Starkes Übergewicht: Darm und Gehirn spielen enger zusammen als bisher gedacht.

© Getty Images/iStockphoto/simarik/istockphoto.com

Gesund
08/14/2019

Wie fettes Essen das Gehirn austrickst

Ein Darmhormon kann im Gehirn das Sättigungsgefühl blockieren. Und wie nur 300 Kalorien weniger täglich das Leben verlängern.

von Ernst Mauritz

„Die Erkenntnisse dieser Studie gehen weiter als viele bisherige“, sagt Christoph Steininger von der  MedUni Wien: US-Forscher kamen einem Mechanismus auf die Spur, warum eine fettreiche Kost zu Fettleibigkeit führt – und das hat mit mehr zu tun als nur der reinen Kalorienmenge.

Dabei kommt die sogenannte „Darm-Hirn-Achse“ ins Spiel: Die fettreich ernährten Mäuse produzierten im Darm erhöhte Mengen eines Hormons (GIP), das eine Rolle im Stoffwechsel spielt.Dieses übermäßig produzierte Hormon gelangte bei den fettreich ernährten Mäusen über das Blut verstärkt ins Gehirn – und hatte dort eine unerwartete Wirkung:

Es blockierte das Sättigungshormon Leptin.  Dadurch konnte es nicht mehr das  Signal aussenden, dass genug gegessen wurde – das Gefühl der Sättigung tritt nicht ein. Leptin wird vom Fettgewebe produziert. Schon bisher wusste man, dass bei stark Übergewichtigen der Körper nicht mehr auf die Sättigungssignale des Leptin reagiert – und diese oft weiteressen, obwohl sie eigentlich schon gesättigt sein sollten.

„Wir wussten aber bisher nicht, was bei einer fettreichen Ernährung zu dieser Leptinresistenz (also der Unwirksamkeit von Leptin, Anm.) führt“, sagt Studienleiter Makoto Fukuda (Baylor College of Medicine in Houston, Texas). Nach mehreren Jahren Forschung hätten sie den Zusammenhang zwischen dem Darmhormon und Leptin herausgefunden.

Die Forscher konnten bei den Mäusen dieses Zusammenspiel des Darmhormons und des Sättigungshormons unterbinden, das Leptin konnte wieder  ein Sättigungsgefühl vermitteln: das Gewicht der übergewichtigen Mäuse ging trotz ihrer kalorienreichen Kost zurück – sie waren früher satt und aßen weniger.

Beweise fehlen oft

In den vergangenen Jahren sind zahlreiche Studien erschienen, die einen Zusammenhang zwischen Darm und Hirn andeuteten: Die Zusammensetzung der Darmflora soll demnach einen Einfluss auf die Gehirnleistung ebenso haben wie  auf die Psyche.  „Doch viele Erkenntnisse sind bisher nur Assoziationen“, sagt Steininger. Auf der einen Seite sieht man gewisse Muster im Mikrobiom des Darms, also aller Mikroorganismen, die ihn besiedeln. Und auf der anderen Seite zeigen sich bei Menschen mit solchen speziellen Mustern vermehrt bestimmte Symptome – etwa eine Häufung verschiedener Krankheitsbilder.

„Aber ein eindeutiger Zusammenhang ist nicht belegt – und auch die Mechanismen sind weitgehend unbekannt“, sagt Steininger. Er ist Präsident der  „Austrian Microbiome Initiative“. Diese will „die vielen renommierten Mikrobiom-Forscher in Österreich zusammenbringen“ – und so neue Erkenntnisse gewinnen.

Übrigens: Eine Forschungsgruppe der MedUni Wien konnte erst vor kurzem entschlüsseln, wie das Sättigungshormon Leptin die Fettproduktion in der Leber reduziert. Ein Ansatzpunkt für künftige Therapien von Menschen mit starkem Übergewicht und einer Fettleber könnte vielleicht einmal die direkte Gabe von Leptin in das Gehirn sein – etwas mit einem Nasenspray. Damit könnte das Ansprechen des Gehirns auf das Sättigungshormon  wiederhergestellt oder zumindest verbessert werden.

Nur ein Bier macht den Unterschied

Wer jetzt völlig unabhängig von diesen Studien seine Kilos reduzieren will und dabei Geduld hat, muss offenbar auf deutlich weniger verzichten, als viele befürchten. Egal ob Buttersemmel oder  Feierabendbier: Wer täglich lediglich 300 Kilokalorien von seinem Speiseplan streicht, stärkt sein Herzkreislaufsystem und reduziert sein Risiko für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall. Das zeigt eine Studie der US-amerikanischen Duke University.

