Sara Schätzl will Bewusstsein wecken. "Wir bringen uns um den Genuss"

© APA/EPA/HERBERT PFARRHOFER

Interview
02/05/2015

"Wir haben verlernt, normal zu essen"

Zwölf Jahre lang hielt Sara Schätzl ihre Essstörung geheim. Jetzt schrieb sie ein Buch über ihr Leben mit der Bulimie.

von Julia Pfligl

Es fällt ihr sichtlich schwer, über ihre Krankheit zu sprechen – doch Sara Schätzl (27), bekannt geworden als Münchner It-Girl, möchte anderen Mut machen. Im Interview erzählt sie von ihrem neuen Buch "Hungriges Herz" und wie ihr Sohn Louis (3) dabei geholfen hat, wieder gesund zu werden.

KURIER: Sie sind mit 14 Jahren an Bulimie erkrankt. Wie hat das begonnen?

Sara Schätzl: Ich war immer eines dieser Mädchen, die sich selber nie genug waren. Ich hatte nie viele Freunde, war schüchtern und zurückhaltend. Ich kann mich an keinen Tag erinnern, an dem ich in der Früh aufgewacht bin und mir gedacht habe: Du bist toll, so, wie du bist. Mir fehlte es einfach an Selbstliebe. Deswegen habe ich mit zehn meine ersten Diäten gemacht. Mit 13 habe ich eine Zeit lang nur Shakes getrunken. Durch die Mangelernährung hatte ich bald meinen ersten Fressanfall. Danach fand ich mich so eklig, dass ich mich zum ersten Mal übergeben habe.

Gerade Smoothie-Diäten sind jetzt sehr im Trend ...

Schlimm ist das. Die bestehen ja nur aus Obst. Dein Körper braucht aber auch Ballaststoffe usw., um verdauen zu können. Der Fruchtzucker jagt deinen Blutzuckerspiegel in die Höhe. Dann fällst du wieder in ein tiefes Loch und der nächste Fressanfall ist vorprogrammiert. Wir müssen wieder lernen, normal zu essen. Alles ist To-Go, in irgendwelchen Plastikbechern. Bei jedem Bäcker wird dir der Geruch von Semmeln um die Ohren geblasen. Heute sitzt man vielleicht drei Minuten beim Essen, sieht nebenbei fern oder telefoniert. Da bekommt man ja gar nicht mit, dass man Nahrung zu sich genommen hat. Die Essstörung beginnt dann, wenn Essen zur Obsession wird – wenn ich Angst habe vor Kohlenhydraten und mich mit knurrendem Magen durch die Gegend schleppe, weil ich gerade irgendeine Saftkur mache.

Für junge Frauen ist es oft schwierig, die Grenze zwischen gesundem Abnehmen und Magern zu ziehen.

Es geht darum, so zu essen, dass man gut und fröhlich durch den Tag kommt - das ist dann dein Wohlfühlgewicht. Jeder ist ein anderer Körpertyp. Ich könnte mir fünf Rippen rausnehmen lassen und würde immer noch nicht aussehen wie ein Laufstegmodel. Ich habe eben Kurven – und Frauen dürfen das auch haben! Wann haben wir denn beschlossen, dass Frauen aussehen müssen wie zwölfjährige Jungs? Es ist seltsam, dass wir uns groß Emanzipation auf die Fahnen schreiben – aber nur, was die Karriere betrifft. Warum können wir nicht einfach aufstehen und sagen: Weißt du was, wenn du mich mit Größe 40 nicht willst, kannst du mich mal.

Wie haben Sie es geschafft, die Krankheit zwölf Jahre lang geheim zu halten?

Man wird da ganz ausgefuchst. Mittags habe ich immer ordentlich zugelangt. Dann bin ich in mein Zimmer und hab zwei Tafeln Schokolade nachgelegt. Die leeren Papiere habe ich versteckt und morgens, auf dem Schulweg, in eine fremde Mülltonne geworfen. Nach ein paar Jahren Bulimie kannst du dich sehr schnell und geräuschlos auf der Toilette übergeben, ohne dass das jemand merkt.

Sie bezeichnen die Krankheit als "Freundin". Können Sie diese Beziehung beschreiben?

Das ist eine Co-Abhängigkeit, dein Ersatz für alles. Es beruhigt dich, gibt dir eine Aufgabe, lässt dich traurige Gefühle für kurze Zeit vergessen. Die Bulimie ist dein einziger Freund und verdrängt nach und nach die wichtigsten Menschen aus deinem Leben. Dann hast nur noch dich und die Krankheit und denkst gar nicht daran, sie loszuwerden.

Sie haben die Bulimie dennoch überwunden.

Am Anfang aber nicht für mich, sondern nur für meinen Sohn. Als er eineinhalb war, wurde ich mit Verdacht auf Herzinfarkt ins Krankenhaus eingeliefert. Dort hat man mir gesagt, wenn das noch einmal passiert, kann es sein, dass man mir das Sorgerecht entzieht. Dann habe ich eine Therapie begonnen. Mein Sohn hat mir das Leben gerettet.

Sie waren 24, als Sie schwanger wurden. Haben Sie sich in der Schwangerschaft auch übergeben?

Tatsächlich war das die einzige Zeit, in der ich nicht bulimisch war. Aber nur, weil das nicht mein Körper war, sondern seiner. Und meinem Baby hätte ich nie weh tun können.

