Wissen
18.01.2019

Gesund essen: Schützt den Mensch, schont das Klima

Zehn Milliarden Menschen gesund ernähren und die Umwelt schützen? Das geht, sagen Forscher.

65 Kilogramm Fleisch isst jeder Österreicher im Schnitt pro Jahr – das entspricht rund 178 Gramm pro Tag. Viel zu viel, findet ein internationales Forschungsgremium. In einem neuen Ernährungsplan plädieren die Experten dafür, den Fleischkonsum drastisch zu verringern: auf exakt 43 Gramm täglich.

Die Mitglieder der renommierten EAT-Lancet Commission schlüsseln in ihrem Bericht auf Gramm genau auf, wie eine ausgewogene und nachhaltige Ernährung aussehen sollte. Ihre Vision: Mit diesen – auf die jeweilige Region abgestimmten – Essgewohnheiten sollen Millionen Todesfälle pro Jahr, die auf ungesunde Ernährung zurückzuführen sind, verhindert werden. Auch der Umwelt komme die Ernährungsform zugute. Für das globale Hungerproblem und die wachsende Weltbevölkerung sei man so ebenfalls gerüstet.

Istzustand

Mit den Richtlinien reagiert die 37-köpfige Forschergruppe auf ein Ernährungsproblem: Über zwei Milliarden Menschen leiden an Hunger und Fehlernährung. Das zeigen Ergebnisse des Global Nutrition Reports 2017. Während 820 Millionen Menschen nicht genügend zu essen haben, sind rund 2,2 Milliarden Menschen übergewichtig oder fettleibig. Als Folge des weitverbreiteten Übergewichts leiden immer mehr Menschen an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder Krebs. Einer US-Studie aus dem vergangenen Jahr zufolge war Übergewicht die Ursache für vier Millionen Todesfälle im Jahr 2015.

Auch die Umwelt leidet unter unseren Ernährungsgewohnheiten. Nahrungsmittelanbau und Forstwirtschaft verschlingen ein Viertel der weltweiten Landfläche und 70 Prozent des genutzten Süßwassers, rechnen die Forscher im Fachblatt The Lancet vor. Die Milch- und Fleischindustrie sei außerdem für 14 bis 18 Prozent der vom Menschen verursachten und klimaschädlichen Treibhausgasemissionen verantwortlich.

Weil die Weltbevölkerung wächst, gebe es auch immer mehr Menschen zu ernähren: Derzeit bevölkern 7,7 Milliarden die Erde, bis 2050 sollen es Prognosen zufolge zehn Milliarden sein.

Breites Umdenken

Ohne tief greifende Veränderungen lassen sich diese Probleme nicht lösen. Wer gewohnt ist, täglich rotes Fleisch (Rind, Kalb, Schwein, etc.) zu essen, müsste sich am meisten umstellen. Der Konsum soll auf einen Rindfleischburger pro Woche oder ein großes Steak pro Monat reduziert werden, heißt es im Ernährungsplan. Fisch und Huhn sind ab und zu erlaubt. Das übrige Eiweiß, das der menschliche Organismus braucht, kommt aus pflanzlichen Quellen. Empfohlen werden vor allem Nüsse und Hülsenfrüchte, etwa Bohnen, Kichererbsen oder Linsen.

Bei Obst und Gemüse hält man sich an gängige Empfehlungen: Sie sollten rund die Hälfte jeder Mahlzeit ausmachen. Besonderes Augenmerk sollte auf stärkehaltige Gemüsesorten, etwa Kartoffeln, gelegt werden.

Gut, aber kein Geheimrezept

Andreas Schmölzer, Ernährungswissenschafter und 1. Vorstandsvorsitzender des Verbandes der Ernährungswissenschafter Österreichs, begrüßt den Ernährungsplan – sieht darin aber keine bahnbrechende Erkenntnis. "Wir haben hier eine Studie, die versucht, das Ernährungsbedürfnis der Menschen unter Berücksichtigung globaler Aspekte mit Klimaerfordernissen in Einklang zu bringen. Erfreulich ist, dass eine ausgewogene Mischkost offensichtlich auch klimaneutral und gut für die Umwelt ist."

Ein Geheimrezept, das für jeden Menschen anwendbar ist, sieht er darin nicht: „In den Berechnungen sind Geschlecht und Alter nicht berücksichtigt. Die Ernährung von Kindern muss aber anders aussehen als die von älteren Menschen.“ Auch regionale und saisonale Aspekte müssten bedacht werden.

Über die Ernährung allein lässt sich der gewünschte Wandel ohnehin nicht erreichen. Die Empfehlungen wurden deshalb durch ein Maßnahmenpaket ergänzt. Dieses beinhaltet etwa die Einschränkung von Werbung für ungesunde Lebensmittel und die Reduktion von Lebensmittelmüll.

Entbehrung?

Für viele Menschen klingt der Ernährungsplan jedenfalls nach Einschränkung. Walter Willet, amerikanischer Arzt an der Harvard University und Mitautor der Studie, gibt Entwarnung: "Es gibt hier eine gewaltige Vielfalt." Man könne die Auswahl an Lebensmitteln "auf tausende Arten zusammenstellen". "Wir sprechen nicht von einer Ernährung der Entbehrung, es ist gesunde Ernährung, die flexibel und angenehm ist."

Derzeit weicht die gelebte Ernährungspraxis in Österreich noch stark von den vorgestellten Richtlinien ab. Ob sich diese in die Ernährungstradition integrieren lassen, bleibt abzuwarten: "Ernährung ist ein sehr emotionelles Thema, zu der man die Menschen nicht einfach erziehen kann", weiß Schmölzer.