Impfungen konnten als Ursache für Multipler Sklerose ausgeschlossen werden

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Gesund
08/07/2019

Multiple Sklerose: Impfungen als Risikofaktor ausgeschlossen

Laut Studie der TU München, kann ein Zusammenhang zwischen Impfungen und der Autoimmunerkrankung ausgeschlossen werden.

Laut einer Studie der Technischen Universität München, kann ein Zusammenhang zwischen Impfungen und dem Ausbruch der neurologischen Autoimmunerkrankung Multiple Sklerose ausgeschlossen werden. Impfungen wurden immer wieder als Risikofaktor für das Auftreten von MS diskutiert. Die nun ausgewerteten Datensätze widerlegen diese Vermutung aber eindeutig.

Daten von 200.000 Probanden

Für die Studie wurde das Impfverhalten von über 200.000 Personen untersucht. Unter den Probanden waren mehr als 12.000 MS-Patienten und –Patientinnen. Dabei konnte festgestellt werden, dass an MS erkrankte Personen in den letzten fünf Jahre vor ihrer Diagnose weniger Impfungen bekommen hatten, als die entsprechende gesunde Vergleichsgruppe. Besonders deutlich fiel der Effekt bei Impfungen gegen Hepatitis A und B, FSME und Grippe aus – die späteren MS-Erkrankten ließen sich gegen diese Krankheiten deutlich seltener impfen als die Kontrollgruppe.

Die Ursachen dafür sind laut dem Erstautor der Studie, Alexander Hapfelmeier, noch nicht bekannt. "Vielleicht nehmen Menschen lange vor ihrer Diagnose die Krankheit wahr und verzichten deshalb auf zusätzliche Belastungen für das Immunsystem", vermutet er. Anderseits könnten die Impfungen möglicherweise einen schützenden Effekt haben und das Immunsystem von Attacken gegen das Nervensystem abhalten. Wichtig sei allerdings, dass "wir aufgrund der großen Datenmenge klar sagen können, dass es keinen Hinweis darauf gibt, dass sich die Wahrscheinlichkeit für eine MS-Erkrankung oder das Auftreten eines ersten MS-Schubs durch Impfungen unmittelbar erhöht", so Hapfelmeier weiter.

Der Effekt zeigt sich nur bei MS-Erkrankten

Um die niedrige Impfmoral als grundsätzlichen Nebeneffekt von chronischen Krankheiten ausschließen zu können, werteten die Forscher die Daten von an Morbus Crohn und Schuppenflechte erkrankten Menschen ebenfalls aus. Diese Patientinnen und Patienten ließen sich aber ähnlich oft impfen wie die gesunde Kontrollgruppe.

Laut Studienautor Prof. Bernhard Hemmer, Direktor der Neurologischen Klinik am TUM-Universitätsklinikum, sind „die Ergebnisse deshalb nicht allein auf eine chronische Krankheit zurückzuführen, sondern ein MS-spezifisches Verhalten“. Laut anderen Studien wisse man, dass MS-Erkrankte lange vor Diagnose in ihrem Verhalten und ihrer Krankengeschichte auffällig seien. "Sie leiden beispielsweise häufiger an psychischen Erkrankungen und bekommen seltener Kinder", so Hemmer. All das mache deutlich, dass MS schon lange vor den neurologischen Symptomen da ist.

Patienten nicht stigmatisieren

Voll hinter der Erkenntnis, dass Impfungen keine Ursache für eine Erkrankung sind, steht der österreichische MS-Experte Prof. Thomas Berger. "Seit über 15 Jahren ist es der Stand der Forschung, dass Impfungen MS weder auslösen, noch Schübe verstärken", so der Arzt. Erkenntnisse, wie jene der aktuellen Untersuchung, seien dennoch sehr wichtig, um Verschwörungstheorien vorzubeugen. "Durch das Nichtimpfen werden Patienten einem enormen Risiko ausgesetzt", erklärt Berger. Besonders empfohlene Impfungen laut Österreichischem Impfplan seien unverzichtbar. "Beispielsweise sterben weltweit jährlich mehr als eine Million Menschen an Hepatitis, an Multiple Sklerose stirbt jedoch niemand." Deshalb müssen solche wichtigen Impfungen in jedem Fall durchgeführt werden. "Wir empfehlen allen unseren Patienten notwendige Impfungen wahrzunehmen", erläutert er. Studien wie diese würden dazu beitragen, dass diese Empfehlungen auf fruchtbaren Boden fallen.

Eher skeptisch sieht er die restlichen Aussagen der Studie. "Schlussfolgerungen auf die Entstehung der MS aus der niedrigeren Impfquote bei MS-Patienten zu ziehen sind reine Spekulation", äußert sich der Experte kritisch. "Aus einer Studie über das Impfverhalten herauszulesen, warum sich Personen nicht impfen lassen, zeugt von einer gewissen sehr esoterischen Herangehensweise." Noch erstaunlicherer findet Berger, die Behauptung MS-Erkrankte seien schon lange vor ihrer Diagnose auffällig. "Das widerspricht allen bisherigen." Es gebe sehr große und gut dokumentierte Patientengruppen in Österreich. "Man hat nicht das Gefühl und es gibt keine Bestätigung, dass Personen die später an MS erkranken, eine bestimmte Krankengeschichte oder Persönlichkeit aufweisen." In der Regel seien seine Patienten vor der Diagnose kerngesunde Leute ohne jegliche Auffälligkeiten, so Berger. Es sei zudem gefährlich mit derartigen reinen Assoziationen Patienten zu stigmatisieren. "Das würde ja heißen, dass jede Person mit einer Verhaltensauffälligkeit oder Depression sofort zur MS-Abklärung geschickt werden müsste."

Hintergrund zu Multiple Sklerose

Multiple Sklerose ist die häufigste entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems bei jungen Menschen bis zum 40. Lebensjahr. Bei der Autoimmunkrankheit werden Strukturen des zentralen Nervensystems angegriffen und zerstört. In fast 90 Prozent der Fälle beginnt die Krankheit akut mit einem starken Schub und verläuft anschließend schubförmig weiter. Von dieser Form von MS sind Frauen zwei- bis dreimal so häufig betroffen wie Männer. Die Ursachen sind bis heute ungeklärt. Als Risikofaktoren im Gespräch sind genetische Faktoren, durchgemachte Infektionen (z.B. mit Epstein-Barr-Virus), ein zu niedriger Vitamin-D-Spiegel, Zigarettenkonsum und auch Impfungen.

Besonders in der Öffentlichkeit hat die Darstellung der Krankheit in den letzten Jahren verändert. "Seit Weltstars wie Selma Blair, Politiker-Gattin Ann Romney oder Ozzy-Sohn Jack Osbourne ihre Diagnose publik machten, spricht man offener über die Autoimmunerkrankung", freut sich Kerstin Huber-Eibl von der Multiple Sklerose Gesellschaft Wien. Mittlerweile gibt es eigene Hashtags, wie #MyInvisibleMS und #sichtbarwerden, die die Krankheit und ihre Symptome in den Blickwinkel der Öffentlichkeit holen sollen. "Durch die sozialen Medien ist niemand mehr allein", zitiert Huber-Eibl eine junge Patientin.