Karl Schwanzer in seinem Atelier in der Seilergasse 16, 1957. Der gesamte Nachlass wurde von seinem Sohn Martin Schwanzer an das Wien Museum übergeben

© Unbekannt

Porträt
01/15/2020

Karl Schwanzer: Der österreichische Ausnahmearchitekt

Karl Schwanzer brachte in den 1960er-Jahren die Internationalität nach Österreich. Seine Entwürfe sind heute Ikonen der Moderne.

von Anja Gerevini-Hueter

Leidenschaft. Immer wieder fällt dieses Wort, wenn sein Name genannt wird. Karl Schwanzer ist nicht vielen Leuten ein Begriff. Dennoch war er es, der durch seine Neugier und Aufgeschlossenheit dem altmodischen Österreich der Nachkriegszeit einen Tritt in den Allerwertesten gab – nicht nur in baukultureller Hinsicht. Karl Schwanzer ist einer der wichtigsten Architekten seiner Zeit und er war ein bedeutender Lehrender. Er bot den engstirnigen Professoren auf der TUWien die Stirn und ermöglichte in seinem Institut Vorlesungen, von denen seine Studenten noch heute schwärmen.

Und das sind nicht irgendwelche No-Names. In Schwanzers Vorlesungen waren Wolf Prix von Coop Himmelb(l)au, Laurids Ortner, Adolf Krischanitz, Timo Huber oder Sepp Frank zu finden. „Er hat uns Studenten Visionen und Ideen mitgegeben, die wir sonst nirgendwo bekommen hätten, weil die TU zu der damaligen Zeit ein sehr verfilztes, altes, stinkendes Objekt war“, sagt etwa Timo Huber. Doch dazu später.

Mit Leidenschaft

Begeistert war er schon als Kind von der Baukunst. Karl Schwanzer entwarf in jungen Jahren einem Onkel ein Schrebergartenhaus, das dieser auch baute. Der Besuch der Technischen Universität in Wien war naheliegend. Die nächste Station in seiner Karriere war eine Anstellung im Büro des bekannten Architekten Oswald Haerdtl. „Er hat meinem Vater Aufträge zu Geschäftsumgestaltungen weitergegeben“, erzählt sein Sohn Martin Schwanzer, der als Architekt tätig war, im KURIER-Interview kurz vor seinem Tod. „So konnte er sich einen Namen machen, denn mein Vater hat die Geschäfte richtiggehend inszeniert.“

Eine dieser frühen Arbeiten war etwa das Modegeschäft „Elegance“, das durch ein ungewohnt offenes Konzept vielerlei Ein- und Ausblicke erlaubte. Auch für die Umgestaltung des Metropol-Kinos oder der Damenboutique „Rositta“ zeichnete er verantwortlich. Ein kleines Detail am Rand: Bei dem Geschäft „Rositta“ in der Kärntner Straße 17 ist über all die Jahre der von Schwanzer entworfene Türgriff erhalten geblieben. „Mein Vater hat es selber ,polierte Antenne’ genannt, heute gäbe es sicher einen coolen englischen Ausdruck dafür“, sagt Martin Schwanzer. „Er meinte damit, dass er ein Gespür dafür hatte, was der Kunde will oder brauchen könnte. Er hat für seine Auftraggeber immer eine bauliche Corporate Identity entwickelt.“

Bild links: © BMW Group

Bild rechts: © BMW Group

BMW-Museum und Verwaltungsgebäude in München

Für BMW entwarf Karl Schwanzer das Verwaltungsgebäude sowie das Museum. Der Turm gilt als Best-Practice-Beispiel für Corporate Architecture und wird als Vierzylinder rezipiert. Diese Assozation soll Schwanzer selbst nicht in den Sinn gekommen sein.

