© Clemens Fabry

Wirtschaft
10/21/2012

Wolf Prix: "Krise als Chance für neue Lösungen"

Der österreichische Architekt Wolf Prix, Coop Himmelb(l)au, hält den Skylink für provinziellen Größenwahn und kritisiert Österreichs Beamtenmentalität.

von Ulla Grünbacher

Der Architekt hält die Übersiedelung der Angewandten in die alte Wirtschaftsuniversität für ein schlechtes Zeichen und kritisiert Bescheidenheit.

KURIER: Sie planen sehr große Projekte, gerade wird der Neubau der Europäischen Zentralbank fertiggestellt. Die Eurokrise hat gezeigt, dass die Grenzen des Wachstums erreicht sind. Gilt das auch für die Architektur?

Wolf Prix: Ich kann den Drang zur falschen Bescheidenheit überhaupt nicht verstehen.

Was ist die falsche Bescheidenheit?
Die Bescheidenheit im Geiste. Alle kreativen Berufe müssen immer wieder Grenzen überschreiten, um Entwicklung vorwärtszutreiben. Stillstand, hat schon Ringel gesagt, bedeutet Tod. Neue technische Lösungen zu suchen wird einem offenen System gerecht. Ein geschlossenes System ist ein autoritäres System. Die Demokratie als offenes System mit dem Prinzip trial and error ist der Weg, den wir gehen müssen, um die anstehenden Probleme zu lösen. Es werden immer wieder Probleme vorgeschützt, um einen konservativen Backlash zu provozieren. Konservativ bedeutet, gegen Veränderungen zu sein.

Wird auch die aktuelle Schuldenkrise dazu benützt?
Man könnte den Eindruck haben. Die Ölkrise in den 70er-Jahren war sicher ein Mittel, die aufkeimende Jugendrevolte stillzuhalten. Das geht jetzt nicht mehr so einfach.

Was hat sich geändert?
Wir sind eine komplexere Gesellschaft als früher. Der Nachteil: Für komplexe Probleme müssen Architekten komplexe Lösungen finden. Die sind immer neu, aber nicht leicht zu kommunizieren. Einfache, autoritäre, geschlossene Lösungen sind nie neu, aber leicht verständlich. Das ist das Problem. Deshalb macht man immer den fatalen Fehler, mit alten Lösungen neue Probleme zu lösen. Die Krise ist eine Chance, neue Lösungen zu entwickeln.

Sie haben eine Kirche in Hainburg gebaut.
Mein Vater war Architekt in meiner Heimatstadt und hat dort gebaut, das war sicher mit ein Grund. Das Thema an sich hat mich interessiert. Einen Kirchenraum zu schaffen, der andere Voraussetzungen provozieren muss als ein Kino. Die evangelische Liturgie erlaubt andere Dinge als die katholische Liturgie, denn es ist eine protestantische Kirche. Der Andachtsraum darf auch hell sein, die Kirche öffnet sich nach außen. Der Gemeinschaftsraum kann zum Andachtsraum geöffnet werden. Meinen Entwurf habe ich als Spende für meine Heimatstadt gesehen.

Bei der diesjährigen Architektur-Biennale in Venedig stand Bescheidenheit statt Protz im Vordergrund.
Meine Kritik an der Biennale ist keine Ausstellungskritik, das haben die österreichischen Kritiker wohlweislich übersehen. Ich habe mich gewehrt gegen die Interpretation des Wortes "common ground". Der Leiter der Biennale, David Chipperfield, hat gesagt, den Stararchitekten muss man Raum wegnehmen, weil sie nur durch Hartnäckigkeit und Widerstand ihre Position bekommen haben. Das ist eine Beleidigung für alle Architekten, die hartnäckig an ihren Projekten arbeiten. Ich finde es ungehörig, wenn man mir vorwerfen will, dass ich beleidigt oder neidig bin, das lenkt ab von der wirklichen Diskussion. Die neue Bescheidenheit ist eine neue Mittelmäßigkeit.

