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Leben
04/18/2019

Orthorexie: Wenn gesundes Essen krank macht

Autor Nils Binnberg wollte gesund essen – und geriet dabei in eine Essstörung.

von Elisabeth Mittendorfer

Kein Zucker, kein Weizen, keine verarbeiteten Lebensmittel – was gemeinhin als gesunde Ernährung gilt, war für Nils Binnberg der Einstieg in eine Essstörung.

Sukzessive strich der deutsche Journalist und Autor immer mehr Nahrungsmittel von seinem Speiseplan und folgte irgendwann bis zu 20 Ernährungslehren gleichzeitig. Bis er immer kränker wurde und erkannte, süchtig danach zu sein, gesund zu essen. In seinem autobiografischen Sachbuch „Ich habe es satt: Wie uns Ernährungsgurus krank machen“ geht er den Ursachen für seine Orthorexie – wie diese Erkrankung genannt wird – auf den Grund und demaskiert verbreitete Ernährungsmythen.

KURIER: Die drei meistverkauften Bestseller der Kategorie "Hardcover Ratgeber" in Österreich im März haben Ernährung zum Thema. Warum sind solche Bücher erfolgreich?

Nils Binnberg: Ich kann es nur mutmaßen: Ratgeber stellen komplexe Sachverhalte sehr vereinfacht dar. In keiner anderen Wissenschaft gibt es in kürzester Zeit derart widersprüchliche Ergebnisse wie in der Ernährungswissenschaft. Die Ratgeberliteratur bietet einfache Lösungen. Indem es beispielsweise heißt, man soll auf kohlenhydratreiche Lebensmittel verzichten, um abzunehmen. Im Grunde werden da moderne Märchen erzählt.

Warum ist unsere Beziehung zum Essen so kompliziert?

In einem großen Supermarkt gibt es heute durchschnittlich 170.000 Lebensmittelprodukte. Gleichzeitig haben sich unsere Ernährungsabläufe verändert. Früher haben uns Rituale und Traditionen durch das Ernährungsangebot geführt.

Zum Beispiel, indem man sich an fixe Essenszeiten gehalten hat. Heute essen wir häufig nebenbei oder vor dem Computer. Ernährungslehren bieten uns eine Orientierung, was das Überangebot betrifft, genau wie die neuen Essensstrukturen.

Nach welchen Kriterien haben Sie auf Lebensmittel verzichtet?

Die Lehren, denen ich Glauben geschenkt und die ich parallel exerziert habe, reichten von Low Carb bis hin zu Paleo und glutenfrei. Es musste alles bio sein, zwischenzeitlich habe ich auch Intervallfasten betrieben.

Wann haben Sie Ihr problematisches Essverhalten gemerkt?

Als ich in einem Artikel der New York Times zufällig über den Begriff der Orthorexie gestolpert bin. Er beschreibt eine krankhafte Fixierung auf gesunde Ernährung. Ich habe mich darin wiedererkannt und das erste Mal gesehen, in welchen Tsunami der Ernährungslehren ich geraten war.

Wie konnte das passieren?

Eskaliert ist das in einer Phase meines Lebens, in der ich mit meinem Essverhalten andere Probleme lösen wollte. Das ist mir erst später klar geworden. Generell geht es bei Essstörungen nicht um Essen oder den Körper, sondern es handelt sich um eine psychische Erkrankung.

"In Ernährungsratgebern werden im Grunde moderne Märchen erzählt."

Nils Binnberg

Wie hängen Essen und Identität zusammen?

Ernährung ist zu einer Art Ersatzreligion geworden. Wenn man Paleo-Jünger oder Veganer ist, fühlt man sich bestimmten Gruppen zugehörig. Das ist ähnlich wie bei religiösen Nahrungstabus – und auch ähnlich fundamentalistisch. Durch unser Essverhalten grenzen wir uns von anderen ab.

Wie hat sich das gezeigt?

Laut Psychologen verbirgt sich hinter der Orthorexie neben dem Wunsch, schlank zu sein, auch einer nach Anerkennung. Durch mein Essverhalten habe ich mich gegenüber Menschen, die sich unbefangen ernähren, überlegen gefühlt. Zum Beispiel, wenn ich an der Supermarktkasse Bio-Produkte aufs Band gelegt habe und vor mir jemand mit einer Fertigpizza stand.

