Lernplattform ChabaDoo, geboren in einer Garage im Mühlviertel (OÖ)

Jugendliche Tester_innen der NMS Hart (Leonding, Oberösterreich)
Neuartige Lernplattform zog – angesichts von Corona und Distance-Learning – offenen Zugang vor. Bis Herbst kostenloser Einstieg.

„Eigenständiges, individuelles, lebenslanges Lernen mit Freuden“ – mehr-, ja vielfach wiederholt Markus Fischer diese Zielstellung der Lernplattform chabaDoo. Die hat er – mit einem Team von rund eineinhalb Dutzend Bildungs-Begeisterten vor zwei Jahren gegründet. Er ist Geschäftsführer dieses Start-Up-Unternehmens.

Es sollte nicht noch eine zusätzliche Plattform sein, die Links und Apps und Lernprogramme sammelt, sie will Lernen generell anders organisieren. Ausgangs- und Mittelpunkt sind die Schülerinnen und Schüler. Fächer gibt es nicht, Lehrerinnen und Lehrer können leicht eigene Inhalte, genannt Waben, erstellen. Und statt Schularbeiten gibt es Check-Points. Mehr dazu weiter unten.

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Auch eine Testklasse: In der Neuen Mittelschule Neukirchen am Walde (OÖ)

"Extrem reingebuttert"

Das hochaktuell Neue: Die jetzige Testphase sollte erst Ende dieses Schuljahres abgeschlossen sein, ab Herbst sollte die Plattform für alle offen sein - im Business-„Deutsch“ Roll-Out. Flächendeckendes Home-Schooling und Distance-Learning seit einem Monat und noch für viele weitere Wochen, ließen das Team des Start-Ups kürzestfristig umdenken und handeln. Jetzt praktisch sofort müssen alle Lehrer_innen, die wollen, einen Zugang haben können – noch dazu kostenlos bis zum Herbst! Gedacht, getan.

Das erforderte allerdings, „dass vor allem unsere Entwickler_innen extrem reingebuttert haben. Die Server-Kapazitäten mussten erweitert werden, aber auch manche Funktionen waren noch nicht für die Breite ausgelegt“, so Fischer im Telefonat mit dem Kinder-KURIER.

Geklappt, nun ist’s so weit.

Die Anfänge

Zurück zu den Anfängen. Markus Fischer hat 15 Jahre in einem Schulbuchverlag gearbeitet und war als Produktionsleiter zuständig für die digitalen Angebote, berichtet er im Interview mit dem Kinder-KURIER. Immer sei es aber nur darum gegangen, aus dem Analogen etwas Digitales zu machen, „ich wollte dann die Digitalisierung eher nutzen, um Lernprozesse anders zu gestalten“.

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Typische Waben-Struktur auf dieser Lernplattform

Eigenverantwortlich, selbstständig

Ansätze und Zugänge, wie sie aus der Reformpädagogik seit Jahrzehnten bekannt sind, praktiziert und obendrein von der Hirnforschung in den vergangenen gut 15 Jahren bestätigt werden, sind auch Wegmarkierungen von Chabadoo – wie es erst später heißen sollte, aber dazu weiter unten.

Kinder und Jugendliche sollten – auch – in der Schule eigenverantwortlich und selbstständig arbeiten dürfen. Oft intuitiv und spielerisch aus Neugier Wissen erwerben – etwas das praktisch allen Kindern eigen ist, so lange es ihnen nicht abgewöhnt wurde/wird. Mit diesem Ansatz – gleich oben u.a. „Lernen mit Freuden“ genannt – soll aber auch ein „kleiner Schritt zu mehr Chancen-Gerechtigkeit“ werden, unabhängig von den elterlichen Ressourcen.

Und so gibt es keine digitalen Schubladen nach Fächern oder Gegenständen, sondern inhaltsbezogene „Waben“. Als Beispiel nennt Fischer im KiKu-Gespräch etwa Pythagoras. Den würden wahrscheinlich alle der Mathematik zuordnen, kann aber genauso Ausgangspunkt für forschendes Lernen in Sachen Geschichte, Kultur, Kunst, Architektur sein.

Zweites Moment: Lehrer_innen würde dadurch – nein, nicht überflüssig -, sondern sie würden in ihrer Rolle an Attraktivität gewinnen, mehr Coach und pädagogische Ermöglicher_innen und weniger strafende Prüfer_innen.

