Harry Glück: Für den Architekten zählte nicht Ästhetik, sondern privilegiertes Wohnen für jede Schicht

© Hertha Hurnaus

freizeit Wohnen & Design
02/05/2020

Harry Glück: Der Visionär der "schönen Betonburg" Alterlaa

Er hat den Wohnbau revolutioniert: freier Blick ins autofreie Grüne und Pool am Dach für alle Bewohner.

von Julia Gschmeidler

„Wollen Sie vor Ihrem Fenster lieber Bäume oder eine Feuermauer?“, fragte der Wiener Architekt Harry Glück einmal den Interviewer und legte damit den Fokus im Gespräch auf eine seiner wegweisenden Prämissen. In seiner fast 60-jährigen Karriere verfolgte Glück die Wohnprinzipien der Reichen für möglichst viele Menschen – das „größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl“, wie er selbst Zeit seines Lebens betonte.

Diese Grundsätze der Privilegierten, die er im Wohnbau stets umzusetzen versuchte, waren Licht, Luft, Sonne, Nähe zur Natur und zu Wasser, Mobilität und Möglichkeiten zur Kommunikation. „Beim Wohnen geht es darum, dass man die Menschen so wohnen lässt, wie sie es auch im Urlaub suchen und wünschen“, sagte Glück. So wurde der Pool am Dach zu seinem Markenzeichen, durch den Glück auch den Freizeitverkehr verringern wollte.

Ein Pool ein paar Stockwerke entfernt – da bleiben die Autos in der Garage. Dass diese Pools jedoch am Dach eines geförderten Wohnbaus wie in Alt Erlaa zu finden sind, brachte Glück viel Kritik ein. „Es war grotesk: von rechts, weil ich den Luxus an die Proleten verschwende, von links, weil ich es ihnen zu vergnüglich mache und sie dadurch den revolutionären Schwung verlieren würden“, erinnerte sich Glück in einem Interview.

Wohnpark Alt Erlaa

Für sein bekanntestes Bauwerk, den Wohnpark am südlichen Rand Wiens, erhielt Glück, der 2016 91-jährig verstoben ist, die meiste Kritik. Eine „Betonburg“ voll „beklemmender Monotonie“ mit einer „bedrohlichen und angsteinflößenden Silhouette“ seien die drei Blöcke, die bis Mitte der 90er-Jahre die höchsten Wohnbauten Wiens waren. Davon zeigte sich Glück jedoch Zeit seines Lebens unbeeindruckt. Ja, der Bau sei eine Betonburg, aber eine schöne, erwiderte er und ließ somit die Kritik an sich abperlen.

In Alt Erlaa erschuf der Mies-van-der-Rohe-Anhänger eine Stadt in der Stadt, für 11.000 Menschen in über 3000 Wohnungen – mit allen Vorzügen eines Einfamilienhauses, teils sogar einer Hotelanlage: Gemeinschaftsräume, Hallenbäder, Turnhallen, Spielplätze – und all das angebunden an eine Infrastruktur mit Kindergärten, Schulen, Supermärkten und Ärzten.

Die groß angelegten Terrassen, die bis in den zwölften Stock reichen, mit den tiefen Pflanzentrögen von vier Quadratmetern sollten den eigenen Garten ersetzen, die vielen vom Autoverkehr befreiten Grünflächen zwischen den Bauten die Kommunikation fördern und für freie Sicht sorgen. So visionär das Projekt Alt Erlaa war, so war es ebenso ein kühnes Experiment von Glück, das auch viel Mut des Bauträgers Gesiba voraussetzte. Alt Erlaa sei nur zustande gekommen, weil es die Fantasie überstiegen hatte. „Man hat sich nur darauf gefreut, wie wir auf die Nase fallen“, sagte Glück über sein couragiertes Bauvorhaben.

Der Grundgedanke vom „vollwertigen Wohnen“, den Glück bei Alt Erlaa verfolgte und umzusetzen versuchte, fruchtete und erfreut auch heute, mehr als 40 Jahre nach Eröffnung des ersten Blocks, die Bewohner. „Am besten an Alt Erlaa gefallen mir die unverbaubare Fernsicht der Wohnung, die nicht einsehbaren Balkone, das viele Grün und die Infrastruktur mit Freizeiteinrichtungen, Bädern, Sauna, Sportplätzen und der autofreien Oberfläche“, sagt Brigitte Sack. Sie wohnt seit fast 30 Jahren in der Großsiedlung und könnte sich nicht mehr vorstellen, hier wegzuziehen. Um den Preis und den Komfort gäbe es nichts annähernd Vergleichbares, meint sie.

Harry Glück hat sie auch einmal selbst kennengelernt und beschreibt ihn als realistischen Visionär, einen Vordenker, dem es gelungen sei, menschliche Bedürfnisse in Architektur umzusetzen. So beschrieb es Glück auch selbst. Architektur müsse dem Menschen dienen – nicht umgekehrt. Für ihn zählten dabei Praktikabilität, Wirtschaftlichkeit, Langlebigkeit sowie eine hohe Nutzerzufriedenheit. All das hat der Wiener, der als sein Vorbild das Wohnbauprogramm des Roten Wien der 1920er- und 30er-Jahre nennt, mit seinen Bauten wie Alt Erlaa zweifelsfrei erreicht.