Wie hat sich der Zwang, gesund zu essen, auf Ihr Sozialleben ausgewirkt?

Man wird im ursprünglichen Wortsinn asozial und verliert an Lebensqualität. Man ist einfach nicht mehr kompatibel mit dem, was uns als Mensch ausmacht: mit anderen an einem Tisch sitzen. Beim Essen geht es auch um soziale Kontakte und den Austausch.

Welche Rolle spielen Diäten bei Essstörungen?

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass sie ein Einstieg sein können. Auf Anraten eines Sportmediziners hatte ich angefangen, mich Low Carb zu ernähren, also weitestgehend die Kohlenhydrate von meinem Speiseplan zu streichen. Danach ging der Parcours durch die Ernährungslehren los. Nicht bei jedem Menschen führt eine Diät zu einer Essstörung. Aber in vielen Fällen kann sei ein Auslöser sein.

Wie sollen Menschen vorgehen, die abnehmen wollen?

Abnehmen und das Gewicht halten, ist eine Lebensaufgabe. Das muss man den Menschen ehrlich sagen. Trend-Diäten suggerieren, dass man danach dauerhaft schlank bleibt. Dabei wissen wir heute, dass der Mensch einen Setpoint hat, also ein natürlich gewolltes biologisches Gewicht, zu dem er immer wieder zurückwill. Dieser schützt den Körper davor, auszuhungern, aber auch davor, dick zu werden.

Bei einer Diät verschiebt man diesen Setpoint, der Grundumsatz wird runtergefahren. Isst man dann wieder wie gewohnt, nimmt man zu. Das ist der sogenannte Jo-Jo-Effekt. Um ihn zu vermeiden, kann man beispielsweise ein Ernährungstagebuch führen und die Kalorienzufuhr so kontrollieren.

Wie schmal ist der Grat zwischen bewusst und zwanghaft?

Orthorexie ist eine psychische Störung, für die man eine Veranlagung haben muss. Gleichzeitig ist es bezeichnend, dass ich so viele Jahre unentdeckt mit dieser Störung durchs Leben gekommen bin. Weil wir in einem Klima leben, in dem wir sehr misstrauisch, fast schon hysterisch und panisch, mit unserem Essen umgehen.

Woran machen Sie das fest?

In Städten wie Berlin wird man heute in Restaurants nach einer Unverträglichkeit gefragt. Beim Abendessen mit Freunden erläutert jeder seine Essensphilosophie, Verdauungsprozesse und Darmbakterien. Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem wir das Gefühl haben, wir können durch Ernährung unsere Gesundheit kontrollieren.

Können wir nicht?

Wir müssen aufhören zu behaupten, dass bestimmte Lebensmittel das Leben verlängern oder verkürzen. Denn wissenschaftlich ist das gar nicht erwiesen. Ernährungsstudien basieren auf Beobachtung.

Wenn man mehr von einem Nährstoff zu sich nimmt, aber einen anderen weglässt und dabei einen Effekt beobachtet, weiß man eben noch nicht, wo dieser herrührt. Hinzu kommt der Einfluss unseres sonstigen Lebensstils. Was wir aber wissen, ist, dass Menschen Allesfresser sind. Wer ein gesundes Verhältnis zu sich selbst und Essen hat, kann im Grunde alles essen. Frei nach Paracelsus gilt: die Dosis macht das Gift.

Essstörungen

Zahlen und Fakten

Laut Gesundheitsministerium sind in Österreich 200.000 Menschen  zumindest einmal in ihrem Leben an einer Essstörung erkrankt. Großteils sind die Betroffenen weiblich,  doch auch die Zahl der betroffenen Männer ist im Steigen.

Dunkelziffer

Orthorexie ist keine offiziell anerkannte Krankheit. Laut Experten ist die Dunkelziffer besonders hoch, weil gesunde Ernährung sozial anerkannt ist. Ähnlich wie bei der Anorexie oder Bulimie sind der zwanghafte Charakter und eine zunehmende soziale Isolierung typisch.

Nils Binnberg: "Ich habe es satt! Wie uns Ernährungsgurus krank machen" Suhrkamp, 173 Seiten, 13,40 €