Theater der Jugend in seiner Aussendung zu diesem Projekt.

In Italien meldete sich sogar der Kulturminister Dario Franceschini zu den Bambini prodigio zu Wort: „In einem Moment wie diesem, den wir gerade erleben mit vorübergehend geschlossenen Museen, Theatern, Kinosälen und Orten der Kultur, zeigt sich die Bedeutung internationaler Zusammenarbeit zwischen prestigeträchtigen Kulturinstitutionen, wie jener, die dem Online-Projekt der „Wunderkinder” zu Grunde liegt, und wie wesentlich es ist, die Verbindung und den Austausch zwischen europäischen Staaten sowie das besondere Verhältnis, das Menschen, Kunst und Kultur gut am Leben hält, aufrecht zu erhalten und zu vertiefen.“

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Wunderkinder – Bambini prodigio
Eine historische Fantasie – Un fantasy storico: Auf den Spuren des jungen Wolfgang Amadeus Mozart

Koproduktion: Galleria dell’Accademia di Firenze, Staatsorchester Braunschweig, Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz, Theater der Jugend

Buch und Idee: Clemens Pötsch
Regie: Gerald Maria Bauer

Besetzung:
Wolfgang Amadeus Mozart: Marius Zernatto
Thomas Linley junior: Stefan Rosenthal
Zerlina/Erzählerin: Victoria Hauer
Leopold Mozart: Frank Engelhardt
Erzähler/Johann Adolph Hasse/Ein Kutscher: Rafael Schuchter
Melchior Grimm/Erzähler/Passant: Uwe Achilles
David: Stefano Bernardin

Stimmen in der italienischen Version:
Wolfgang Amadeus Mozart: Antonio Lanza
Thomas Linley junior: Gabriele Giaffreda
Zerlina: Teresa Fallai
Leopold Mozart: Marcello Sbigoli
Johann Adolph Hasse/David: Riccardo Bono

Kamera und Schnitt: Felix Metzner
Dramaturgie: Sebastian von Lagiewski
Musik: Staatsorchester Braunschweig
Musikalische Leitung: Alexis Agrafiotis
Kostüm: Susanne Hofer/ Barbara Kästner/ Brigitte Maria Kellner/ Anna Tesar

Technische Leitung: Anton Hilmbauer-Hofmarcher
Ton Theater der Jugend Wien: Thomas Martin Krombjolz-Reindl/ Michael Piller/ Martin Alois Krahbichler
Beleuchtung: Fritz Gmoser/ Christian Holemy/ Thomas Zarfl/ Barbara Zukal
Requisite: Christina Schneider/ Lisa Hörzinger/ Andrea Melka/ Andrea Müller/ Lisa-Maria Zsak/ Alexander Gebeshuber
Maske: Marianne Kallweit/ Zane Salma/ Katrin Bohaty/ Pia Sautner
Bühne: Walter Schütz/ Norbert Benes/ Thomas Drabinski/ Thomas Hajny/ István Antal/ Karl Pock/ Andreas Rajnoha

Projektleitung Galleria dell’Accademia di Firenzen: Cecilie Hollberg
Projektleitung Staatsorchester Braunschweig: Martin Weller
Projektleitung Theater der Jugend Wien: Gerald Maria Bauer
Projektleitung Stiftung Braunschweiger Kulturbesitz: Tobias Henkel

Musikstücke:
Wolfgang Amadeus Mozart: Divertimento KV 136, Divertimento KV 138, Ouvertura (Don Giovanni, KV 527), „Già la mensa è preparata“ (Don Giovanni, KV 527), „Là ci darem la mano“ (Don Giovanni, KV 527), „Vedrai carino“ (Don Giovanni, KV 527)

Thomas Linley junior: „O Bid Your Faithful Ariel Fly“ (The Tempest)

https://www.tdj.at/n/wunderkinder-bambini-prodigio/

Hier unten geht's zur italienischen Version des Films

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