Drei der rund zwei Dutzend jungen Darsteller_innen: Milena Mörkl, Lili Beetz und Anna Fabrizy mit Masken der digitalen Art ;)

© Marina Đorđević/teatro

Kiku
07/23/2020

Tom Sawyer und Huckleberry Finn: Nur Zusammenhalt bringt weiter

"teatro" spielt, singt und tanzt Mark Twains Abenteuergeschichten – Corona-gerecht - auch als Statement gegen Rassismus. Über 100 Fotos, zwei Videos.

von Heinz Wagner

Obwohl schon vor gut einem Jahr von teatro-Leiter Norberto Bertassi ausgewählt, trifft das diesjährige Musical „Tom Sawyer und Huckleberry Finn“ sozusagen zwei Nerven der Zeit - von denen zumindest einer nicht erahnt werden konnte. Zwei Dutzend Kinder, Jugendliche und einige Profis spielen, singen und tanzen – in diesem Jahr Corona-bedingt nicht im engen Stadttheater, sondern in der riesigen Europa-Halle von Mödling (NÖ) - einige der Abenteuer, die sich Mark Twain vor mehr als 140 Jahren ausgedacht hat.

Der Verein teatro hält sich bei allen Vorstellungen streng an die aktuellen Corona-Sicherheitsmaßnahmen. Deswegen wird auch nicht – wie sonst – im Stadttheater, sondern in dieser Halle gespielt. Eine Zeitlang sei auch, so Norberto Bertassi zum KiKu, überlegt worden, im Freien zu spielen. Das war eine Überlegung der Stadt für alle Kulturveranstaltungen. Aber da wäre der logistische – und damit finanzielle – Aufwand – Bühne, Tribüne, Infrastruktur von Umkleidemöglichkeiten bis zu Klos für das Publikum – dann zu hoch gewesen.

In die Europa-Halle passen normalerweise 600 Zuschauer_innen hinein, hier werden nur maximal 300 Plätze besetzt. Und die Halle ist sehr hoch – also sehr viel Luft im Raum. Jede Reihe ist fußfrei! Neben gebuchten Tickets bleiben links und rechts je ein Platz frei. Es gibt zwei Ein- und Ausgänge.

Nach der (derzeit: 21. Juli 2020) gültigen Verordnung der Bundesregierung ist das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes BIS ZUM GEKENNZEICHNETEN SITZPLATZ erforderlich! Bitte nehmen Sie Ihre Maske mit!

Im Falle von Symptomen einer Atemwegserkrankung darf an der Veranstaltung nicht teilgenommen werden.

Alltagssprache und Gleichberechtigung

Zwei Elemente von Twains beiden Romanen – „Die Abenteuer des Tom Sawyer“ (1876 erschienen – zeitgleich auf Englisch und Deutsch – Twain lebte einige Jahre auch in Österreich), dannDie Abenteuer des Huckleberry Finn“ (1884 in Großbritannien und Kanada erschienen) – waren ungewöhnlich noch dazu vor fast 1 ½ Jahrhunderten: Die Verwendung von Alltagssprache in Büchern für Kinder, noch dazu mitunter mit Kraftausdrücken gespickt. Und: Die gleichberechtigte Darstellung eines Schwarzen. Jim, der Sklave war, flüchtet und ist gemeinsam mit Huck unterwegs. Durch dieses gemeinsam durch Dick und Dünn gehen und die sich dabei ergebenden vielen Gespräche überdenkt er seine Haltung zu Sklaverei. Und nicht nur diese. Auch wenn Twain mitunter die Verwendung des N-Wortes vorgeworfen wird – das zu der Zeit noch üblich war – ist der Roman auch in dieser Hinsicht emanzipatorisch.

Renate Harter schminkt Norberto Bertassi zum Sheriff

Weitere Impressionen aus der "Schmink-Station" ...