Wie sehr hat ein missglücktes Großprojekt wie der Sky Link künftigen Projekten geschadet?
Für mich ist der Skylink der gebaute provinzielle Größenwahn von Wien. Es ist hässlich und funktioniert nicht. Es hat zu viel Geld gekostet, wobei den Architekten sicher nicht die Schuld trifft. Der Bau hat zu lange gedauert. Es wundert mich, dass die Verantwortlichen sich nicht andere Flughäfen angesehen haben, von Hongkong bis Madrid. Madrid wäre von der Größe her vergleichbar gewesen. Wenn sie das getan haben, dann haben sie nichts davon gelernt.

Was heißt das für die Zukunft?
Die Architekten sagen in vorauseilendem Gehorsam: Wir müssen bescheiden werden. Aber man muss strategisch besser planen und den Architekten mehr Rechte geben.

Das heißt nicht, dass er nicht kontrolliert werden soll. Nur im Team kann man solche Großprojekte bewältigen. Es hilft nichts, wenn wir Schuldige suchen.

In den nordischen Ländern sucht man gemeinsam Lösungen für Probleme, die bei Großprojekten immer entstehen. Wir bauen in Dänemark eine Konzerthalle mit Musikschule, dort wird eben lösungsorientiert gearbeitet.

Sie haben die Universität für angewandte Kunst vor wenigen Wochen verlassen. Sie kritisieren die Qualität des Zubaus und die temporäre Übersiedelung der Angewandten in die alte WU.
Wenn ich recht habe, und ich hoffe, ich habe nicht recht, dann ist die Zusammenlegung der beiden Akademien, der Angewandten und der Bildenden, wieder einmal im Fokus des Ministeriums. Ausrede: zu wenig Geld. Die beiden Rektorinnen folgen diesem Trend. Das widerspruchslose Zusammengehen in dem hässlichsten Gebäude von Wien, das so gar nichts mit Kunst zu tun hat, ohne wenigstens zu fordern, dass man die Hälfte niederreißt, halte ich für ein schlechte Zeichen. Die Vielfalt ist einer der wesentlichsten Vorteile der Entwicklung.

Sie haben in einem Interview mit dem Falter gesagt, es tritt eine Verbeamtung der Gesellschaft ein. Können Sie das erläutern?
Beamte bestimmen unser Leben immer mehr, in der Architektur auf jeden Fall. Es ist weit über der Zuständigkeit des einzelnen Beamten hinaus gegriffen, wenn er nicht mithilfe des jeweiligen Architekten versucht, neue Lösungen umzusetzen, sondern sie durch Gesetze verhindert. Das halte ich für gefährlich. Die unerträgliche Beamtenmentalität ("ja derf er denn des") wird zum Allgemeingut. Ausnahmen bestätigen die Regel. Es gibt in Wien sehr tüchtige Beamte, leider sind sie in der Minderzahl.

Was wollen Sie noch erreichen?
Wir bauen ein fantastisches Kongresszentrum in China mit dem Anspruch, dass Energiedesign eine neue Ästhetik braucht. Wenn man Denkmäler braucht, muss man sie auch bauen. Die gotischen Kirchen, Stift Melk und Schönbrunn laufen auch nicht unter dem Titel Bescheidenheit.

Zur Person: Architekt Wolf D. Prix

Wolf D. Prix wurde 1942 in Wien geboren. Nach seinem Schulabschluss studierte Prix an der TU Wien Architektur, später in Kalifornien und in London. Er war bis vor Kurzem Professor an der Universität für Angewandte Kunst in Wien. Auch in London und Cambridge hat Prix unterrichtet. 1968 gründete Prix zusammen mit seinem Partner Helmut Swiczinsky das Architekturbüro Coop Himmelb(l)au in Wien, das viele Auszeichnungen bekommen hat.

Zu den bekanntesten Projekten zählen die Reiss-Bar in Wien, das Atelier Baumann in Wien, das Forschungszentrum Seibersdorf, die Erweiterung des Ronacher Theaters in Wien, der SEG-Tower in Wien, das Science-Museum in Lyon, die Akademie der Bildenden Künste in München, der Gasometer B in Wien und die BMW Welt in München, aktuell der EZB-Tower, Frankfurt.