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Genuss
02/08/2019

Die Beere boomt: Das Geschäft mit den Powerfrüchten

Die Verkaufszahlen von Beeren aller Art steigen: Aber sind sie geschmacklich und ökologisch derzeit die beste Entscheidung?

von Barbara Mader

Himbeeren in der Plastikschale, Seite an Seite mit Heidelbeeren und Brombeeren: Die Vitrine mit den Obstsnacks gehört seit Kurzem zur Standard-Ausstattung im Supermarkt. Und das, obwohl 2018 bei uns nur halb so viele Himbeeren wie im Jahr davor geerntet wurden. Aber die Beeren, die jetzt in den Kühlregalen liegen, kommen ohnehin meist aus Marokko, Spanien oder Chile.

„Wir führen Beeren mittlerweile fast das ganze Jahr über. Die Nachfrage ist riesig und ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen“, sagt Spar-Sprecherin Nicole Berkmann. Auch Hofer und Rewe bestätigen den Boom: Beeren wurden 2018 um 15 Prozent mehr als im Jahr davor verkauft.

Warum die Beeren zum Trend geworden sind? Nicht zuletzt aus praktischen Gründen: Büromenschen haben immer öfter das Bedürfnis, sich vernünftig zu ernähren. Salate, Shakes und Smoothies ersetzen zunehmend die Kantine. Beeren, die nicht geschält oder geschnitten werden müssen, sind besonders praktisch.

Vor allem aber gelten sie als „Superfood“. Himbeeren sind ein Lieferant für Vitamin B und C und enthalten reichlich Mineralstoffe: Kalzium für die Knochen, Magnesium für die Muskeln und Eisen für die Blutbildung. Schon eine kleine Schüssel deckt ein Viertel des Tagesbedarfs eines Erwachsenen an Vitamin C, sagt Ernährungswissenschafterin Eva Unterberger. Himbeeren sind zudem reich an Ballaststoffen, die den Darm in Schwung bringen.

Und dann ist da der rote Farbstoff: Den sogenannten Flavonoiden werden entzündungs- und krebshemmende Eigenschaften zugeschrieben. Menschen, die häufig Beeren essen, leiden seltener an bestimmten Krebs- und Herz-Kreislauf-Krankheiten. Ganzheitlich betrachtet, wenn man Umweltaspekte wie Verpackung und Transport einbezieht, empfiehlt Unterberger, Himbeeren nur dann zu essen, wenn sie Saison haben. Oder zu Tiefkühlbeeren zu greifen, die erntefrisch eingefroren werden.

Weit gereist

Abgesehen davon, dass bei weit gereisten und lange gelagerten Himbeeren viele wertvolle Inhaltsstoffe buchstäblich auf der Strecke bleiben, hat Obst mit langen Transportwegen einen verheerenden ökologischen Fußabdruck. Sebastian Theissig-Mathei, Landwirtschaftsexperte von Greenpeace, bringt zudem die oft bedenklichen Produktionsbedingungen ins Spiel. „Die gesetzlichen Rahmenbedingungen sind außerhalb der EU meist deutlich schlechter als bei uns.“ Der Greenpeace-Experte empfiehlt, regional, saisonal und bio zu kaufen. „Heimisches Obst hat kurze Transportwege und wird nicht klimaschädigend angeliefert.“

Auch Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger unterstützt diese Forderung, jedoch sei der politische Handlungsspielraum begrenzt: „Die Politik kann den Konsumenten nicht verbieten, Himbeeren aus dem Ausland zu kaufen. Wir können nur zu saisonalem Obst raten.“

Schmeckt wie früher

Manchmal trügt die Erinnerung daran, was früher alles besser war. Manchmal aber auch nicht. Der Geschmack der Kindheit, das waren jene intensiven Aromen, die man spürte, als man Obst noch dann aß, als es Saison hatte. Und zwar am besten selbstgepflückt. Das bestätigt auch Martin Freimüller, der in Floridsdorf unweit der alten Donau eine Brombeerplantage betreibt. Dort baut er die Sorte Navaho Bigandearly an, deren Geschmack Freimüller als „tiefgründig süß“ bezeichnet. Die Beeren auf Freimüllers Selbsterntefeldern reifen zwischen Juli und August.

Den Trend zur Beere ohne Saison nimmt der Sohn einer Donaufelder Gärtnerfamilie staunend zur Kenntnis. „Wenn die Leute bei mir erfahren, wie Beeren schmecken können, haben sie immer ein echtes Aha-Erlebnis.“

Die Aha-Erlebnisse mit Saison-Beeren waren vergangenes Jahr überschaubar. Die Obsternte 2018 war zwar überdurchschnittlich, aber es gab Ertragseinbußen bei Beeren: 651 Tonnen Himbeeren, das sind 41 Prozent weniger als im Jahr davor, wurden 2018 geerntet. Für das halbe Kilo Beeren, dass jeder Österreicher laut Statistik im Monat isst, reicht das nicht.

Ein Kunstprodukt

Der Himbeertrend hat es sogar zum Bachmann-Preis geschafft: Das dort vorgestellte Romandebüt des Schriftstellers Eckhart Nickel beginnt mit den Worten „Mit den Himbeeren stimmte etwas nicht.“ Der Roman „Hysteria“ handelt von einer Zukunft, in der Obst im Labor bearbeitet wird – eine kulinarische Dystopie, in der Natur nur mehr als Kunstprodukt verfügbar ist. Und die Himbeeren, die sind nur der Auftakt zu etwas Größerem.