© Aleph Farms

Genuss
12/19/2018

Hier liegt das erste Steak aus dem Labor auf dem Teller

Bisher wurde Laborfleisch zu Burger-Patties vermanscht. Ein israelisches Start-up hat das In-vitro-Imitat in des Fleisches reinste Form gebracht.

"Weltweit erstes Steak aus dem Labor enthüllt": Mit dieser Schlagzeile verkündete der britische Guardian diese Woche die Produktion des ersten In-vitro-Steaks durch ein israelisches Start-up. Des allerersten, fragen Sie sich vielleicht? Tatsächlich: Neu ist die tierfreundliche Gewebezüchtung mit dem Ziel, Fleisch zum Verzehr herzustellen, nicht.

Sauberes Fleisch der Zukunft

Bereits seit einigen Jahren arbeiten Forscher in den unterschiedlichsten Teilen der Welt daran, künstlich gezüchtetes Fleisch aus Tierzellen herzustellen. Dieses als "Clean Meat" ("sauberes Fleisch") vermarktete Produkt soll Massentierhaltung- und schlachtung sowie den umweltschädlichen Ressourcenverbrauch der Fleischindustrie reduzieren.

Zur Herstellung werden Ausgangszellen aus dem gewünschten Tier schmerzfrei entnommen und anschließend mittels biotechnologischer Verfahren im Labor zu Muskelzellen ausdifferenziert und vermehrt. In der Medizin werden auf diese Weise schon seit geraumer Zeit menschliche Hautzellen verwendet, um etwa Transplantate für schwere Brandverletzungen zu züchten.

Dünne Hautschichten wachsen zu lassen stellt mittlerweile demnach keine große Herausforderung mehr dar. Die Membranen können übereinandergelegt werden und wenig strukturiertes Faschiertes ersetzen, wie es in Hamburgern oder Nuggets eingesetzt wird. Schwierigkeiten bereiten kompliziertere Strukturen wie Steak, da diese an einem dreidimensionalen Gerüst wachsen müssen und die Muskelzellen für eine vergleichbare Fleischkonsistenz mechanischer Bewegung ausgesetzt sein sollten.

Textur gut, Geschmack ausbaufähig

Aleph Farms, so der Name des israelischen Start-ups, soll genau das gelungen sein. Derzeit belaufen sich die Kosten für die Produktion des Prototyps, eine dünne, handtellergroße Scheibe, auf rund 50 Dollar (ca. 43 Euro). Beim Geschmack, so geben die Erfinder zu, besteht noch Tüftelbedarf. Dennoch sei es gelungen, bei Textur und Konsistenz dem Original sehr nahe zu kommen.

USA preschen vor

Derzeit ist Fleisch aus dem Labor noch in keinem Land der Welt zum Verkauf zugelassen. Die US-Regierung machte den Weg für den Verkauf von Laborfleisch Ende November dieses Jahres aber erstmals frei: Das Landwirtschaftsministerium und die Lebensmittelbehörde FDA stellten Eckpunkte für künftige Regeln im Umgang mit durch Zellkulturen erzeugtem Fleisch vor. Die FDA soll demnach Herkunft und Vervielfältigung der tierischen Stammzellen kontrollieren, aus denen das Fleisch im Labor gezüchtet wird. Das Ministerium ist für die Überwachung der Produktion und des Vertriebs zuständig.

Anders als in Europa ist in den USA die Fleischerzeugung im Labor weitgehend unumstritten. Hersteller verweisen auf das Tierwohl und die Vermeidung klimaschädlicher Treibhausgas-Emissionen, die bei der Aufzucht von Nutztieren in großem Umfang anfallen. Landwirte ziehen jedoch in Zweifel, dass bei den Laborzüchtungen noch von "Fleisch" gesprochen werden kann.

Nah dran

Für die Gründer von Aleph Farms ist die Markteinführung ihres Laborsteaks, das aus einer Mischung verschiedener Tierzellarten gezüchtet wurde, noch Zukunftsmusik. Wie Mitgründer Didier Toubia im Interview mit dem Guardian schildert, werde es jedenfalls noch drei bis vier Jahre dauern, um das Produkt für den Konsumenten zu perfektionieren.

"Es ist nah dran und es schmeckt gut, aber wir haben noch ein bisschen Arbeit vor uns, um sicherzustellen, dass der Geschmack zu 100 Prozent herkömmlichem Fleisch entspricht", erklärt Toubia. "Aber wenn man es kocht, kann man jetzt schon den typischen Fleischgeruch riechen."

Beim Preis sei man bereits jetzt in einer realistischen Größenordnung angekommen. Die derzeit berechneten 50 Dollar seien für einen Prototyp "nicht verrückt hoch". Zum Vergleich: Für den ersten Rindfleischburger aus dem Labor wurden 2013 noch 250.000 Dollar veranschlagt.

Eine größere Herausforderung sei die Steak-artige Konsistenz des Produkts auch bei einer gewissen Dicke aufrechtzuerhalten. Derzeit habe man deshalb nur dünne Scheiben produzieren können.

Von einer Sache ist Toubia überzeugt: Ohne die flächendeckende Markteinführung von leistbarem Laborfleisch werde der Anteil der Vegetarier nicht signifikant steigen – "trotz zahlreicher Produkteinführungen auf pflanzlicher Basis". "Wenn wir einen wirklichen Einfluss auf die Umwelt haben möchten, müssen wir sicherstellen, dass wir das Problem der Produktion lösen und Fleisch effizienter und nachhaltiger anbauen, ohne Tierschutzprobleme und Antibiotika", sagt er.

Dennoch: Auch an Laborfleisch gibt es Kritik.

Gut, weil angebaut?

Während im Labor "angebautes" Rindfleisch sehr wahrscheinlich einen geringeren ökologischen Fußabdruck als in der Produktion besonders verschwenderisches Rindfleisch hinterlässt, könnte die Rechnung bei anderen Fleischarten womöglich nicht aufgehen.

Marco Springmann von der Universität Oxford erklärt dazu dem Guardian: "In den jüngsten Übersichten wurden die Emissionen von im Labor gezüchtetem Fleisch um ein Vielfaches höher als bei Hühnern und weit über jeder Alternative auf pflanzlicher Basis gesetzt, insbesondere aufgrund des großen Energieeinsatzes während der Produktion." Unklar sei außerdem, ob Laborfleisch wirklich gesünder für den Menschen sei.

Auch von der veganen Community kommt Gegenwind. Louise Davies von der Vegan Society in Großbritannien betonte: "Wir erkennen das Potenzial von im Labor gezüchtetem Fleisch an, wenn es darum geht, das Leid von Tieren und die Auswirkungen der Tierhaltung auf die Umwelt zu reduzieren. Allerdings enthalten diese Produkte Zellen, die von Tieren stammen. Sie sind also nicht vegan."

Veganer als Kunden zu gewinnen oder die Fleischindustrie zu verdrängen sei unterm Strich aber ohnehin nicht das erklärte Ziel von Aleph Farms. "Wir sind nicht gegen die traditionelle Landwirtschaft. Uns geht es vor allem um intensive Fabrikanlagen, die ineffizient und umweltbelastend sind und um den Menschen, der die Beziehung zum Tier verloren hat", so Toubia.