Zusammenhalt

Und genau die antirassistische Grundhaltung findet Bertassi, der nebenbei noch Sheriff Jef Thatcher spielt, angesichts der erstarkten Black Lives Matter-Bewegung nach dem Mord an George Floyd durch einen weißen US-Polizisten so aktuell. „Und den Zusammenhalt sowohl von Huck und Jim als auch den von Tom und Huck – denn wenn uns Corona etwas lehrt, dann, dass wir nur gemeinsam diese Krise bewältigen können. Auch Sawyer und Finn bestehen die Abenteuer nur, weil sie zusammenhalten.“

Alle Mitwirkenden auf der Bühne und einige von "hinter" der Bühne

Im Vordergrund der Kopf von teatro, Norberto Bertassi, dirigiert auch beim Foto-Shooting ...

Viele „alte Hasen/Häsinnen“

Viele der Kinder und Jugendlichen, die bei teatro auf der Bühne agieren, sind schon seit „ewig“ dabei, so manche mehr als ihr halbes Leben. Einige sind schon auf dem Weg zu Profis.

Schauspielschule plus Abend-HAK

So spielt Nina Hafner (18), die auch schon in Hauptrollen zu erleben war, heuer Becky, eine Freundin Toms. Sie, die aus der Großstadt kommt, macht eine Wandlung zur abenteuerlustigen Schülerin am Land durch. Ihre berufliche Zukunft sieht Hafner definitiv auf der Bühne. Dafür besucht sie unter Tags die Schauspielschule Elfriede Ott und nun abends eine Handelsakademie. „Ich will trotz allem Matura machen, die bisherigen Jahre wurden mir angerechnet. Jetzt hab ich noch ein Schuljahr – und zwei Jahre Schauspielschule“, sagt sie dem Kinder-KURIER. Anstrengend sei das nicht, „die Schauspielschule macht eher Spaß!“ Danach will sie – „jedenfalls ins Ausland gehen. Wenn es die Corona-Situation und der Brexit erlauben, am liebsten nach London.“

Ihre Rolle findet sie „super süß, weil sie so viel erlebt und eine Wandlung durchmacht“.

Einmal Künstler_in – immer Künstler_in

Auch schon ein „alter Hase“ ist Moritz Mausser, der den Huckleberry Finn spielt. Er hat nach der Matura im Vorjahr mittlerweile auch schon seinen Zivildienst absolviert – sozusagen fast einschlägig im Künstlerheim für pensionierte Künstler_innen. „Spannend war zu erleben, dass die meisten, auch wenn sie schon Jahrzehnte weg sind von ihrer aktiven Karriere immer noch die Leidenschaft für ihre Berufe ausstrahlen.“

Im Herbst beginnt er seine Musical-Ausbildung an der MUK (Musik- und Kunst-uni der Stadt Wien) – als einer von nur acht Studierenden, die pro Jahrgang – nach drei Runden Test – aufgenommen wurden. „Mit neun hab ich begonnen, bei Stücken mitzuspielen. Mir hat’s großen Spaß gemacht, Rückmeldungen von Zuschauerinnen und Zuschauern haben mich bestärkt. Und mit elf war ich mir dann schon ziemlich sicher, dass ich das auch beruflich machen will.“

Gesinnungswandel

An der Rolle oder vielmehr der Figur des Huckleberry Finn gefällt ihm „das Rustikale, das Straßenleben und seine Freude an dem Reduzierten. Das hat mich auch persönlich interessiert. Aber auch sein Wandel, dass er, der zuerst die Sklaverei verteidigt, sich schließlich gegen Rassismus ausspricht, weil er nicht nachvollziehen kann bzw. will, dass ein Mensch nicht wie ein Mensch behandelt wird.“

Mit und ...

... ohne Perücke ...

Reporter riskiert einen Streich ...

... und der teatro-Gründer reagiert gekonnt humorvoll

Neues Multi-Talent

Eine der heuer neu in der großen Sommerproduktion von teatro Spielende ist Milena Mörkl. Aber auch sie ist schon von Kindesbeinen an darstellend künstlerisch unterwegs. „Mit 4 Jahren hab ich zu tanzen angefangen, erst Kindertanz und dann Jazz, Hip-Hop und Ballett – also eine Mischung aus allem. Außerdem spiele ich Gitarre und Klavier und ich singe“, outet sich die 13-Jährige als Multi-Talent. Ein bisschen davon kann sie auch in ihrer Schule, dem Gymnasium in der Mödlinger Keimgasse ausleben, wo sie den Zweig mit künstlerischem Schwerpunkt besucht.

