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Wissen
09/26/2018

Impfmüdigkeit: "Gefährlicher als exotische Krankheitserreger"

Das verstärkte Auftreten durch Impfungen vermeidbarer Erkrankungen sei bedrohlicher als neue, exotische Krankheitserreger.

von Ernst Mauritz

Ein gelber Schutzanzug, Gummistiefel, Spezialbrille, Atemschutzmaske, Handschuhe: So versuchen Krankenpfleger und Ärzte sich bei der Betreuung von Ebolakranken vor einer Infektion zu schützen. Besonders während der bisher größten Epidemie 2014 in Westafrika sorgten derartige Bilder auch in Europa für Schrecken. In Spanien infizierte sich sogar eine Krankenschwester bei der Behandlung eines aus Afrika ausgeflogenen erkrankten spanischen Missionars.

„Wir sollten uns in Österreich aber viel weniger vor exotischen Krankheiten fürchten, als vor einem verstärkten Auftreten von bei uns bekannten Erkrankungen wie etwa Masern“, sagt der Infektionsspezialist, Reise- und Tropenmediziner Herwig Kollaritsch vom Zentrum für Reisemedizin in Wien.

Natürlich könne es vor allem bei durch Mücken übertragene Erreger immer zu neuen Entwicklungen kommen – heuer etwa war das in Teilen Europas beim West-Nil-Fieber der Fall: So gab es in der diesjährigen Saison bis 20. September in Europa bereits mehr als 1130 bestätigte Infektionen mit dem West-Nil-Virus (die Dunkelziffer dürfte weit höher sein), so die jüngsten Daten des Europäischen Zentrums für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) in Solna, Schweden. In Österreich wurden heuer laut AGES (Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit) 24 Fälle von Infektionen mit West-Nil-Virus bestätigt, davon 18 in Österreich erworbene. 115 Menschen starben heuer bereits in Europa nachweislich an den Folgen, die meisten davon in Italien (35), Serbien (29), Griechenland (28) und Rumänien (25). In Österreich kam es bisher noch zu keinem Todesfall.

„Infektionen mit dem West-Nil-Virus könnten in den kommenden Jahren noch häufiger in Europa werden“, sagt Kollaritsch. Auch bei anderen von Mücken übertragenen Erkrankungen gab es regionale Ausbrüche, etwa Dengue auf Madeira oder Chikungunya in Italien oder Frankreich. Gegen diese Erkrankungen gibt es noch keine allgemein einsetzbaren Impfstoffe. Trotzdem müsse man deshalb nicht in Panik verfallen: „Erstens beobachten das ECDC und die nationalen Gesundheitsbehörden die Lage genau. Und zweitens erlöschen bei uns im Winter die Ausbrüche spontan. Hoch entwickelte Gesundheitssysteme kriegen das in der Regel rasch unter Kontrolle.“

Was mehr Sorgen macht

Viel mehr Sorgen macht Kollaritsch „die Rückkehr von durch Impfungen vermeidbaren Erkrankungen“. Im ersten Halbjahr 2018 haben sich in der WHO-Region Europa (Europa und Teile Asiens) mehr als 41.000 Kinder und Erwachsene mit Masern infiziert, mindestens 37 Menschen sind an den Folgen gestorben. Auch in Österreich gab es im Vorjahr mit 95 registrierten Fällen einen neuen Höchstwert der vergangenen Jahre. „Damit ist Österreich dem Ziel der Masernelimination nicht nur nicht näher gekommen, sondern sogar zurückgeworfen worden“, sagt Thomas Szekeres, Präsident der Ärztekammer: „Das ist ein Alarmzeichen.“

Ein Grund für die heftige Rückkehr der Masern: Impfungen sind auch Opfer ihres eigenen Erfolges: „Sobald eine Krankheit – dank einer hohen Durchimpfungsrate – seltener auftritt, werden viele mit einzelnen Teil- und den Auffrischungsimpfungen schlampig“, sagt Kollaritsch. Auch bei Kindern wird etwa die zweite Teilimpfung gegen Masern-Mumps-Röteln seltener durchgeführt als die erste. Ein anderes Beispiel: die von Zecken übertragene FSME (Frühsommer-Meningoenzephalitis). „Hier ist die Impfrate zwar traditionell sehr gut, aber trotzdem nicht gut genug. Wir haben heuer bereits an die 120 registrierte Erkrankungen, davon vier Todesfälle. Mit einer Impfrate von 95 Prozent der Bevölkerung wäre es aber möglich, die Fallzahlen auf unter 30 pro Jahr zu drücken.“

Vergessen wird oft auch auf die regelmäßige Auffrischung der Diphtherie-Keuchhusten-Tetanus-Impfung. Sie wird zumindest alle zehn Jahre empfohlen. Die Folge: Die Zahl der Keuchhusten-Fälle in Österreich stieg in den vergangenen Jahren stark an.

Schlusslicht bei Influenza

Bei der Influenza gehört Österreich überhaupt zu den Schlusslichtern in Europa – in der vergangenen Saison lag die Durchimpfungsrate bei nur 6,4 Prozent. Zwar ist die Wirksamkeit gerade dieser Impfung deutlich schlechter als bei vielen anderen: „Aber sie ist trotzdem besser als ihr Ruf. In der vergangenen Saison gab es viele schwere Krankheitsverläufe mit einem B-Virusstamm. Und der war durch den Impfstoff sehr gut abgedeckt.“ Viele schwere Krankheitsverläufe und Todesfälle – auch bei Kindern – könnten durch eine höhere Impfrate vermieden werden. Kollaritsch betont: „Alle diese Impfungen machen keine nachhaltigen Impfschäden. Impfkomplikationen treten in einer Häufigkeit von eins zu einer Million Impfungen oder weniger auf. Dem stehen aber unzählige Erkrankungs- und auch Todesfälle gegenüber.“

Risiko-Nutzen-Abwägung

Impfempfehlungen werden vom unabhängigen Nationalen Impfgremium erarbeitet und jährlich aktualisiert. Hans Jürgen Dornbusch, Impfreferent der Ärztekammer: „Jede Impfung, die dieses Gremium empfiehlt, hat eine absolut sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung durchlaufen. Die Österreicherinnen und Österreicher können sich darauf verlassen, dass bei empfohlenen Impfungen eventuelle Risiken so verschwindend gering sind, dass sie in keinem Verhältnis zum Schaden stehen, den eine durch die Impfung verhinderbare Erkrankung verursacht.“

Für Kollaritsch gibt es zwei Punkte, wo man ansetzen müsste, um die Situation zu verbessern:„Es sollte finanzielle Anreizsysteme für durchgeführte Impfungen – etwa im Rahmen des Mutter-Kind-Passes – geben, sowie positive Imagekampagnen. Und Ärzte müssen ihre Vorbildfunktion stärker wahrnehmen und auf den positiven Nutzen von Impfungen verstärkt hinweisen.“

Der Impfspezialist abschließend: „Die Situation ist sehr betrüblich. Wir haben mit den Impfungen die besten Schutzmöglichkeiten gegen viele Infektionskrankheiten an der Hand – aber wenn wir sie nicht nützen, sind sie wirkungslos.“