Es gibt viel zu sehen: „Bridgerton“, ein Mix aus Jane-Austen-Drama und „Gossip Girl“, ergründet den Heiratsmarkt der Londoner High Society im Regency-Zeitalter

© LIAM DANIEL/NETFLIX

freizeit Mode & Beauty
01/26/2021

Modetrend „Royaltycore“: "Bridgerton" und die Entdeckung der Romantik

Der Netflix-Hit entfacht eine Sehnsucht nach längst vergangenen Mode-Zeiten.

von Julia Pfligl

Es ist der Gegenentwurf zur aus Jogginghose und Schlabberpulli bestehenden Lockdown-Uniform: Enge Korsetts, märchenhafte Empirekleider, gefiederte Haarreifen und „Mary Janes“, also Stöckelschuhe mit Ristspange, prägen die Ästhetik der Serie „Bridgerton“, die an den Weihnachtsfeiertagen erstmals ausgestrahlt wurde und schon jetzt zu den meistgesehenen Netflix-Titeln aller Zeiten zählt.

Obwohl die Darsteller in den acht Episoden der Historien-Soap oft nackt sind (siehe unten), ist es vor allem die dekadente Kleidung, die die Zuseher zum Schwärmen bringt. In 7.500 (!) Looks fängt Kostümdesignerin Ellen Mirojnick den opulenten Stil der britischen Upper Class während der sogenannten Regency-Ära im frühen 19. Jahrhundert ein und mixt ihn mit poppigen Gute-Laune-Elementen. Nun spiegelt sich der Serien-Hype auch im Kaufverhalten wider.

Tiktok-Trend

Bei der Mode-Suchmaschine Lyst häufen sich seit Jahresbeginn die Anfragen nach Korsetts, Perlen- und Feder-Haarschmuck sowie langen Handschuhen, das Interesse für unter der Brust abgenähte Empirekleider, vor allem vom britischen Label Erdem, stieg sogar um 93 Prozent. In den sozialen Medien greift der romantische Retro-Trend ebenfalls um sich: Auf der Spielwiese der Generation Z, Tiktok, präsentieren sich junge Frauen unter den Hashtags „Royaltycore“ und „Regencycore“ in Kleidern und Accessoires, die von der Serie inspiriert wurden.

Für einen Fernsehabend mit der ganzen Familie ist „Bridgerton“ eher nicht geeignet: Die Sex-Szenen zwischen dem attraktiven Herzog von Hastings (Regé-Jean Page) und der heiratswilligen höheren Tochter Daphne Bridgerton (Phoebe Dynevor) sind teilweise so explizit, dass sie zum  Missfallen von Netflix jetzt sogar auf einer Pornoseite gelandet sind. Während die Serien-Macher sichtlich bemüht sind, weibliche Lust und Konsens in den Fokus zu rücken, erhitzte eine bestimmte Szene die Gemüter der Zuseher: Als Bridgerton erfährt, wie Kinder entstehen, zwingt sie den Herzog, in ihr zu ejakulieren – dabei werde Vergewaltigung verharmlost, kritisierten viele Twitter-Nutzer.  

Dabei ging es am Set, ganz im Sinne der Post-MeToo-Ära, vorbildlich zu: Wie schon bei den Serienerfolgen „Normal People“ und „Sex Education“ sorgte  ein „Intimacy Coordinator“  während der Dreharbeiten dafür, dass sich alle Beteiligten beim inszenierten Liebesspiel wohlfühlen.  Schmuddelvorwürfe lassen die Schauspieler nicht gelten:  Die Sex-Szenen seien wichtig, um die Entwicklung ihrer Figur darzustellen, betonte Phoebe Dynevor.

„Bridgerton“, produziert von „Grey’s Anatomy“-Macherin Shonda Rhimes nach einer Romanreihe von Julia Quinn, ist die jüngste Netflix-Serie, die in einem Jahr ohne Red-Carpet-Events zum Modespektakel avanciert: Im Herbst erfreuten sich die Zuseherinnen am extravaganten Stilmix von „Emily in Paris“, danach erlebten Lady Dianas bunte Strickpullover dank „The Crown“ eine überraschende Renaissance. Und jetzt die Ballkleider der höheren Töchter, die im Jahr 1813 bei Tanz und Tee den Londoner Heiratsmarkt erobern.

"Generell zeigen unsere Daten seit dem Start der Pandemie ein steigendes Interesse am 'Stil der Leinwand'", berichtet Emily Gimpel von Lyst. "Shopper verbringen viel mehr Zeit zu Hause und in ihrer eigenen Gesellschaft, weshalb sie sich von Filmen und Fernsehsendungen modisch inspirieren lassen und das spiegelt sich stark in ihrem Einkaufsverhalten wider."

Willkommen im Märchen

„Mode ist auch eine Form von Eskapismus“, erklärt die Psychologin Christa Schirl den Trend. Dass „Bridgerton“ in der Ballsaison angesiedelt ist, tröstet über das Fehlen von Bällen und gesellschaftlichen Ereignissen in der Gegenwart hinweg und ist Balsam auf die Seele des pandemiegeplagten Publikums. 

„Wir sehnen uns nach alten Zeiten, in denen – vermeintlich – alles gut war. ,Bridgerton‘ ist in dieser Krise ein willkommenes Märchen, ein totaler Kontrast zur Jetzt-Zeit. Niemand möchte aktuell eine Serie über eine Epidemie sehen“, sagt die Psychologin. Die Macher spielen mit den Sehnsüchten der Zuseher und stellen historische Fakten in ein besseres Licht – so wurden etwa sowohl der begehrte Duke of Hastings als auch die Königin mit schwarzen Schauspielern besetzt, was der Serie viel Lob, aber auch Kritik einbrachte.

Ein Ende des „Bridgerton“-Booms ist vorerst jedoch nicht in Sicht: Vergangene Woche verkündete die geheimnisvolle Serien-Protagonistin Lady Whistledown auf dem offiziellen Instagram-Profil, dass ab Frühling neue Folgen gedreht werden. An gutem Stoff wird es bestimmt auch in Staffel 2 nicht mangeln.

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