Kiku
19.06.2018

Kleine (Figuren-)Welten großer Fantasie und noch mehr Theater

© Bild: Yorgos Nounesis

Das 30. internationale Theaterfestival für junges Publikum wurde in Vorarlberg mit Figurenstück aus Griechenland eröffnet. Wird laufend um Stückbesprechungen ergänzt - pro Tag ein eigener Abschnitt unten.

Was für ein Auftakt für das 30. „luaga & losna“ (für nicht des Vorarlbergisch mächtige: „Schauen und hören“). So hießt das internationale Theaterfestival für ein junges Publikum in Nenzing. Es feiert in diesem Jahr seinen 30. Geburtstag und läuft noch bis 23. Juni 2018 – täglich zwei verschiedene Vorstellungen.

Giraffe – eine ¾ Stunde und doch ein fast zeitloser Flug in ferne Welten, die so nah sind! Evgenia Tsichlia und Thanos Sioris mit ihrem Hop Signor Puppentheater ( Griechenland) nahmen das Publikum mit wenigen Figuren, exaktem Puppenspiel und richtigem Timing zwischen Spiel, Bewegung, Musik und nicht zuletzt Ruhe und Stille in eine oberflächlich einfache und doch so tiefgründige (Lebens-)Geschichte mit.

Am Anfang ein Preisschild von 10 Euro und daneben ein Spielzeugflugzeug, das später sogar noch zu blinken beginnt. „Will haben“ drückt die Figur eines Kindes aus – das Stück kommt ganz ohne gesprochen Worte aus. Nein, kein – oder zu wenig – Geld, scheinen die Eltern – das Puppenspiel-Duo zu sagen. Flugzeug weg, Preisschild weg, eine kleine Sparbüchse in Form einer Giraffe taucht auf. Der aufgeschobene Wunsch als Sparen – auf das Flugzeug? – verleitet das Kind zu Fantasieflügen: Aus Suppenschüssel und –Löffel wird Schild und Schwert oder ein Boot, mit dem er samt der kleinen Giraffe davonrudert. Die Giraffe hat er zuvor – über die Sparbüchsenfunktion hinaus so liebgewonnen, dass er sie mit dem Hammer nicht zertrümmern möchte, um an das Geld zu kommen.

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© Bild: Yorgos Nounesis

Als er mit ihr an einer Insel landet, lässt er sie hier leben und macht sich mit dem Boot zurück die Wellen seines Lebens. Bis er sich als alter Mann an sie erinnert, zu ihr zurückkehrt, sie fast demoliert und von riesigen Giraffenhälsen und –köpfen träumt, die ihm zunächst Angst bereiten – Rache? Um sich dann doch auf ihnen fliegend zu sehen. Nachdem er wieder aufwacht, verbindet er die Teile der zerbrochenen Giraffe und schaut mit ihr durch ein Fernrohr in die unendlichen Weiten – seines Lebens? Der Welt? Des Universums?

Was zählt schon Geld, wenn die Fantasie viel mehr beflügeln kann als das leuchtende Spielzeug? Fantasievolle Geschichten aus der Kindheit können Kraft geben, die ein Leben lang anhält, dem eigenen Kind im Inneren treu bleiben... – auch das steckt in dieser wunderbaren und ebenso gespielten Geschichte des Duos aus Griechenland, mit dem das Jubiläumsfestival eröffnet wurde. Gleichzeitig feiert das „theater der figur“ – Nukleus des Festivals - seinen 40. Geburstagstag.

Infos:
Giraffe
Hop Signor Puppentheater / Griechenland    
Ein Puppenspiel ohne Worte, ab 4 J.

von und mit: Evgenia Tsichlia, Thanos Sioris
Puppen, Bühne und Regie: Evgenia Tsichlia, Thanos Sioris
Figurenregie: Michel Villée
Musik: Agelos Agelidis, Antonis Skamnakis, Mihalis Kalkanis
Lichtberatung: Christina Thanasoula, Melina Mascha

www.hopsignor.gr/en/

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© Bild: Guy Perrenoud

Fast Umkehr von Kind-Eltern-Rollen

„Die wahre Geschichte von Regen und Sturm“ nach einem Kinderroman in einer eigenen erarbeiteten Bühnenfassung des Théâtre de la Grenouille.

Als wären zentrale Elemente einer Eltern-Kind-Beziehung fast umgedreht, braust „Die wahre Geschichte von Regen und Sturm“ rund eineinhalb Stunden durch den Ramschwagsaal in Nenzing. Das Théâtre de la Grenouille aus einer zweisprachigen (Französisch und Deutsch) Region der Schweiz spielt die von Regisseurin Charlotte Huldi dramatisierte und auch stark adapiterten Fassung der deutschsprachigen Ausgabe des Kinderromans „Rain Reign“ von Ann M. Martin (USA). Die Schauspieler_innen haben übrigens das Stück auch selbst ins Französische übersetzt, weil es der Gruppe so ans Herz gewachsen ist und sie es in der zweiten Sprache ihrer Region unbedingt spielen wollten.