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... auch hier am Laptop-Monitor die Waben

15 Enthusiast_innen, die verändern wollen

Gut, Grundgedanke und Ziel waren klar. Das war vor mehr als zwei Jahren. Dann scharte Fischer in Herzogsdorf (2571-Einwohner_innen, Bezirk Urfahr-Umgebung) 15 Menschen unterschiedlichster Professionen um die Garage (im Haus der Schwiegereltern war das erste Büro), um die Entwicklung dieser neuartigen Bildungsplattform konkret anzugehen. Vertreten waren die Bereiche Pädagogik, Technik, Software-, aber auch Organisations-Entwicklung, Personal- und Unternehmensberatung. „Wichtig war, möglichst viele verschiedene Blickwinkel zusammen zu bringen“, so Fischer zum KiKu.

3.000 stunden, ¾ Mio €

Fast zeitgleich kündigte er seine fixe Stellung im Verlag, brachte ebenso Erspartes ins Start-Up ein, wie 7 andere aus dem Team. Gemeinsam kamen sie auf rund eine ¾ Million Euro. An Geld. Dazu gesellten sich gut 3.000 – unbezahlte – Arbeitsstunden der Protagonist_innen. Allein schon diese beiden Zahlen dokumentieren: Alle mit Leib und Seele bei der Sache, Leidenschaft für ein Projekt, das Grundlegendes im Bildungsbereich verändern will/soll.

Im Sommer 2018 testete das Team die ersten Prototypen der Plattform, ab Herbst desselben Jahres begannen rund 150 Jugendliche und 50 Lehrpersonen in sieben Schulen (OÖ, Wien und Steiermark) den „Feld-Test“, also die hard-core-Prüfung dessen was sich das engagierte Kreativ-Team ausgedacht, gebaut und programmiert hatte.

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Geschäftsführer Markus Fischer - von der embryonal-Phase in der Garage gibt's leider keine Fotos mehr - daher hier an seinem Arbeitsplatz

Eigener Laptop: Prototyp in drei Wochen

Wenn Schülerinnen und Schüler und ihre Lehrkräfte das Ding testen sollen, dann braucht’s natürlich auch eine entsprechende Ausstattung. Auch wenn chabaDoo „keine Hardware-Bude ist“, wie Alessa Prochaska, die fast postwendend anrief, nachdem der Kinder-KURIER über die Homepage beim Start-Up um mehr Infos gebeten hatte, so ließen die Gründer_innen einen eigenen Laptop entwickeln.

„Wenn wir wollen, dass in Schulen damit gearbeitet, vor allem jetzt einmal getestet wird, war klar, es braucht Hardware – nicht zuletzt im Sinne der Chancengerechtigkeit. Und wir wollten auch selber auftauchende Probleme bei der Anwendung lösen können, also braucht’s den „Werkezugkoffer“ dazu“, so der Geschäftsführer. Es sollte ein leistbares, mittelpreisiges, praktisches Gerät sein – mit eingebautem mobilen Internet, also immer und überall in ganz Österreich funktionieren, unabhängig von Leitungen oder WLAN – ob in der Schule, zu Hause oder utnerwegs. Und obendrein staub- und spritzwassergeschützt.

Ein Freund des Geschäftsführers arbeitete zu der Zeit in China. Den kontaktierte er, gab die Anforderungen an Konfigurationen durch „und drei Wochen später hatten wir den ersten Prototypen in der Hand!“

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Blick auf ein Lernmodul

Es genügt, etwas zu bewegen

Apropos China: Die Plattform – um die geht’s, die passgenauen Laptops sind „nur“ Mittel zum Zweck – sollte noch einen coolen Namen bekommen. Damals war der Arbeitstitel EduCrowd. Da kam auch der Freund aus China zu Hilfe, um etwas Peppigeres zu finden. „Chabuduo“ bedeutet auf Mandarin-Chinesisch „es ist gut genug“. „Doo“ steht für „etwas tun, etwas bewegen“.

„Das passte, denn es gab durchaus die Befürchtung im Team, wir könnten uns im Hang und Drang nach ständiger Perfektion verlieren statt in die Umsetzung zu kommen.“ Und so war der Name geboren.

