Der Gang in eine Kinderwunschklinik ist für Paare oft nicht leicht, das Glück am Ende immer groß.

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freizeit Leben, Liebe & Sex
07/09/2020

Kinderwunsch: Wo Reproduktionsmedizin an ihre Ethik-Grenze stößt

Was die Zukunft der Reproduktionsmedizin für Paare bringt – und wo sie an ethische Grenzen stößt.

von Marlene Patsalidis

Die Broschüren für Paare waren vom einen auf den anderen Tag unbrauchbar. "Die Anrede 'Herr und Frau' war nicht mehr passend", erinnert sich Andreas Obruca, Leiter des Kinderwunschzentrums an der Wien. Die Heftchen bekamen eine Frischekur – fünf Jahre ist das inzwischen her.

Damals wurde mit der Novellierung des Fortpflanzungsmedizingesetzes der Forderung lesbischer Paare nach Gleichberechtigung Rechnung getragen.

Über 250 homosexuellen Frauen wurde der Babywunsch im Kinderwunschzentrum an der Wien inzwischen erfüllt – und es werden immer mehr. "Die vielfältigen Kinderwunsch-Patchworkfamilien sind Alltag bei uns geworden", beschreibt Obruca. "Was ihre Bedürfnisse betrifft, lernen wir immer noch dazu. Lesbische Paare kommen nicht mit einem medizinischen Problem zu uns, wie das bei heterosexuellen der Fall ist."

Patchwork-Praxis

Letztere suchen Kinderwunschkliniken auf, wenn es mit dem Kinderkriegen nicht klappt. Lesbische Paare stehen vor einem anderen Dilemma: Sie brauchen männlichen Spendersamen, um schwanger zu werden. Im Set-up der heterosexuellen Kinderwunschpatienten seien sie nicht gut aufgehoben. "Wir haben deshalb früh eigene Informationsabende veranstaltet."

Unterdessen wollen nach wie vor immer mehr Paare immer später Eltern werden. "Diesen Trend beobachten wir seit 20 Jahren", sagt Obruca. Die Familienplanung nach hinten zu verlegen ist dank medizinischen Fortschritts machbar geworden. "Der Fruchtbarkeit der Frau bleibt aber eine natürliche Grenze gesetzt."

Entkoppelte Sexualität

Abseits der Paarfrage tut sich in der Fortpflanzungsmedizin einiges. "Das Kinderkriegen wird sich weiter von der Sexualität entkoppeln", prognostiziert der Experte und spricht das Einfrieren von Eizellen an. "Vor allem Frauen, wo wir früh nachweisen können, dass sie eine eingeschränkte Eierstockreserve haben, werden sich künftig sicher häufiger damit beschäftigen. Damit sie – wenn sie das eines Tages möchten – gute Voraussetzungen für eine Schwangerschaft haben." Bei Frauen werden sämtliche Eizellen im Embryonalstadium angelegt.

Ab 35 reduzieren sie sich drastisch, irgendwann – zwischen 45 und 52 – sind sie verbraucht. Bei manchen Frauen ist das viel früher der Fall, etwa wegen Erkrankungen, oder einer Chemotherapie. In solchen Fällen ist das Einfrieren von Eizellen in Österreich schon erlaubt.

Fortpflanzung 2.0

International wird zu künstlichen Ei- und Samenzellen geforscht. Die Idee ist, Geschlechtszellen aus anderen körpereigenen Zellen zu produzieren. Theoretisch lässt sich aus jeder beliebigen Körperzelle eines jeden Menschen künstlich eine Ei- oder Samenzellen bilden. Für künstliche Geschlechtszellen muss eine wandlungsfähige Stammzelle in der Ei- oder Samenzelle neu programmiert werden. Verschmilzt man die 2Allround-Stammzelle" mit der alten Ei- und Samenzelle, entsteht neues Leben. Obruca: "In Tierversuchen hat das funktioniert." Versuche am Menschen stehen aus. "Das wäre ethisch nicht vertretbar, weil man die Folgen solcher Experimente noch nicht abschätzen kann."

Der Vorteil wäre, dass Frauen im vorzeitigen Wechsel oder Männer, die keine Samenzellen mehr im Hoden haben, sich mit eigenen Zellen fortpflanzen könnten. Hier schließt sich der Kreis zu gleichgeschlechtlichen Paaren. Sie könnten ein genetisch eigenes Kind bekommen.

Künstliche Intelligenz kommt, wie in vielen anderen Lebensbereichen, auch in der Reproduktionsmedizin zum Einsatz. "Zum Beispiel, wenn die Hormonbehandlung zur Stimulation der Eizellenproduktion berechnet wird." Auch befruchtete Eizellen können automatisiert in frühem Stadium – wenn diese der Frau noch nicht wieder eingesetzt wurden – beobachtet werden, "um den idealen Zeitpunkt für das Einsetzen zu finden oder mit größerer Sicherheit jene Eizelle auszusuchen, die das Potenzial hat, sich erfolgreich einzunisten".

Stichwort Auswahl: Diese wird unter dem Schlagwort Designer-Babys seit Jahren kontrovers diskutiert. "Zu Recht", findet Obruca. "Es muss klar sein, dass die Grenzen zur Verbesserung des Menschen nicht überschritten werden. Das ist auch nie der Wunsch, den Paare äußern. Sie wollen ein gesundes Baby."

Lesbische Paare sieht Obruca oft nach einigen Jahren wieder – mit dem Wunsch nach Baby Nummer zwei. "Der Großteil trägt das zweite Kind in geänderter Konstellation aus."

Fernab von Zukunftsszenarien bleibe das die wichtigste Aufgabe der Reproduktionsmedizin: Paare mit unerfülltem Kinderwunsch zu glücklichen Eltern zu machen.

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