Wellness
16.03.2017

Vagina-Lippenstift: Ist das wirklich notwendig?

Die Industrie rund um die Intimpflege wird immer kreativer. In den USA wird nun sogar ein Schamlippenstift verkauft. Dabei braucht es letztlich nur ein Produkt: Wasser.

In Zukunft sollten Sie zweimal schauen, welchen Lippenpflegestift Sie in den Einkaufskorb packen – womöglich ist dieser gar nicht fürs Gesicht gedacht. VMagic, ein kalifornischer Hersteller von Intimpflegeprodukten, bietet seit kurzem einen Pflegestift für Schamlippen an – ja, richtig gelesen. Der "Feminine Lips Stick" kostet 20 (!) US-Dollar, besteht unter anderem aus Bio-Avocado-Öl, Bienenwachs, Sanddorn und Honig, wirkt angeblich antibakteriell, soll die Haut vor dem Austrocknen bewahren und untenrum erfrischen. Denn, so heißt es im Online-Shop: "Deine anderen Lippen können auch spröde werden."

Noch ein Intimpflegeprodukt!

Allgemeiner Tenor in den US-Medien: Nicht noch ein Intimpflegeprodukt, das die (Damen-)Welt nicht braucht. Erst kürzlich hatte ein Chiropraktiker mit einem Schamlippen-Klebstoff für Empörung gesorgt, der das Menstruationsblut im Körper halten soll. Auch in Hollywood bekennt man sich in letzter Zeit gerne zur Untenrum-Pflege: Emma Watson ließ die Welt wissen, mit welchem Öl sie ihr

Schamhaar

spült, Gwyneth Paltrow priesgolfballgroße Jadekugeln, die, eingeführt in die Vagina, den Zyklus verbessern sollen.

"Es ist schon unglaublich, was wir da unten alles aufführen", sagt Sexualmedizinerin Elia Bragagna. Der mediale Hype um das

Intim-Tuning

scheint Früchte zu tragen: "Es werden wahnsinnig viele Intimprodukte verkauft und ich merke, dass sich die Frauen plötzlich irrsinnig viel waschen." Wer das tut, sollte danach auch unbedingt eine rückfettende Pflege verwenden, rät Bragagna. "Das muss aber kein teurer Pflegestift sein – schade ums Geld."

Der Wiener Gynäkologe Andreas Nather sieht den Intimlippenstift grundsätzlich positiv: "Wenn es sich um ein reines Naturprodukt handelt, kann es keinen Schaden anrichten", meint der Leiter des Frauengesundheitszentrums Woman & Health. Wichtig sei in erster Linie, dass derartige Produkte nicht parfümiert und pH-neutral sind.

Seinen Patientinnen empfiehlt Nather bei der Intimpflege auf Seifen und herkömmliche Duschgels zu verzichten. Stattdessen rät er den äußeren Schambereich mit Wasser zu pflegen. Dem stimmt auch Bragagna zu.

Kontraproduktiv

Aus seiner Erfahrung weiß der Gynäkologe aber auch, dass viele Frauen ein gesteigertes Bedürfnis nach einem sauberen Gefühl im Intimbereich haben. In diesem Fall empfiehlt er milchsäurehaltige Waschgels, die den pH-Wert der Scheide nicht aus dem Gleichgewicht bringen. "Normale Duschgels und Seifen sind basisch, das Scheidenmilieu muss allerdings sauer sein, damit sich keine Pilze und Bakterien einnisten können." Nach einer Infektion oder der Einnahme von Antibiotika stellen Vaginaltabletten das saure Milieu wieder her. Zur Vorsicht mahnt Nather dennoch: "Zu viel waschen kann kontraproduktiv sein, weil die Scheidenflora dann erst recht gereizt wird." Die Vermarktung teurer Pflegeserien beurteilt er außerdem kritisch. Den Intimbereich einmal pro Tag zu pflegen reiche aus.

Spezielle Spülungen sollte man nur anwenden, wenn sie vom Facharzt verschrieben wurden – beispielsweise bei Intimbeschwerden, die durch Bakterien hervorgerufen werden und einer Behandlung bedürfen. Eine übermäßige Anwendung, zeigte eine US-Studie, zerstört jedoch die körpereigenen Schutzbakterien und erhöht das Risiko für eine HPV-Infektion. Derartige Produkte können nur bei richtiger, gezielter Handhabung sinnvoll sein, bestätigt Nather die Untersuchungsergebnisse. "Eine gesunde Intimpflege ist wichtig, dabei muss man darauf achten, dass man das richtige Produkt verwendet." Im Zweifelsfall gilt es Rücksprache mit dem behandelnden Arzt zu halten.

Das wachsende Interesse für die Intimpflege zeige, "wie verunsichert die Menschen sind", meint Bragagna. "Alles muss perfekt designt sein. Intimpflege ist ein Wirtschaftsfaktor geworden. Wir sollten aber nicht vergessen, dass der natürliche Geruch der Vagina und Schamhaare letztendlich Lockmittel sind – also einen Sinn haben."