Intimpflege-Produkte sollen schonend reinigen. Dabei braucht es dafür eigentlich nur Wasser.

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freizeit Leben, Liebe & Sex
08/23/2021

Intimpflege-Boom: Das umstrittene Geschäft mit dem Frischegefühl

Der Markt für weibliche Intimpflegeprodukte wächst rasant. Was aus medizinischer Sicht untenrum ein No-Go ist – und was der vaginale Schönheitswahn über die Gesellschaft aussagt.

von Marlene Patsalidis

Zwei Pumpspender, eine längliche Tube, ein quadratischer Beutel: Wer im Online-Shop der Marke Two L(i)ps zuschlägt, bekommt ein Intimpflege-Set in edler Box vor die Haustür geliefert. Die pfirsichfarbene Verpackung mit minimalistischem Touch sticht jedenfalls ins Auge. Der Preis – umgerechnet 340 Euro – auch.

Two L(i)ps ist eine von etlichen Marken, die mit Erzeugnissen für den Genitalbereich inzwischen ein ganzes Branchensegment der Beauty-Industrie besetzen. Der weltweite Markt für weibliche Intimpflege wurde 2018 auf 1,1 Milliarden US-Dollar geschätzt, bis 2025 soll er laut dem britischen Marktforschungsunternehmen Technavio um weitere 300.000 Millionen Dollar wachsen.

Das renommierte US-Wirtschaftsmagazin Forbes widmete sich schon vor zwei Jahren den großen Playern der Sparte. Laut dem Trendprognosekonzern Future Market Insights sind Hygieneanliegen die Treiber des Intimpflege-Booms, wobei Feuchtigkeitscremes und Intimwaschgels vor Masken und Sprays am stärksten nachgefragt werden

Sensibles Gleichgewicht

"Der Genitalbereich der Frau ist die empfindlichste Region des weiblichen Körpers", betont Gynäkologin Stephanie Springer vom Frauengesundheitsinstitut Santé Femme. Auch Drogerien würden mittlerweile eine Vielzahl an Intim-Produkten anbieten: "Für eine gesunde Intimhygiene sind sie keineswegs notwendig."

Springer weiß aus Erfahrung: Die meisten Frauen reagieren mit übertriebener Intimhygiene auf ihren ganz normalen Eigengeruch. "Dabei reicht es vollkommen, den äußeren Intimbereich einmal täglich mit warmem, nicht zu heißem Wasser zu waschen. Die Scheide selbst muss nicht gereinigt werden, da sie ein selbstreinigendes Organ ist. Als Gynäkologin ist man oft machtlos, weil die Patientinnen einem nicht glauben."

In ihrer Ordination begegnen der Ärztin die Resultate: "Es kann zu Hautreizungen, Rötungen und Juckreiz kommen. Außerdem kann das empfindliche Gleichgewicht der Vagina gestört werden, wodurch bakterielle Infektionen oder Pilzinfektionen entstehen." Verändert sich der Ausfluss, entwickeln sich Juckreiz, Brennen oder fischiger Geruch, sollte man einen Kontrolltermin vereinbaren.

Wellness-Werbung

Die weibliche Intimzone ist zur Zielscheibe für Wellness-Werbung mutiert. Two L(i)ps promotet seine Produkte noch dazu mit einem selbstermächtigenden Slogan. #loveyouvulvamore (#liebedeinevulvamehr) hallt als Appell an die Selbstbestimmtheit in den Köpfen vieler Frauen nach. Profitgier unter feministischem Deckmantel? "Hier wird mit der Angst von Frauen, nicht gut zu riechen, viel Geld verdient", kritisiert Springer.

Dem stimmt Gynäkologin Eva Thurner zu, sie kann der Entwicklung aber auch etwas Positives abgewinnen: "Dass der Vulva (äußerlich sichtbares Genital, Anm.) nun mehr Aufmerksamkeit zuteilwird und Frauen sie gerne liebevoll pflegen und sich mit ihr beschäftigen, ist begrüßenswert." Allerdings hafte dem weiblichen Genitalbereich seit jeher ein unreines Stigma an, "das sich noch heute im Schamgefühl und übertriebenem Sauberkeitsbedürfnis von Frauen fortsetzt".

Im Normalfall liegt der pH-Wert der Scheide unter 4,5 und damit im sauren Bereich. Das Milieu schützt gegen Bakterien und Pilze.

Die Scheide hat einen milden, unaufdringlichen Geruch. Ernährung, Schwitzen, synthetische Stoffe oder der Zyklus können ihn vorübergehend verändern.

120.000 Euro musste Schauspielerin Gwyneth Paltrow als Strafe zahlen, weil sie ein potenziell gesundheitsschädliches Jade-Ei für die Scheide bewarb.

 

Untenrum jung

Der Jugendwahn macht auch vor dem Intimbereich nicht halt. Weil die Vulva jung, straff und aufgeräumt aussehen soll, steigt die Zahl der Genital-OPs. Laut der jüngsten Ausgabe des Reports der Internationalen Gesellschaft für ästhetische plastische Chirurgie wurden 2019 global 164.000 derartige OPs durchgeführt. Ein Plus von über 70 Prozent im Vergleich zu 2015. 18 Prozent aller Chirurgen führen vaginale Verjüngungsbehandlungen durch.

Die Online-Plattform Refinery29 hat vor zwei Jahren über 3.600 Frauen befragt, wie sie zu ihrer Intimzone stehen. 48 Prozent hatten Bedenken hinsichtlich der Optik ihres Intimbereichs. Die Hälfte offenbarte, den sichtbaren Teil des Geschlechtsorgans als nicht schön zu empfinden. Nur 16 Prozent standen ihrem Intimbereich neutral gegenüber.

Promifaktor

Der Markt erhält auch prominente Unterstützung: Schauspielerin Gwyneth Paltrow und Model Chrissy Teigen preisen Vaginaldampfbäder, It-Girl Khloé Kardashian schwört auf Vitamin E. Ronnie Lamont von der britischen Fachgesellschaft für Gynäkologie formuliert ihre Kritik daran in einem Interview pointiert: "Wenn die Natur beabsichtigt hätte, dass die Vagina nach Rosen oder Lavendel riecht, hätte sie die Vagina nach Rosen oder Lavendel riechen lassen."

Möchte man als Frau nicht auf Intimpflege verzichten, rät Springer zu "Produkten aus der Apotheke, die dem pH-Wert des Intimbereichs angepasst sind". Wer Infektionen vorbeugen will, kann zu Milchsäurebakterien-Präparaten greifen.

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