Bei einer anderen Gruppe, den „Ohrwürmchen“ hat sie schon in noch viel jüngeren Jahren beim Weihnachtsmusical mitgespielt und gesungen. „Bei teatro hab ich dann ab 2016 Workshops besucht und mich dann heuer fürs Casting beworben.“ Und wurde genommen als „Missy“.

Alle haben alleine gelernt

Mörkl erzählt dem Kinder-KURIER auch wie die Proben in der Lockdown-Phase abgelaufen sind. „Also wir haben das Textbuch schon vorher bekommen, die Lieder waren auch fertig und wir haben Playbacks gekriegt, so dass jede und jeder alles schon alleine lernen konnte. Als dann endlich gemeinsame proben möglich waren, haben alle schon ihre Parts gekonnt.“

Twains Bücher von den Abenteuern der beiden Buben „hab ich natürlich schon als Kind gelesen, ich les überhaupt gern und viel; früher Fantasy, heute alles Mögliche“.

Die Frage, ob sie auf der Bühne auch ihre berufliche Perspektive sieht, beantwortet Milena Mörkl mit „ich lass das alles auf mich zukommen und überlege noch“, ein unausgesprochenes „aber schön wär’s schon“ schwingt deutlich mit.

Masken – analog und digital

Wie viele, vor allem der Jüngeren, ist sie beim Fotoshooting fürs Programmheft, das der Kinder-KURIER für die Interviews nutzt, am Ort der Proben im Gumpoldskirchner Rathauskeller – übrigens im 1. Stock – trotz vielen Wartens stets gut gelaunt. Und zu Späßen aufgelegt. Masken sind – wie Corona-Sicherheitsregeln – mitunter auch dafür ein Thema. Spontan posiert sie mit Lili Beetz (15, spielt Amy Lawrence) und Anna Fabrizy (14, Sidney) mit Handy-Fotos von Masken für die Fotografin. Die beiden Letztgenannten sind schon ihr halbes bzw. gar zwei Drittel ihres Lebens bei teatro in Aktion. Beide finden ihre diesjährigen Rollen als „Herausforderung“, eine aufdringliche Person die eine (Amy), die andere die verpetzende Cousine Tom Sawyers. „Es macht schon Spaß, eine nicht so beliebte Person zu spielen“, so die Sidney-Darstellerin. Und beide wie im Chor: „Durch Herausforderungen wächst man!“

Interview mit Setareh Eskandari ...

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... mit Milena Mörkl ...

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... mti Nina Hafner ...

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Auf Umwegen zurück

Setareh Eskandari ist auch schon seit „ewig“ bei teatro. Sie war in Alice die Herzkönigin und spielt nun Mary April, aufs Engste gefühlsmäßig verbunden mit Jim, dem Sklaven, dem die Flucht in die Freiheit gelingt. Ihre Verbindung visualisiert die Kostümbildnerin genial mit zwei Muschelhälften, von denen beide je eine Hälfte auf einer Schnur um den Hals tragen.

Die 20-Jährige hat „immer schon gern gesungen und bin mit 8 zu teatro gekommen. Ich hab dann dazwischen mal eine Zeitlang pausiert und begonnen, klassischen Gesang zu studieren. Aber jetzt studiere ich Musical. Ich find, es war wichtig für mich, das auszuprobieren und die solide Gesangsausbildung ist ja auch wichtig. Musical entspricht mir mehr – alles mit dem ganzen Körper, mit Leib und Seele zu spielen, singen und tanzen. Außerdem mach ich noch Stand-Up-Comedy“ – „und das ziemlich witzig und gut“, wirft Jan Ungar ein.