Am  Pool trifft man den Generaldirektor in der Badehose. Das schafft Begegnung auf Augenhöhe. Das ist ein Katalysator für Sozialisation und Kommunikation.

Harry Glück über seine Idee der sozialen Durchmischung

Eine Studie der Wiener Stadtplanung 2004 zeigt, dass die Bewohner Alt Erlaas mit Abstand die zufriedensten im sozialen Wohnbau sind, 95 Prozent würden sogar wieder hierherziehen. Dass die Bauten an sich keine Architekturpreise gewinnen würden, ist den Bewohnern somit egal und bekräftigt das Vorgehen Glücks, auf die Funktionalität anstatt Ästhetik zu achten.

Zeitlosigkeit

Ein Gebäude, das so viele Menschen als negativ empfinden, von den Bewohnern aber als so toll eingestuft wird, faszinierte den Raumplaner Reinhard Seiß. Er hat ein Buch über die Wohnbauten Glücks herausgegeben und sich dafür mit dem Schaffen des Architekten auseinandergesetzt. „Da sind Bauten dabei, die keine Zier sind. Aber die Ästhetik ist wohl nicht das Wichtigste für die Menschen, die ist ohnehin sehr der Zeit unterworfen“, sagt Seiß. Wohnbauten, die vor dreißig Jahren dem Zeitgeist entsprochen haben, würden heute oft kitschig wirken.

Über Glück selbst sagt der Architekturkenner, dass dieser ein wahrer „Überzeugungstäter“ gewesen sei, besessen von seinem Konzept, sehr scharfsinnig und gleichzeitig ein unterhaltsamer Gesprächspartner. Besonders hervorheben möchte er die Terrassen-Wohnhäuser, die Glück als Erster in Serienreife realisiert hat und so den Wohnraum in Natur übergehen ließ, sowie die eingangs erwähnten Dachschwimmbäder, die eine Glück’sche Innovation, eine Weltneuheit gewesen seien.

Das Besondere an den Glück-Wohnbauten ist, dass sie trotz der vielen Annehmlichkeiten für ihre Bewohner nicht teurer waren als herkömmliche Wohnsiedlungen. Durch intelligente Lösungen bei der Gebäudekonstruktion sowie der Haustechnik konnte Glück bis zu 15 Prozent der üblichen Kosten eines Wohnbaus einsparen – und damit Dachpools und Gemeinschaftsräume realisieren.

Ich war zu keiner Zeit ein Günstling der Politik. Denn die Anfeindungen seitens des Architektur-Establishments waren  nicht gerade karrierefördernd.

Harry Glück über sein Verhältnis zum Roten Wien

Da kommt die Frage auf, warum Stadtregierung und Bauträger heute nicht den Glück’schen Ansatz verfolgen und mehr auf den Mikrokosmos einer Wohnanlage achten. Es gibt zwar immer wieder Ansätze im geförderten Wohnbau – beispielsweise mit Urban-Gardening-Plätzen oder einem Gemeinschaftsraum – aber das „vollwertige Wohnen“, wie es von Glück geprägt wurde, spielt eine untergeordnete Rolle.

„Zu behaupten, man baue für die Menschen, heißt nicht immer, dass man es auch schafft“, versucht Reinhard Seiß die gegenwärtige Situation zu erklären. Architektonische Selbstverwirklichung und Dienstleistung am Bewohner stünden eben oft im Widerspruch.

Mit seiner Pionierarbeit im städtischen Wohnbau hat Glück ein urbanes Konzept entwickelt, das durch bandstiftende Möglichkeiten und breite Grünflächen nicht nur Raum zum Wohnen, sondern zum Leben schafft. Den Wohnbau sah er als die weitaus wichtigste Bauaufgabe an.

„Der Großteil der Menschen wohnt nicht, sondern lebt in Unterkünften. Diese Distanz zu verringern war und ist ein Anliegen“, sagte Glück selbst dazu. Die über 50 von ihm geplanten Schwimmbäder auf den Dächern seiner Wohnanlagen haben sicherlich ihren Teil dazu beigetragen.

  • … Harry Glück  rund 18.000 Wohnungen erbaut hat? 16.000 davon in Wien. Damit hat er so wie kein anderer die Nachkriegsarchitektur der Stadt geprägt.
  • … der Architekt vor seinem Architekturstudium Bühnenbild und Regie am Max-Reinhardt-Seminar studiert hat? „Über die Bühnenbildnerei bin ich schließlich zur Architektur gekommen. Das ist auch eine Art Bühnenbild – nur größer und wichtiger“, sagte Glück zu seinem außergewöhnlichen Werdegang.
  • … Glück nicht nur Wohnhäuser, sondern auch eine Vielzahl an Pensionistenwohnhäusern, Bankfilialen, Bürobauten, das Marriott Hotel Wien sowie das Rechenzentrum realisiert hat? Sein Steckenpferd war jedoch der Wohnbau.
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