Sie leben mit Ihrem Sohn in L.A., sind auch auf vielen Promi-Partys unterwegs. Fällt es Ihnen da schwer, nicht wieder rückfällig zu werden?

L.A. ist eine Stadt, wo Körperlichkeit sehr wichtig ist. Es gibt einen wahren Fitnesskult, man achtet sehr auf Ernährung und Sport. Ich kaufe meine Lebensmittel auf dem Biomarkt, koche jeden Tag frisch mit meinem Sohn. Es war meine Entscheidung, konsequent zu sein, und wenn man das wirklich durchziehen will, bekommt man in L.A. jede Unterstützung. Ich kann nicht sagen, was die Zukunft bringt. Aber ich weiß, ich liebe mich und meinen Körper heute zu sehr, um ihn weiterhin zu misshandeln.

Was haben Sie aus der Therapie mitgenommen?

Dass man lernen kann, sich selbst zu mögen. Das ist auch meine wichtigste Botschaft: Ich habe kein Buch nur über Bulimie geschrieben, sondern über jemanden, der sich selbst nicht lieben konnte. Mein Appell an junge Frauen, die mit ihrem Körper hadern: Fragt euch, was euch definiert. Bist du ein guter Mensch – ehrlich, mitfühlend, interessiert an deinen Mitmenschen? Dann ist es scheißegal, welche Kleidergröße du hast.

Zehn Mal mehr Betroffene als vor 20 Jahren

200.000 Österreicher waren laut Gesundheitsministerium zumindest einmal in ihrem Leben an einer Essstörung erkrankt. Betroffen sind vor allem sehr junge Menschen, 90 bis 97 Prozent sind Mädchen bzw. junge Frauen. Innerhalb von 20 Jahren hat sich diese mehr als verzehnfacht. Die Dunkelziffer dürfte noch viel höher sein.

Die extreme Zunahme zeigte sich bei den Aufzeichnungen (Österreichischer Frauengesundheitsbericht und Statistik Austria) über die Spitalsaufenthalte aufgrund von Essstörungen. Diese stellt jedoch nur die Spitze des Eisberges dar, da sie nur die wirklich schwer Erkrankten widerspiegelt. Im Jahr 1989 wurden 269 Personen registriert. Bereits damals betrafen 89 Prozent der Aufenthalte Frauen. Elf Jahre später im Jahr 2000 waren es bereits 1.471 Spitalsaufenthalte. Im Jahr 2008 verzeichnete man schon 2.734 Spitalsaufenthalte aufgrund von Essstörungen.
Von allen 15- bis 20-jährigen Mädchen in Österreich leiden 2.500 an einer Magersucht, über 5.000 an einer subklinischen Essstörung, also an einer leichteren Verlaufsform. Unter 20- bis 30-jährigen Frauen findet man mindestens 6.500 mit Bulimie. In Wien besteht für mehr als 2.000 Mädchen und rund 100 Burschen ein akutes Risiko, an Magersucht oder Bulimie zu erkranken.

Vor allem junge Frauen, Burschen sind - noch - Ausnahme

Während meist Mädchen und junge Frauen unter dieser Krankheit leiden, stellt laut Österreichischem Frauengesundheitsbericht die Betroffenheit bei Burschen und Männern noch eine Ausnahme dar. Bei Frauen sei der sichtbare körperliche sowie der endokrinologische, physiologische Übergang vom Mädchen- in das Erwachsenenalter transparenter, spürbarer, prägnanter und erfordert daher mehr psychische Anpassungsleistung als bei Burschen, heißt es in dem Bericht zu einer möglichen Begründung.
Die Betroffenheit von Essstörungen bei Mädchen beginnt laut Frauengesundheitsbericht ab elf Jahren, steigt kontinuierlich an und hat ihren Höhepunkt mit 16 Jahren. Je länger die Erkrankung andauert, umso schlechter sei laut Bericht die Prognose.

Die Liste der Folgen von Essstörungen ist lang und beunruhigend: Den Betroffenen ist ständig kalt (Untertemperatur), sie haben niedrigen Blutdruck oder Amenorrhoen (Ausbleiben der Menstruation). Im schlimmsten Fall kann das zur Infertilität führen. Die Patienten haben zudem ein erhöhtes Risiko des Knochenabbaus (Osteoporose), verbunden mit einer verstärkten Neigung zu Knochenbrüchen. Durch das ständige Erbrechen ist der Elektrolythaushalt gestört, die Speiseröhre erhält Risse und es kommt zu Zahnproblemen wie Karies.

Besonders erschreckend ist, dass die Krankheit bereits früh beginnt. Immer mehr Kleinkinder leiden unter massiven Essstörungen. Etwa an der Universitätsklinik in Graz werden jährlich mehr als 120 Kleinkinder ambulant mit mittleren bis schweren Essverhaltens- und Fütterungsstörungen behandelt, wie im Frauengesundheitsbericht ausgeführt wird. 285 Kinder werden mit lebensbedrohlichen Essstörungen stationär behandelt.

In Österreich gibt es laut Frauengesundheitsbericht 2010/11 unter dem Begriff Essstörungen mehrere Formen: Anorexia nervosa (Magersucht), Bulimia nervosa (Ess-Brech-Sucht), Binge Eating Disorder (Störung mit Essanfällen), Adipositas (Fettsucht), Reaktive Fettsucht (Gewichtszunahme nach traumatischen Erlebnissen) und Orthorexia Nervosa (krankhaftes Gesundessen).

Hilfe finden Betroffene etwa bei der Essstörungshotline.

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