Böse Blicke statt Besinnlichkeit: Zu Weihnachten kommt es oft zu Streitigkeiten, auch wenn alle von Harmonie träumen.

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freizeit Leben, Liebe & Sex
12/24/2019

Friede, Freude, Weihnachtsfrust: Tipps für entspannte Feiertage

Was dem Festtagszwist zugrunde liegt – und was zu tun ist, wenn es unterm Tannenbaum kracht.

von Marlene Patsalidis

Spätestens, wenn die Christbaumspitze auf der Tanne thront und sich die Geschenke unter den Zweigen stapeln, ist es Zeit – für Besinnlichkeit. Theoretisch jedenfalls. Denn erfahrungsgemäß kommt es oft anders. Während am Christbaum die Kerzen friedlich flackern, entflammt in vielen Familien Streit. Ein bekanntes und verbreitetes Phänomen, weiß Siegfried Preiser, Rektor der Psychologischen Hochschule Berlin.

Der deutsche Psychologe kennt auch die Gründe dafür: "Es hängt in erster Linie damit zusammen, dass die Festtage um Weihnachten emotional stark aufgeladen sind. Da mischen sich positive und weniger positive Gefühlserinnerungen mit Wunschvorstellungen und Vorfreude. Das erzeugt jede Menge Erwartungsdruck, der sich mit jedem Gast potenziert."

Runterkommen

Was viele unterschätzen: Weihnachten fällt auch mit dem Jahreswechsel zusammen. Sowohl im Job als auch privat versucht man, noch möglichst viel zu erledigen und zu klären. "Daher kommt der zusätzliche Impuls, zu Weihnachten alles richtig machen zu wollen", sagt Preiser. Pünktlich am Heiligen Abend auf Knopfdruck in besinnliche Stimmung zu kommen, sei für viele entsprechend schwierig umzusetzen. "Dazu kommt, dass der Gestaltungsrahmen oft eng gesteckt ist und auch verschiedene, generationsbedingt unterschiedliche Traditionen und Vorstellungen aufeinandertreffen", erklärt Daniela Gasser-Pranter von der Familienberatung der Wiener Kinderfreunde. Die latente Spannung, das hohe Stressniveau und emotionale Unsicherheit führen schließlich dazu, dass sich heftige Wortgefechte an Kleinigkeiten entzünden.

Doch dem Gezanke kann vorgebeugt werden. "Man kann lernen, sich zu entspannen. Dafür bietet sich der Advent mit seinen Ritualen auch an", sagt Preiser. Wem das Anzünden von Kerzen am Adventkranz, das Schmökern in Weihnachtsgeschichten, Keksebacken oder das Singen von Weihnachtsliedern nicht zusagt, der kann klassische Entspannungstechniken anwenden. "Dann geht man garantiert gelassener und gestärkter in die Feiertage", sagt Preiser.

Um die Hektik zu drosseln, schadet eine Prise Realismus nicht: Müssen es wirklich sieben verschiedene Kekssorten sein? Muss der Baumschmuck jedes Jahr eine andere Farbe haben? "Zu überlegen, wie man die Ansprüche an sich selbst runterschrauben kann, ist hilfreich", sagt Gasser-Pranter.

Rausgehen

Beim Perfektionismus darf es also gerne etwas weniger sein; Freiräume sollten hingegen großzügig gestaltet werden. "Wenn man über die Feiertage Gäste, zum Beispiel die erwachsenen Kinder, bei sich zu Hause beherbergt, wäre es wichtig, vorab die Erwartungen zu klären. Das beugt Enttäuschung und Frust vor", sagt Preiser. Eltern sollten nicht das Gefühl haben, ständig unterhalten zu müssen, Kinder nicht in die Rolle der Dauer-Entertainer gedrängt werden. Jugendliche oder heimgekehrte Kinder wollen während der Feiertage womöglich Freunde treffen. Auch dafür sollte Platz sein.

Wenn die Stimmung zu Weihnachten getrübt ist, hängt das manchmal auch mit bedrückenden Umständen zusammen. Etwa, wenn ein naher Familienangehöriger gestorben ist oder sich ein Paar kurz vor dem Fest getrennt hat. "Natürlich kann in solchen Situationen nicht wie üblich gefeiert und zur Festtagsordnung übergegangen werden. Aber man kann sich eventuell noch bewusster Zeit nehmen, um zu reflektieren oder Rituale zu pflegen, die beim Abschiednehmen unterstützen", sagt Preiser. Bei Trennung oder Scheidung rät der Experte, die Situation gegenüber Kindern, die ebenfalls darunter leiden, offen anzusprechen. "Es gilt einen Rahmen zu schaffen, in dem sie ihre Traurigkeit oder Wut ausdrücken können."

Ruhe bewahren

Nähert sich der Streit am Weihnachtstisch einem Zerwürfnis, ist Deeskalation angesagt. Die will gelernt sein. "Ratsam ist, die Konfliktsituation nicht zu überspielen, sondern sie anzusprechen", sagt Preiser. Provokante Äußerungen können abgewehrt werden, indem man ruhig aber bestimmt Grenzen zieht und keinen Zweifel daran lässt, dass man sich damit aktuell nicht befassen möchte.

Auch Gelassenheit entlastet, weiß Gasser-Pranter: "Sich bewusst zu machen, dass ein Streit am 24.12. nicht unbedingt schwerer wiegt als am 16. Mai und nicht das ganze Fest in Gefahr ist, kann helfen, die Situation in Perspektive zu setzen." Auch zu Weihnachten müsse man sich manchmal Luft machen, "damit es dann wieder besinnlich weitergehen kann".

Rat auf Draht
Unter der Notrufnummer 147 bieten Psychologinnen und Psychologen von Rat auf Draht Menschen in Krisensituationen Hilfe und Beratung.


Frauennotruf / Frauenhelpline
Der 24-Stunden Frauennotruf unter 01/71 71 9 ist Anlaufstelle für alle Frauen und Mädchen, die von Gewalt betroffen sind. Österreichweit unterstützt die Frauenhelpline unter 0800/222 555.


Polizei
In akuten Notfällen hilft die Polizei  133 oder 112 weiter.

Alle Hilfe- und Beratungsstellen unter www.gewaltinfo.at

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