Leben
24.09.2017

Liebe & Tötung: Widerspruch der Mensch-Tier-Beziehung

Das Verhältnis zwischen Mensch und Tier könnte kaum widersprüchlicher sein. © Bild: Getty Images/FluxFactory/iStockphoto

Ein Blick auf die widersprüchliche Beziehung zwischen Mensch und Tier.

Wir lieben Tiere – und wir lieben es, sie zu essen. Was banal klingt, wirft die Frage auf, ob unser Umgang mit Tieren noch moralisch vertretbar ist. Das moderne Verhältnis zwischen Mensch und Tier könnte in der westlichen Welt jedenfalls kaum widersprüchlicher sein: Der Hund wird zum "besten Freund" des Menschen stilisiert, Katzen dienen als Partnerersatz. Wie innig die Beziehung zwischen Mensch und Haustier ist, zeigt auch eine neue Studie aus den USA: Sich um ein krankes Tier zu kümmern, ist für den Besitzer psychisch ähnlich belastend wie die Pflege eines nahen Angehörigen.

Verhätschelt & vergessen

Während Tierbesitzer Hund und Katz’ zusehends vermenschlichen, werden weltweit viele Kühe, Schweine und Hühner unter Bedingungen gehalten und getötet, die Tierschützer als grausam bezeichnen. Die Kluft zwischen Tierfreundlichkeit und Massentierhaltung bleibt nicht ohne Folgen. Der Umgang mit Nutztieren führt zu einem wachsenden Unbehagen in der Gesellschaft, wie Soziologe Marcel Sebastian, der sich an der Uni Hamburg mit dem Verhältnis der Gesellschaft zu Tieren befasst, erklärt: "Das ist eine historisch gewachsene Situation. Im Grunde haben sich zwei sich widersprechende Paradigmen in unserem Verhältnis zu Tieren entwickelt und intensiviert – und damit voneinander entfernt", weiß Sebastian, der auch Gründungsmitglied der Group for Society and Animals Studies, der ersten deutschsprachigen soziologischen Forschungsgruppe zum Mensch-Tier-Verhältnis, ist. Zum einen werden Tiere immer stärker als Individuen wahrgenommen, mit denen der Mensch in Beziehung tritt. Zum anderen ermöglicht die Verdinglichung, dass die Nutzung von Tieren quantitativ steigt und das Maß, in dem wir Tieren Gewalt antun, zunimmt.

Lieber vegan leben

Auch in unserer tierfreundlichen Gesellschaft halten wir an der massenhaften Tötung von Tieren fest. Für viele ist die Ambivalenz, die dadurch entsteht, nicht mehr erträglich. Das erklärt auch, warum sich immer mehr Menschen für einen vegetarischen oder veganen Lebensstil entscheiden. In Österreich verzichten derzeit sechs Prozent der Bevölkerung auf Fisch und Fleisch oder generell auf tierische Produkte – das geht aus einer Marketagent-Studie hervor. Hauptauslöser sind keine gesundheitlichen, sondern ethische Motive. "Die empfundene Spannung ist so groß, dass man handeln muss. Eine Antwort ist zu sagen ‚Ich leben vegan’, damit entziehe ich mich der Ambivalenz", erläutert Sebastian.

Diese Ansicht teilt auch Judith Benz-Schwarzburg vom Wiener Messerli-Institut an der Veterinärmedizinischen Uni Wien, wo die verschiedenen Facetten der Mensch-Tier-Beziehung erforscht werden: "Wir essen mehr Fleisch, holzen mehr Regenwald ab und setzen mehr Tiere aus als je zuvor. Gleichzeitig wird es immer schwieriger, die Augen zu verschließen, da Tierrechts- und Tierschutzaktivismus sichtbarer und die Missstände nicht weniger werden."

Grenzen der Tierliebe

Obwohl es in der westlichen Welt eine Übereinkunft darüber gibt, dass man Tierrechte achten muss, endet das Verständnis der Masse dort, wo für den Einzelnen Einschränkungen entstehen – wenn man auf das sonntägliche Schnitzel verzichten oder einen höheren Preis für ein Tierprodukt aus artgerechter Haltung bezahlen muss. "Man muss bereit sein, sich umzuorientieren und zu informieren, wenn man sein Leben tierfreundlich gestalten möchte. Das kostet Zeit", erklärt Judith Benz-Schwarzburg. Bequemlichkeit sei bei vielen Menschen der Hauptgrund, warum sie bei alten Gewohnheiten bleiben.

Die Nutzung von Tieren, wie sie aktuell stattfindet, werde jedoch nicht nur durch die Entscheidung des Einzelnen bedingt, sondern sei ein Resultat gesellschaftlicher und kultureller Entwicklungen. "Es gilt als normal und notwendig, Tierprodukte zu konsumieren, sie in Tierversuchen zu verbrauchen, in Zoos und Zirkussen anzuschauen, als Heimtiere zu halten und als Wildtiere zu jagen. Müssten wir uns tatsächlich rechtfertigen, wann immer ein Tier durch uns Schaden, Schmerzen und Leid erfährt, würden viele an Grenzen stoßen." Angesichts unseres heutigen Kenntnisstandes zur Leidensfähigkeit von Tieren sowie zu ihren kognitiven, sozialen und emotionalen Fähigkeiten, sei es quasi unmöglich, eine Sonderstellung des Menschen zu begründen. Die Folge: Das Unbehagen wird vom Menschen durch Verdrängung oder andere Legitimationsstrategien neutralisiert.

Welche Prognosen es für den Umgang, den wir als Menschen mit Tieren aller Arten künftig pflegen werden, gibt? Der Konflikt, den viele bereits spüren, wird sich intensivieren, ist sich Sebastian sicher. "Wir sehen das derzeit schon in der Verschärfung von Tierschutzrechten. Die Inklusion der Tiere wird stärker." Das widerspricht den gängigen Lebensweisen in unseren Gesellschaften. Was bleibt, ist ein Konflikt, den nur der Mensch zu lösen vermag.

Film & Buch: Mensch-Tier-Beziehung im Fokus

In seinem Dokumentarfilm "Tiere und andere Menschen" wirft Filmemacher Flavio Marchetti einen zarten und zugleich kritischen Blick auf die Beziehung zwischen Mensch und Tier. Schauplatz seiner Erzählungen ist das Wiener Tierschutzhaus, das über 1000 Schützlinge beherbergt. Von ausgesetzten Haustieren über konfiszierte Exoten bis hin zu Wildtieren, die aus ihrem Lebensraum verdrängt wurden: Marchetti zeigt Tierschicksale als Ausdruck eines gesellschaftliches Systems.

Autor Richard David Precht stellt in seinem Buch "Tiere denken" die Frage, ob unser Umgang mit Tieren richtig und moralisch vertretbar ist. Dabei schlägt er einen Bogen von Evolution und Verhaltensforschung über Religion und Philosophie bis zur Rechtsprechung und unserem Verhalten im Alltag.