Lernplattform ChabaDoo, geboren in einer Garage im  Mühlviertel (OÖ)

Marketingleiterin Alessa Prochaska und Geschäftsführer Markus Fischer - übrigens haben beide zuvor in einem Schulbuchverlag gearbeitet

Tests

Schon das erste Schul-Testjahr (2018/19) zeigte: Schüler_innen gingen sehr intuitiv und wirklich eigenständig, selbstverantwortlich mit ChabDoo um. „Sie haben gemerkt und gefühlt, sie stehen/sitzen im Zentrum, die Plattform und alle Werkzeuge sind genau für sie gebaut.“ Die Rückmeldungen führten zu Adaptierungen, Ergänzungen und Erweiterungen.

Wo ChabaDoo noch in den Anfängen steckt ist die Implementierung von Gamification, also den Einbau von Elementen aus Computer-Games, wie es so manche Lernumgebungen bereits machen – etwa Woop-Klassenzimmer – derzeit auch auf den Community-TV-Sender Okto. „Da haben wir vorläufig nur Emoticons und Gifs (bewegte Bildchen)“, gesteht Markus Fischer einen gewissen Nach- und Aufholbedarf.

Begleitforschung

Erfahrungswerte wurden aber nicht nur von den ChabaDoo-Mitarbeiter_innen gesammelt. Ein Team der FH Hagenberg (Informatik, Kommunikation, Medien) unter der Leitung der Professorin Tanja Jadin (Mitarbeit: Chiara Fischer, Adrian David Kaczmarek, Karoline Prinz) stellte eine Begleitforschung an – die auch noch weitergehen wird. Kürzest zusammengefasst lobt die Studie den „ganzheitlichen Ansatz um digitale Bildung in der Schule zu ermöglichen. Für die Schulen wird neben Hardware und Software ein einzigartiges Lern-Ökosystem angeboten.“

Funktionen für Lehrpersonen

Durch die Fokussierung auf die Schüler_innen selbst, so Markus Fischer, seien die Lehrerinnen und Lehrer „ein bisschen übersehen“ worden. In der Testphase in diesem Schuljahr – rund 400 Schüler_innen und 70 Lehrer_innen - wurde darauf eingegangen und Funktionen entwickelt, wie Pädagog_innen besser eigene Inhalte als zusätzliche Waben oder Prüfungs-Tools leicht in die Plattform einbauen können.

Private Spaces für Schüler_innen

Übrigens: Schüler_innen arbeiten in sogenannten „Private Spaces“. Das heißt, erst wenn sie die Lösung einer Aufgabe oder die Antwort oder ihre Arbeit freigeben, steht sie der Lehrerin/dem Lehrer zur Verfügung. Damit wolle man einerseits Fragen wie Datenschutz und Privatsphäre ganz konkret und praktisch thematisieren und andererseits entscheidet jede/jeder Jugendliche selbst, wann sie /er mit der Antwort/Lösung usw. zufrieden ist und sie abschickt. Wie viele mögliche Fehlversuche oder was auch immer – es ist ihre/seine Sache.

Wissbegierde fördern statt einschränken

Übrigens: Einen weiteren privaten Moment für die rasche Umsetzung von ChabaDoo verrät der Geschäftsführer dem Kinder-KURIER auch noch: „Am ersten Schultag meiner Tochter – September 2017 - hab ich mir geschworen, in zwei Jahren muss das Ding online sein. Ein Jahr später war die erste Version so weit. Ich sehe, wie ganz junge Kinder begierig alles Wissen aufsagen wie Schwämme und diese Wissbegierde soll ihnen nicht durch die Schule, auf die sich immer alle freuen, genommen werden.“

Und klar, Lernen ist natürlich weit mehr als über die und auf der Web-Plattform und am Laptop. Analoges Arbeiten, Erforschen und nicht zuletzt soziales Lernen in der gemeinsamen Klasse will auch ChabaDoo nicht abschaffen.

Follow@kikuheinz

https://www.chabadoo.com/

Lebenslange Kindergarten-Gruppe

Und hier geht’s zur Plattform der lebenslangen Kindergarden-Gruppe von Mitch Resnick am Masssachussetts Institute of Technology über spielerisches, kreatives Lernen. Hier wurde u.a. das spielerische Coding-Programm Scratch erfunden und entwickelt.

https://learn.media.mit.edu/lcl/

Hier geht’s zu einer Story über ein anderes Start-Up, dessen Gründer auch Bildung revolutionieren möchte!

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