Selfmadefrau und Kunstsammlerin Helena Rubinstein: Sie blieb ihr Leben lang unabhängig

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freizeit Leben, Liebe & Sex
09/19/2020

Helena Rubinstein: Hässlich gibt's nicht, höchstens faul

Helena Rubinstein gründete aus dem Nichts einen der größten Kosmetikkonzerne der Welt. Mit Ehrgeiz und Selbstinszenierung.

von Barbara Mader

Kein Glaube, kein Mann. Wo soll das enden? Die Sorge der Familie Rubinstein um ihre Älteste war groß. Dabei war das zierliche, nur 1,48 Meter große Mädchen äußerst ansehnlich. Das volle schwarze Haar fiel ihr beim Tanzen effektvoll über die Schultern, ihr Geschmack war ausgeprägt. Aber das Mädel wollte partout nichts von Heirat und Synagoge wissen. Dafür aber von Geschäften. Herzel und Gitel Rubinstein wussten: Ihre Tochter war praktisch nicht vermittelbar.

Dass Chaja, wie die spätere Gründerin des Weltimperiums Helena Rubinstein eigentlich hieß, sich nach der weiten Welt sehnte, war den Eltern gar nicht unrecht. So konnten sie in aller Ruhe die weiteren fünf Töchter verheiraten, während die Älteste bei Verwandten in Australien unterkam. Sie hatten nicht damit gerechnet, dass Helena nicht nur Geschäfts-, sondern auch Familiensinn hatte und ihre Schwestern und sämtliche Verwandte in ihrem Konzern unterbringen würde.

Sagenumwobene Creme

Dabei wurde der Grundstein für den Welterfolg zu Hause in Krakau gelegt. Mutter Gitel, eine elegante Dame, legte viel Wert auf Schönheit und die Pflege ebendieser und salbte Abend für Abend die Gesichter ihrer Kinder mit der geheimnisvollen Creme ihres ungarischen Bekannten. Angeblich eine Mischung aus Kräutern, Mandelmilch und der Rinde einer Konifere aus den Karpaten. Zwölf Tiegel dieses sagenumwobenen Elixiers wurden der Tochter später mit auf die Reise gegeben.

Und dann war da die Lust am Geschäft, die die junge Helena schon entdeckte, als sie längst noch nicht so hieß: Mit erst 15 Jahren vertrat Chaja ihren Vater bei Verhandlungen und sollte sie später in Australien ihre Eltern, ihre Geschwister und die gute Krakauer Wurst vermissen: Die Freude am Business überstrahlte Sorgen und Angst. Denn immerhin war die junge Frau Rubinstein – wir schreiben das Jahr 1900– völlig auf sich allein gestellt, als sie in Richtung fünfter Kontinent aufbrach. Im Gepäck Mutters Creme, dazu Geschick im Verkauf und die Lust, zu experimentieren: Zunächst im Labor eines Apothekers – der weiße Arbeitskittel, den sie dabei trug, sollte stets ihr Lieblingsoutfit bleiben, lieber noch als die Roben von Chanel und Dior.

Verkauftes Lebensgefühl

Als Kindermädchen englischer Adeliger lernt sie, wie man eine Lady wird. In deren Bibliothek studiert sie Pflanzenkunde und erfährt bei Homer, dass Schönheit von innen kommt. Das Wort „Wellness“ ist noch nicht erfunden, doch keimt in ihr bereits die Idee, dass man ein Lebensgefühl verkaufen muss ... . Und es verkauft sich blendend bei den selbstbewussten, sonnengegerbten Australierinnen, die den seidig weißen Teint der jungen charismatischen Europäerin bewundern.

Mithilfe von Investoren gründet Rubinstein 1902 in Melbourne ihren ersten Schönheitssalon. „Valaze Maison de Beauté“ verkauft Cremes, Massage-Öle und ausführliche Gespräche über den Lebenswandel seiner Kundinnen. Auf wissenschaftliche Atmosphäre legt Rubinstein, die sich als studierte Medizinerin ausgibt, großen Wert. Labor, weißer Mantel und gepflegte Konversation werden zur Trademark. Sie erfindet, was zum größten PR-Coup der Kosmetik-Industrie wird: die Verwissenschaftlichung der Schönheit.

Mit Anfang Dreißig hat sie bereits ein kleines Vermögen erwirtschaftet. Privat bleibt indes alles beim Alten. Bis Helena Rubinstein mit Mitte Dreißig den Vorsatz, niemals zu heiraten, bricht: Ein junger Journalist, ebenfalls Pole, Edward Titus wird ihr Ehemann und Vater ihrer beiden Söhne. Durch ihn knüpft Rubinstein erste Kontakte in die Kunstwelt: In London, wo sie 1910 einen weiteren Salon eröffnet, lernt sie Virginia Woolf kennen, in ihrem Pariser Salon wird die Romancière Colette Stammkundin.

Lebenslange Konkurrenz

Kunst wird neben dem Geschäft zum Lebenselixier: Sammlerin und Mäzenin, lässt sich Rubinstein von den berühmtesten Künstlern ihrer Zeit porträtieren – von Dalí bis Warhol. Sie sammelt Picasso, Matisse und Frieda Kahlo. Und sie weiß, den Gestus der Grande Dame der Kunstwelt auch beruflich auszuschlachten.

Die Eroberung Amerikas wird ihr nicht geschenkt. In New York herrscht Elizabeth Arden, wie Rubinstein tüchtige Self-Made-Frau – und lebenslange Konkurrentin. Und niemand in der eleganten Fifth Avenue will der Jüdin Rubinstein ein Verkaufslokal vermieten.

Gekonnte Selbstvermarktung

Sie wird sich energisch durchsetzen. Gekonnte Selbstvermarktung, die aufkeimende Filmindustrie und die Sehnsucht der Amerikanerinnen nach „europäischer Exotik“ helfen ihr dabei. Sie verkehrt in der High Society und wird, lebenslang mit eisernem Arbeitsethos ausgestattet, trotz zweier Ehen stets unabhängig bleiben. Ihr Schönheitsimperium lenkt sie in den Jahren vor ihrem Tod vom Bett aus. Ihr Credo: „Es gibt keine hässlichen Frauen. Nur faule.“

Ingo Rose, Barbara Sichtermann:
„Augen, die im Dunkeln leuchten.“ Helena Rubinstein. Eine Biografie
Verlag K&S. 320 Seiten. 24 Euro 

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