Berührendes/erschütterndes internationales Erlebnis

Der 17-jährige Darsteller des Jim (geflüchteter Sklave) ist neu auf der teatro-Bühne. Aber er hat einschlägige Vor-erfahrung. „Ich war seit meinem 4. Lebensjahr bei der Musicalgruppe KISI-Kids, singe und spiele leidenschaftlich“ und dann beginnt Ungar vor allem von einem extrem berührenden – und doch gleichzeitig ernüchternden – Auftritt der KISI-Kids, die es international gibt, zu schildern. „Wir waren in Israel, haben gemeinsam mit jüdischen und arabischen Kindern gesungen – auf Englisch, Hebräisch, Arabisch und Deutsch – in Jerusalem und in Bethlehem eine Weihnachtsgeschichte. Aber als wir Kinder alle Arabisch gesungen haben, sind die israelischen Eltern aufgestanden und rausgegangen und als wir Hebräisch gesungen haben, haben die meisten palästinensischen Eltern den Saal verlassen.“

In seiner Schule, dem BORG Wr. Neustadt besucht er den Zweig mit musikalischem Schwerpunkt. Alle zwei Jahre wird ein Musical erarbeitet – teils mit externen Profis gearbeitet, u.a. Norberto Bertassi. Und der hat Jan Ungar dann für teatro angesprochen und zu einem Workshop eingeladen.

Spätberufen

Ebenfalls neu im Team ist David Bosnijaković, der in die Rolle des Friedhofswächters Jacky Jackson schlüpft „und vielleicht krieg ich noch eine zweite Rolle als Hilfs-Sheriff“. Er ist einer der wenigen „Spät-Berufenen“. „Ich bin erst so vor vier oder fünf Jahren mit Theater in Berührung gekommen. Früher hab ich viel Sport betreiben, vor allem Tennis aber nach eine Sportverletzung hab ich mir eine andere Leidenschaft gesucht.“ In seiner Schule, der Wiener HLW Michelbeuern „war ich im Schauspielkurs und hab beim Schultheater in Frühlingserwachen eine der männlichen Hauptrollen gespielt. Und mit Freunden drehen wir auch immer wieder Kurzfilme.“

Im kommenden Schuljahr steht die Matura an – „Schauspiel – für Theater und/oder Film wäre danach schon mein Plan A.“

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Tom Sawyer und Huckleberry Finn
teatro-Musical über Abenteuer und Freundschaft

Textbuch und Regie: Norbert Holoubek
Musik & Arrangements: Norberto Bertassi/Walter Lochmann
Choreographie: Katharina Strohmayer
Musikalische Leitung: Walter Lochmann

Kostüme: Brigitte Huber
Projektionen: Ronny Hein
Bühnenbild: Norberto Bertassi/Richard Redl
Maske: Renate Harter
Licht- & Tondesign: Richard Redl
Art Direction: Mick Gapp

Besetzung
Tom Sawyer: Lorenz Pojer
Huckleberry Finn: Moritz Mausser
Becky Thatcher: Nina Hafner
Joelene Thatcher: Anna Fleischhacker
Jeff Thatcher: Norberto Bertassi
Mary April: Setareh Eskandari
Jim: Jan Ungar
Indiana Joe: Nicolas Vinzenz
Tante Polly: Corinna Schaupp
Mrs. Charlotte Lawrence: Emily Fisher
Ben Lawrence: Tobias Hornik-Steppan
Shirley Lawrence: Kimiyah Eskandari
Amy Douglas: Lili Beetz
Wodka: Alexander Hoffelner
Choco: Sebastian Berchtold
Lindsey Finn: Sophie Riedl
Tante Mary Lou Douglas: Lena Mausser
Sidney: Anna Fabrizy
Sally: Catarina Rachoner
Missy: Milena Mörkl
Mrs. Shannon: Sabrina Zettl
Mrs. Brownstone: Sarah Lakatha
Billy Brownstone: Jan Wetzel
Laureen Brownstone: Caroline Smith
Hazel Shannon: Ronja Rebecca Reichl
Nachtwächter Jacky Jackson: David Bosnijaković

Wann & wo?

14. bis 30. August
2340, Mödling: Europa-Halle: Lerchengasse 18A

Events.at -> Ttom Sawyer und Huckleberry Finn

oeticket -> teatro-musiktheater-fuer-junges-publikum

teatro.at

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