Temporäre Kunst

Mit Leidenschaft übernahm er jede Aufgabe. Zu seinen ersten größeren Aufträgen zählte die Gestaltung von Ausstellungen. Diese hatten Anfang der 1950er-Jahre einen hohen Stellenwert, da sie als wichtige Informationsquelle für die breite Bevölkerung galten. Um sie kurzweilig und attraktiv zu gestalten, waren gute Ideen gefragt. Und die hatte Karl Schwanzer. „Bei der Gewerbeausstellung 1951 wollte die österreichische Wirtschaft zeigen, was sie kann“, so Martin Schwanzer. „Mein Vater hat in dem Pavillon Arbeitsplätze aufgebaut – da wurde gehämmert, getischlert, gemalt. Da hat sich etwas getan. Das war eine Sensation.“

Die Ausstellungsgestaltung war für Schwanzer der Eintritt in die Architektur. In einem nächsten Schritt entwarf er die Gebäude für weitere Messen. Fünf Jahre später folgte der internationale Durchbruch mit dem Österreich-Pavillon für die Weltausstellung 1958 in Brüssel. Österreich wollte sich in Brüssel als neutraler Staat präsentieren, der aber eine Brückenfunktion zwischen Nord, Süd, Ost und West darstelle. Dementsprechend gestaltete Schwanzer den Pavillon: Zwischen vier Stahlstützen schwebte das Obergeschoß einer Brücke gleich. Mit seinem Entwurf wurde Karl Schwanzer mit dem „Grand Prix d’Architecture“ ausgezeichnet.

„Die Konstruktion war meinem Vater insofern wichtig, als er damit ausloten konnte, was ein Gebäude leisten kann“, sagt Martin Schwanzer. „Was seine Arbeit aber auszeichnet, ist etwas anderes: Singularitäten – er steht für keinen Stil, sondern er hat immer Einzellösungen gesucht und gefunden.“ Beim Österreich-Pavillon hatte Schwanzer noch einen Anspruch, der heute selbstverständlich ist: Nachhaltigkeit. Das Gebäude war so konzipiert, dass es einer weiteren Nutzung zugeführt werden konnte. Das geschah auch. Der Pavillon wurde abgetragen und in Wien wieder aufgebaut. Es bekam den Namen 21er Haus. Heute ist das Museum als Belvedere 21 bekannt.

Bild links: © Maria Wölfl

Bild rechts: © Adalbert Komers-Lindenbach

Vom Pavillon zum Belvedere 21

Für die Weltausstellung 1958 als Pavillon entworfen, wurde Karl Schwanzers hängendes Gebäude nach Wien transportiert und als 21er Haus, heute Belvedere 21, wieder aufgebaut.

Gut dokumentiert

Es war die Neugier, die den Architekten anspornte. Er reiste viel. „Wenn man in seinen Reisepass schaut, sieht man an den Stempeln, dass es eigentlich kein Land gibt, in dem er nicht war“, erzählt sein Sohn Martin. „Er hat sich dort immer mit Kollegen getroffen und sich schöne Architektur zeigen lassen.“ Von den Reisen kam der Architekt energiegeladen zurück, mit vielen Ideen und Anregungen im Gepäck. Und sie sorgten dafür, dass Karl Schwanzer die Internationalität in das – aus architektonischer Sicht – doch recht rückständige Österreich brachte. Kaum zu Haue, verschwand er im Atelier, wo er sich den nächsten Aufgaben widmete. „Mein Vater war immer rund um die Uhr beschäftigt“, sagt auch Martin Schwanzer. „Er hat für seine Aufträge gebrannt. Dieses Feuer ist bei ihm schon speziell.“

Dieser Leidenschaft ist es zu verdanken, dass der Architekt den Wettbewerb für das BMW-Verwaltungsgebäude gewann. „Ich muss den Auftrag haben“, soll er zu seinem Team gesagt haben. Und dafür griff er auch in die Trickkiste. Das BMW-Zentrum in München wird ja gerne als Vierzylinder rezipiert, doch die Assoziation zu einem Motor soll dem Architekten selbst ferngelegen sein. Die Aufgabe war, für den Autokonzern die damals neu aufkommenden Großraumbüros optimal umzusetzen. Karl Schwanzer wollte eine Zonierung erreichen. Um allen Mitarbeitern möglichst viel Tageslicht zukommen zu lassen, drückte er das klassische runde Hochhaus an vier Stellen ein.