Für die Untersuchung wurden 218 Probanden in zwei Gruppen geteilt. Die erste Gruppe ernährte sich weiterhin so wie bisher, während die zweite Gruppe die tägliche Kalorienzufuhr um 25 Prozent reduzieren sollte. Alle Studienteilnehmer hatten einen Body-Mass-Index zwischen 22 und 27,9, waren also weder Über- noch Untergewichtig. Der Untersuchungszeitraum zog sich über zwei Jahre hinweg und die Forscher versuchten dabei die Diätgruppe zu unterstützen. Beispielsweise halfen Ernährungsexperten bei der Zusammenstellung der Mahlzeiten. Trotzdem konnten die Studienteilnehmer ihre Kalorienzufuhr nur um rund 12 Prozent, und nicht auf die vorgesehenen 25 Prozent zurückschrauben. Durchschnittlichlag das tägliche Minus bei 300 Kalorien.

Trotz der Verfehlung des ursprünglich gesetzten Ziels, profitierte die Diätgruppe von der Ernährungsumstellung. Und zwar in einem deutlich höheren Ausmaß als zuvor angenommen, wie Studienleiter Professor William Kraus  im Fachblatt The Lancet - Diabetes & Endocrinology schrieb. "Wir waren nicht überrascht, dass es Änderungen gab, aber die Größenordnung war ziemlich erstaunlich."

Neben einer Gewichtsreduktion von im Schnitt sieben Kilogramm hatte die Diätgruppe alle ihre gemessenen Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Krankheiten – darunter Blutdruck, Blutfette (LDL-Cholesterin) und ein Entzündungsbotenstoff – deutlich gesenkt. Zudem regierte der Organismus der Betroffenen wieder besser auf das Hormon Insulin – dieses reguliert den Blutzuckerspiegel. Reagieren die Zellen nicht mehr ausreichend auf Insulin, kann Diabetes entstehen. Es gebe keine fünf Medikamente, die in Kombination diese Verbesserungen nach sich ziehen könnten, wird der Studienleiter William Kraus in der New York Times zitiert.

Das Problem der versteckten Kalorien

Die Kardiologin Andrea Podczeck-Schweighofer  sieht sich in den Ergebnissen bestätigt: "Die Studie zeigt, dass eine Ernährungsumstellung auch bei gesunden normalgewichtigen Personen sehr viel bewirken kann.‘"

Kalorien seien aber nicht gleich Kalorien. "Man sollte vor allem sogenannte sinnlose Kalorien einsparen, wie jene in gesüßten Getränken wie Cola oder Eistee", empfiehlt die Kardiologin. "Viele Menschen glauben, sich mit gesüßten Tees oder Fruchtsäften etwas Gutes zu tun. Was ein vollkommener Blödsinn ist. Denn darin sind wahnsinnig viele extrem schlechte Kalorien, sprich Zucker enthalten." Eine kleine Flasche Eistee würde schon fast 200 Kalorien, zum Großteil aus Zucker, enthalten. Nur durch das Weglassen dieser Getränke könnte man seiner Gesundheit einen großen Gefallen tun. Nebenbei hätte man die 300 Kalorien schnell eingespart.

"Leider trinken schon die Jüngsten diese Getränke und werden so auf den künstlich süßen Geschmack geprägt", weiß Podczeck-Schweighofer. Viele ihrer jungen Patienten würden Soft Drinks und Limonaden nebenbei konsumieren wie Wasser. "Im Schwimmbad beobachte ich immer wieder das Trinkverhalten von Kindern. Diese holen sich vom Badbuffet ausschließlich solche Getränke." Eltern sollten ihren Kindern den Konsum von reinem Leistungswasser von Anfang vorleben.

Mehr pflanzliche, weniger tierische Nahrungsmittel

Auch die Ernährungswissenschaftlerin Eva Unterberger ist der Meinung, dass es gerade in Bezug auf die Herzgesundheit nicht egal ist "ob die aufgenommenen Kalorien aus einem Schnitzel oder aus Walnüssen stammen." Walnüsse beispielsweise würden eine ganz spezielle mehrfach ungesättigte Fettsäure sowie Magnesiumliefern. Beides wirke herzschützend. "Neueste Erkenntnisse zeigen auch, dass ein pflanzenbetonter Essalltag eine Darmflora fördert, in der sich vermehrt gute Bakterien im Darm ansiedeln", erzählt Unterberger. Diese guten Darmbakterien würden kurzkettige Fettsäuren produzieren. "Diese helfen, einen erhöhten Cholesterinspiegel ins Lot zu bringen." Eine traditionell "westliche" Ernährung mit viel Fleisch, Zucker und Alkohol, "füttere" allerdings eine Darmflora, die aus der Nahrung mehr Energie heraushole. Das begünstige letztlich Übergewicht und schade damit dem Herzen.

Um seine Kalorienzufuhr dauerhaft zu reduzieren rät die Ernährungswissenschaftlerin zu einer Ernährung nach dem "Gesunde-Teller-Modell" der Harvard Medical School. "Die Hälfte des Tellers mit Gemüse füllen, ein Viertel des Tellers ist reserviert für Stärkebeilagen wie Brot, Reis, Nudeln oder Getreideflocken, am besten in der Vollkornvariante, und das letzte Viertel stammt von eiweißreichen Lebensmitteln wie Linsen, Kichererbsen, Fisch, Huhn oder Nüssen."