Endlich angekommen: Julia Schnizlein ist seit September Pfarrerin in Wien und als solche auch in den sozialen Medien aktiv.

© Schnizlein

freizeit Leben, Liebe & Sex
12/24/2020

Pfarrerin Julia Schnizlein: "Die Dunkelheit hat nicht das letzte Wort"

Julia Schnizlein, seit heuer evangelische Pfarrerin, über ihr turbulentes Weihnachten und die Sehnsucht nach Halt.

von Julia Pfligl

Fragt man Julia Schnizlein, was sie an ihrem früheren Beruf als Redakteurin vermisst, muss sie nicht lange überlegen: „Geregeltere Arbeitszeiten“, sagt die Ex-Journalistin und lacht. An der Work-Life-Balance muss sie als Pfarrerin noch feilen, tauschen würde sie aber nicht mehr: Im September wurde die Theologin nach zweijährigem Vikariat und einem Jahr als Pfarramtskandidatin in der Lutherischen Stadtkirche zur evangelischen Pfarrerin, eine von 89 in Österreich, ordiniert. Ein großer Moment in einem turbulenten Jahr für ihre Familie: Neben dem Homeschooling der Töchter Helene und Elsa (10 und 7) galt es, den Umzug in die Pfarrwohnung mitten in der Wiener Altstadt zu stemmen und sich unter besonderen Umständen im neuen Job einzufinden.

In der Pfarrkanzlei, die sich direkt unter der Privatwohnung befindet, bereitet sich Schnizlein derzeit auf die intensiven Weihnachtsfeiertage vor. Sechs Gottesdienste finden allein heute in der Dorotheergasse statt, damit möglichst viele Menschen mit Abstand feiern können. Zwei davon hält die Pfarrerin selbst, auch ihre Töchter sind gefordert: „Sie dürfen zweimal beim Krippenspiel mitmachen. Danach kommt dann auch zu uns endlich das Christkind.“

Begegnung

Vieles ist dieses Weihnachten anders, auch, dass die gebürtige Nürnbergerin ihre Eltern und Geschwister in Bayern nicht besuchen kann. Stattdessen ist ein großes Zoom-Treffen mit Hausmusik geplant. „Wir werden alle unsere Instrumente auspacken und singen. Wir sollten uns davon verabschieden, dass alles so sein muss wie immer. Dann wird viel Kreativität frei und man findet Wege, auf eine andere Art gegen die Vereinsamung anzukämpfen.“

Mit dem Thema Einsamkeit wurde sie in diesem Jahr auch in ihrer Arbeit als (digitale) Seelsorgerin häufig konfrontiert. Vor allem auf Instagram, wo die Pfarrerin schon lange vor dem Lockdown als @juliandthechurch aktiv war, um Bibelinhalte in einen aktuellen Kontext zu setzen und mit Jugendlichen in Kontakt zu treten. „Im Lockdown haben mich viele angeschrieben: Junge Paare, die sich nicht sehen konnten, Studenten, die von ihren Familien getrennt waren. Trennung und Vereinsamung war ein ganz großes Thema.“ Für die 42-Jährige ist das der schönste Unterschied zum Journalistenjob: sich auch dann um Menschen kümmern zu können, wenn sie nicht „die große Story“ bringen, mit ihnen in Verbindung zu bleiben. Zwischen dem Verfassen der Predigten schreibt sie Weihnachtskarten an Angehörige, die sie bei Begräbnissen begleitet hat.

Durch die auferlegte Distanz wachse die Sehnsucht nach Gemeinschaft, beobachtet die Theologin. Nach den Lockdowns seien mehr Leute als sonst in die Kirche gekommen (die Sicherheitskonzepte werden bis jetzt streng umgesetzt). „Die Menschen sehnen sich nach Vertrautheit und die Kirche ist ein Ort, an dem vertraute Lieder gesungen und Gebete gesprochen werden. Vor Corona konnte man auch mal in ein buddhistisches Kloster fliegen, um zu meditieren. Jetzt habe ich das Gefühl, dass die Menschen öfter bei der Kirche ums Eck vorbeischauen. Das Bedürfnis nach Halt ist groß und ich bin überzeugt, dass die Kirchen diesen Halt geben können.“

Botschaft

Halt fand auch sie im Glauben, als ihre Tochter mit einem Herzfehler zur Welt kam. Kürzlich feierte Elsa, ein gesundes und aufgewecktes Mädchen, ihren siebten Geburtstag. „Ein kleines Weihnachtswunder“, sagt Schnizlein, die seit elf Jahren verheiratet ist. „Auch das ist Weihnachten: dass die Dinge anders kommen als erwartet. Ich hätte nie gedacht, dass das Leben mit einem vermeintlich kranken Kind so positiv und schön sein kann.“

Apropos Weihnachten: Die Botschaft von Jesu Geburt habe heuer eine besondere Bedeutung. „Sie ist das Versprechen, dass die Dunkelheit nicht das letzte Wort hat, dass Liebe über Hass siegt. Auch das ‚Fürchte dich nicht’ der Engel zu den Hirten ist sehr aktuell: Das heißt nicht, dass wir leichtsinnig mit der Pandemie umgehen sollen, sondern dass wir diese Krise mit Mut und Vernunft bewältigen können.“

Als Neujahrsvorsatz empfiehlt die Pfarrerin einen Text aus dem Römerbrief, den sie auch für ihre Amtseinführung wählte. „Da heißt es: Lass dich nicht vom Bösen überwinden, überwinde das Böse mit Gutem. Das halte ich für wichtig, auch zu wissen, dass man selbst aktiv werden muss, um sich nicht von der negativen Stimmung anstecken zu lassen. Immer versuchen, das Gute zu sehen – und zu hoffen.“

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