Das Ergebnis war die Form eines Kleeblattes – oder eben Vierzylinders. Die Geschoße selbst hingen an vier massiven Säulen. „Dieses Schwebende sorgt dafür, dass das Gebäude leicht wirkt, über statische Ideen hinaus“, sagt Martin Schwanzer. Die Entscheidungsträger bei BMW allerdings zweifelten am Entwurf. Doch der Architekt brannte für seine Idee. Um den Auftrag zu bekommen, mietete er kurzerhand die Bavaria-Filmstudios. Schwanzer ließ ein Bürogeschoß im Originalmaßstab bauen. Er heuerte Schauspieler an, die BMW-Mitarbeiter mimten. Und dann lud er die Chefs des Autokonzerns ein. Die Inszenierung und die Begeisterung des Architekten überzeugten sie: Karl Schwanzer hatte den Auftrag, den er unbedingt haben wollte.

Feuer entfachen

Die Leidenschaft, mit der er baute, gab er auch an seine Studenten weiter. Schon 1959 wurde Karl Schwanzer an die Technische Hochschule berufen, wo er das Institut für Gebäudelehre und Entwerfen leitete. Sein Assistent Günther Feuerstein schrieb einmal: „Die Architekturgeschichte endete an der TH, wie überall in Österreich, mit der glorreichen Barockperiode. Der Jugendstil galt als Kitsch, Wagner und Loos waren unbekannt, von Le Corbusier oder Mies ganz zu schweigen. Dem bereitete Schwanzer ein Ende.“

Mir hat Karl Schwanzer die Freude am Experiment geschenkt, er hat mir die Augen für die Kunst geöffnet."

Architekt Timo Huber, Student bei Karl Schwanzer

Der Architekt brachte frischen Wind in die heiligen Hallen der TH. Er ermutigte die Studenten zu modernen Formen und zum Spiel mit der Statik. Und er öffnete die Vorlesungen für Gäste. „Es gab an seinem Institut eine Vorlesung namens ,Visionäre Architektur’“, erzählt Timo Huber, der bei Schwanzer studierte. „Da wurden internationale Architekten und Künstler eingeladen, etwa Hans Hollein, Walter Pichler oder Otto Mühl. Sie präsentierten Projekte, was an der Hochschule davor niemals passiert ist.“ Offen zeigte sich Karl Schwanzer auch neuen Ideen seiner Studenten gegenüber.

Als Beispiel mag ein Projekt dienen, an dem Timo Huber beteiligt war. Der Professor stellte zum Semesterabschluss die Aufgabe, eine Hochgarage für den Karlsplatz zu entwerfen. Timo Huber hatte mit Bertram J. Mayer, W.M. Pühringer und Hermann Simböck an der TH die Architekturgruppe Zünd-Up gegründet. „Statt einer Hochgarage entwickelten wir ein visionäres Objekt“, erzählt Timo Huber. „Der Auto-Expander stellte den Pkw in all seinen Spektren dar. Es war mehr Aktionskunst als Architektur.“ Auch die Präsentation war ungewöhnlich.

Zünd-Up mietete eine Tiefgarage, baute ein Holzmodell des Expanders auf, hängte Pläne auf. Dann luden die Studenten ihren Professor ein. „Wir haben auch 40 Mitglieder des Motorradclubs Harley Davidson Norton hingebeten, damit die Faszination für den Motor besser spürbar wird“, erzählt Huber. Karl Schwanzer ließ sich das Studentenprojekt erklären, diskutierte mit Zünd-Up.

Als Höhepunkt der Präsentation schwang sich der Architekt auf den Rücksitz einer Harley Davidson und ließ sich durch die Tiefgarage fahren. „Er war immer sehr kritisch, aber auch aufgeschlossen“, sagt Timo Huber voller Bewunderung. „Nicht umsonst haben wir ihn Zampano, Impresario oder Karl den Großen genannt.“ Karl Schwanzer und seine Passion für das Bauen prägen bis heute die österreichische Architektur.