Ruth – ruht/ Piste - pisste

Das Mädchen im Zentrum der Geschichte, aus deren Perspektive sie erzählt wird, bestimmt das Geschehen, ist Ordnungsfanatikerin, weil es diese enge Struktur, dieses Korsett braucht – sie ist Autistin. Primzahlen liebt sie über alles, exakte Vermessungen und Berechnungen. Und Homophone – das sind Wörter, die (fast) gleich klingen (manchmal auch ein bisschen anders geschrieben werden) und etwas Unterschiedliches bedeuten. Ihr Name Ruth (in der deutschen Übersetzung) klingt gleich wie ruht, oder pisste und Piste. Ertönt so ein Wort, springt Ruth sofort drauf an. Clea Eden, die diese Ruth spielt, agiert in diesen ihren engen, strengen Regeln nicht zuletzt dank dieser fantasievollen Homophon-„Philie“, entfesselt – wie ein Kraftwerk, in dem ständig Gedanken-Explosionen ablaufen.

Als solche zieht sie das Spiel wie ein Gestirn an, um das die kongenialen Mitspieler als Planeten kreisen – und doch nie wirklich sehr nahe an sie herankommen. Als dieses kontrollierte Energiebündel sprüht sie Funken, die nicht zuletzt auf Kinder, die selbst autistisch oder anders Außenseiter_innen sind überspringen – wie die Gruppe im späteren Hintergrundgespräch im Festivalzentrum erzählt. Bei der Aufführung in Nenzing waren leider unter den vielen Erwachsenen nur sehr, sehr wenige Kinder.

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© Bild: Guy Perrenoud

Vater/Bruder und ein Vielfach-Kömödianten-Talent

Der Vater ist der, der wenig Halt im Leben hat (Frau und Mutter ist „gegangen“, wie sich später herausstellt, tot), wirkt hilflos und fast chaotisch gegenüber der starken, selbstbewussten Tochter angesichts ihres Ordnungswahns. Christoff Raphaël Mortagne spielt sowohl diesen, als auch dessen Bruder und damit den Onkel des Mädchens Ruth, eigentlich die zweite Seite in der Seele des Vaters, den verständnisvollen, der auf Ruth eingeht, mit dem sie lachen, aber auch mal schweigen kann. In sämtliche anderen Rollen, die in Erscheinung treten, schlüpft Arthur Baratta und erweist sich als unheimlich wandlungsfähig. Er bringt mit seinem Spiel immer wieder einen kräftigen Schuss Humor in die doch ernste Geschichte. Und da ist noch und gar nicht zuletzt, sondern recht zentral ein unsichtbarer Hund namens „Regen“. Der ist nicht etwa eingebildet, sondern ganz real und wird es durch das Spiel der Gruppe auch. Der Vater hat ihn in einem heftigen Regen – weshalb er auch so genannt wird - gefunden, nimmt ihn mit und macht damit seiner Tochter die wohl größte Freude.

Bei einem sehr heftigen Unwetter hat er ihn allerdings unvorsichtigerweise und noch dazu ohne Halsband vor die Tür gelassen. Weg. Verschwunden. Und immer, immer und nochmals und wieder die Frage der Tochter: „Warum hast du ihn bei diesem Unwetter rausgelassen, noch dazu ohne Halsband?“, „Warum ....“

Suche – Finden – und...

Verzweifelte Suche in allen Tierheimen. Diese Passage gerät ein wenig langatmig wirkt. Aber das Publikum, so die Regisseurin im späteren ausführlichen Hintergrundgespräch, sollte auch mit Ruth mitfühlen und -spüren, wie sie diese Abwesenheit von „Regen“ spürt, aushalten und weiterkämpfen muss. Endlich ist der Hund gefunden, doch dessen eingesetzter Chip besagt, dass er Olivia heißt und jemandem anderen gehört.

Für die so strukturierte Ruth ist es nun wichtiger, die wirklichen Besitzer_innen zu finden, als das Lebewesen, das ihr am nächsten ist, zu behalten... Eine Größe – aus ihrer Persönlichkeitsstruktur heraus.

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© Bild: Guy Perrenoud

Infos: Die wahre Geschichte von Regen und Sturm

Théâtre de la Grenouille / Schweiz
Nach dem Kinderroman „Rain Reign“ von Ann M. Martin
Ab 8 J.

Spiel: Arthur Baratta, Clea Eden, Christoff Raphaël Mortagne
Inszenierung & Adaption: Charlotte Huldi
Ausstattung: Verena Lafargue Rimann
Musik: Jonas Kocher.

www.theatredelagrenouille.ch

https://www.luagalosna.at/

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